Felix Bohr

Kölner Missbrauchsgutachten Ein Kardinal, wie er nicht sein sollte

Felix Bohr
Ein Kommentar von Felix Bohr
Die Studie zu sexueller Gewalt im Erzbistum Köln attestiert Kardinal Woelki keine Pflichtverletzung. Doch wie soll er die Werte seiner Kirche künftig verkörpern können?
Kardinal Rainer Maria Woelki

Kardinal Rainer Maria Woelki

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Andreas Arnold / dpa

Am Anfang war die Moral. Seit jeher zählen Werte wie Aufrichtigkeit, Anstand und Gerechtigkeit zum Markenkern der katholischen Kirche. Zumindest theoretisch. Natürlich hat der Klerus in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder gegen die eigenen Sittenvorstellungen verstoßen. Diese Ausnahmen bestätigten eben die Regel, so hofften viele Katholikinnen und Katholiken. Manche hoffen noch immer. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Gleichzeitig ist die Kirche bis heute ganz groß darin, den Menschen ihre moralischen Maßstäbe aufzudrücken. Diese Woche erteilte Papst Franziskus der Segnung homosexueller Paare eine Absage. Gott könne »Sünde nicht segnen«, so die Begründung. Bekennende Schwule und Lesben erhalten in katholischen Schulen und Altenheimen auch keinen Arbeitsvertrag. Und wenn man zwar katholisch und hetero ist, aber geschieden und wiederverheiratet, bekommt man in der Messe keine Hostie.

Für die im Kölner Erzbistum veröffentlichte Studie zur sexuellen Gewalt durch Kleriker hat die kirchliche Moral erstmal keine Rolle gespielt. Die juristischen Gutachter studierten Akten und Protokolle aus den vergangenen Jahrzehnten. Sie befragten kirchliche Entscheidungsträger und bewerteten den Umgang mit Missbrauchsfällen nach Gesetzen und Paragraphen. Sachlich, trocken und neutral. Wie Juristinnen und Juristen nun mal so sind. Oder sein sollten.

Das neue Gutachten entlastet Woelki

Die Fakten sind erschütternd. Und schnell erzählt. Für die Jahre 1975 bis 2018 konnten die Gutachter in 236 Aktenvorgängen Hinweise auf mindestens 314 Missbrauchs-Betroffene und 202 Beschuldigte im Erzbistum Köln finden. Sie konstatieren insgesamt 75 Pflichtverletzungen kirchlicher Würdenträger. Prominente Kleriker wie der 2017 gestorbene Kardinal Joachim Meisner oder der heutige Hamburger Erzbischof Stefan Heße sollen Missbrauchsfälle laut Gutachten nicht ordnungsgemäß gemeldet und aufgeklärt haben.

Heße hat dem Papst inzwischen seinen sofortigen Amtsverzicht angeboten.

Den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki entlastet das neue Gutachten hingegen. Ihm war zwischenzeitlich auch von Kirchenrechtlern vorgeworfen worden, den Fall eines Missbrauchstäters 2015 pflichtwidrig nicht nach Rom gemeldet zu haben. Woelki war damals bereits Erzbischof. Er rechtfertigte sich damit, der beschuldigte Pfarrer O. sei wegen einer schweren Krankheit nicht mehr vernehmungsfähig gewesen. Der Vatikan gab dem Kardinal recht.

Der 2017 gestorbene O. war so etwas wie Woelkis Mentor gewesen. Er soll sich Ende der Siebzigerjahre an einem Fünfjährigen vergangen haben. Woelki hörte laut eigenen Aussagen erstmals im Juni 2011 von den Anschuldigungen gegen O., da war er noch Weihbischof. Er habe »sich die genannten Vorwürfe nicht vorstellen« können, heißt es in einem Vermerk. Als Woelki im Jahr darauf seine Kardinalsernennung in Rom feierte, war O. dabei.

»Systembedingte Vertuschung« im Erzbistum

Nach den Maßstäben der nun veröffentlichten Missbrauchsstudie kann Woelki offenbar keine Pflichtverletzung nachgewiesen werden. Denn 2011 war er als Weihbischof nicht befugt, Personalentscheidungen zu treffen. Und später war O. dann womöglich zu krank für die Ahndung seiner Tat. Rein juristisch betrachtet trifft Woelki also offenbar keine Schuld. Aber eine andere Schuld trifft ihn sehr wohl.

Denn Woelkis Handeln kann nicht nur nach juristischen Normen bewertet werden, es muss auch den eigenen hohen moralischen Ansprüche seiner Kirche genügen. Woelki war jahrelang Teil eines klerikalen Systems im Erzbistum Köln. In diesem System wurden Fälle sexueller Gewalt immer wieder nicht vollständig geklärt und aufgearbeitet. Die Missbrauchsstudie nennt das »systembedingte Vertuschung«.

Woelkis Ansehen hat in den vergangenen Monaten schweren Schaden genommen. Tausende Gläubige haben ihm bereits das Vertrauen entzogen. Die Kirchenaustrittszahlen in Köln schießen in die Höhe. Es ist schwer vorstellbar, dass der Kölner Erzbischof künftig die Moral seiner Kirche glaubwürdig nach außen vertreten können wird. Die ewigen Werte wie Aufrichtigkeit, Anstand, Gerechtigkeit.

Erzbischof Woelki wird den erklärten Ansprüchen seiner eigenen Institution nicht gerecht. Er sollte Konsequenzen aus der Kölner Missbrauchsmisere ziehen – und dem Papst seinen Rücktritt anbieten.

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