Mysteriöse Suizidserie unter Indigenen Der Alptraum der Attawapiskat

In Kanada sorgt eine Suizidserie in einer Siedlung von Ureinwohnern für Entsetzen: Mehr als hundert Indigene versuchten, sich das Leben zu nehmen. Was ist der Grund?

AP/ The Canadian Press

Bei den Attawapiskat, einem Stamm kanadischer Ureinwohner im Nordosten der Provinz Ontario, herrscht Verzweiflung. Allein am vergangenen Samstag gab es in der Gemeinde elf Selbstmordversuche. Seit September sollen 101 der insgesamt etwa 2000 Bewohner versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Eine dramatische Entwicklung, der die Ältesten jetzt damit begegneten, dass sie den Notstand ausriefen.

Es war eine Geste der Hilflosigkeit, denn schon lange haben die desolaten Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung katastrophale psychosoziale Folgen. Die Suizidserie sei wie ein sich fortsetzender Alptraum, eine Epidemie, beklagen die Bewohner der Krisenregion. "Es ist furchteinflößend, wenn man um zwei, drei Uhr morgens den Rettungswagen hört", sagte Jackie Hookimaw-Witt der "New York Times". "Es sind die jungen Leute, die weggebracht werden."

Hookimaw-Witt ist eine Großtante der 13-jährigen Sheridan, die sich im vergangenen Oktober das Leben nahm. Der Grund? Sheridan, so berichtete es die Tante, habe an Asthma und Diabetes gelitten, sei in der Schule gemobbt worden. Nach einem Abwasserschaden wurde das Haus des Mädchens und seiner Familie unbewohnbar. Die insgesamt 20 Personen fanden Unterschlupf in einem staatlichen Pflegeheim - in zwei Zimmern. Länger als ein Jahr lebten sie zusammengepfercht auf engstem Raum, die kranke Sheridan Hookimaw litt offenbar sehr unter der angespannten Situation.

Das ist trauriger Alltag für viele Indigene in der Region. "Wir haben zu wenig adäquaten Wohnraum, ein schlecht funktionierendes Gesundheitswesen und keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser", sagte Alvin Fiddler, ein Vertreter der indigenen Gruppen. Selbstmordversuche und Suizide seien "sehr, sehr häufig" unter den Ureinwohnern. "Ich hoffe, dass die Regierung endlich reagiert."

Jung, arm, perspektivlos

Es ist nicht das erste Mal, dass die abgelegene Region von einer solchen Serie erfasst wird. Schon in den Jahren 2009 und 2010 kam es zu ähnlichen Vorfällen, der Notstand wurde schon mehrfach ausgerufen - offenbar ohne Folgen.

Die Attawapiskat leben fernab der Zivilisation, im Kenora-District, an der Mündung des gleichnamigen Flusses am James Bay. In der Abgeschiedenheit konnten indigene Traditionen erstaunlich gut bewahrt werden. Die Menschen jagen Elche und Rentiere, gehen fischen. Viele der Älteren verstehen kaum Englisch - ihre Muttersprache ist eine Variante der Cree-Sprache, das "Swampy Cree". Im Winter sind die Straßen vereist, oft ist nur mit dem Flugzeug ein Durchkommen in die nächstgrößte Stadt möglich.

Die Gemeinde ist überdurchschnittlich jung - ein Drittel ist unter 19 Jahren, drei Viertel der Bevölkerung sind jünger als 35. Die Perspektiven allerdings sind unterdurchschnittlich. Zwar befindet sich knapp hundert Kilometer von Attawapiskat entfernt eine Diamanten-Mine des weltweit größten Produzenten De Beers, wo einige Indigene Arbeit fanden. Die meisten Bewohner der Region sind jedoch bitterarm.

Bei den Selbstmordversuchen ist offenbar kein Muster zu erkennen. Männer wie Frauen jeden Alters seien betroffen, heißt es. Drogen und Alkohol spielten wohl eine Rolle, sagt die studierte Erziehungswissenschaftlerin Hookimaw-Witt. Wie die "National Post" berichtet, sollen mehrere junge Mädchen im örtlichen Krankenhaus wegen Rauschgiftüberdosis behandelt worden sein. Angehörige beklagten eine mangelnde psychosoziale Betreuung für Lebensmüde und ihre Angehörigen, was die Situation verschärft habe.

Jetzt werden erste Maßnahmen ergriffen: Das kanadische Gesundheitsministerium entsandte zwei psychiatrische Berater in die Provinz Ontario. Man wolle mit den regionalen Gesundheitsbehörden eng zusammenarbeiten, hieß es. Diese wollen noch diese Woche ein Team von Sozialarbeitern und Psychologen nach Attawapiskat einfliegen.

The newsfromAttawapiskatisheartbreaking. We'll continuetoworktoimprovelivingconditionsforall Indigenouspeoples.

— Justin Trudeau (@JustinTrudeau) 10. April 2016
Die Situation zwischen Vertretern der Indigenen und der kanadischen Regierung war viele Jahre lang sehr angespannt. Premier Justin Trudeau allerdings will den Problemen der Ureinwohner jetzt höchste Priorität einräumen: Im Etat 2016 sind 8,4 Milliarden kanadische Dollar (rund 5,7 Milliarden Euro) für die Gemeinden der Indigenen, der Métis und der Inuit vorgesehen. Das Geld soll in den kommenden fünf Jahren in die Verbesserung der Infrastruktur, sauberes Trinkwasser und mehr Bildung investiert werden. Zuvor hatte der kanadische Gerichtshof für Menschenrechte geurteilt, dass die Unterfinanzierung der indigenen Gemeinden eine Form des Rassismus darstelle.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

ala



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