Saufgelage in Köln "Was ist aus unserem Karneval geworden?"

Zum Kölner Karneval fürchten Anwohner neue Exzesse. Viele Besucher wollen nur saufen, manche gaben sich zuletzt öffentlich ihren Trieben hin. Traditionalisten sorgen sich um das Erbe der Jecken.
Von Christian Parth
Demo gegen Exzesse im Straßenkarneval

Demo gegen Exzesse im Straßenkarneval

Foto: Henning Kaiser/ dpa

Den 11. November 2017 wird Maureen Wolf so schnell nicht vergessen. Zum traditionellen Auftakt des Kölner Karnevals fielen Tausende Jecken auf die Zülpicher Straße in der Kölner Innenstadt ein. Die Party auf der etwa 200 Meter langen Vergnügungsmeile im Studentenviertel geriet zu einem hemmungslosen Massenbesäufnis. "Die Leute haben vor meinen Augen ihre komplette Notdurft verrichtet", erinnert sich die Inhaberin der Kultkneipe Bei Oma Kleinmann.

In den Hinterhöfen und Hausfluren der Nebenstraßen hätten sich die Kostümierten neben Pfützen mit Erbrochenem ihrem Trieb hingegeben, mitunter vor den Augen vorbeispazierender Kinder. "Für die Anwohner war das ein Spießrutenlauf, einige kamen wegen des dichten Gedränges nicht einmal mehr in ihre Wohnungen."

Am vergangenen Freitag sind Gastronomin Wolf und die Anwohner des "Kwartier Latäng" für einen gemäßigteren Karneval auf die Straße gegangen. Sie fragen sich: "Was sind das für Menschen, die so etwas machen? Und was ist eigentlich aus unserem Karneval geworden?"

Die Ereignisse vom Elften im Elften, wie der Rheinländer sagt, haben eine Debatte ausgelöst: Was ist noch karnevalistisches Brauchtum, was entgrenzte Narrenfreiheit?

Leere Alkoholflaschen in Köln

Leere Alkoholflaschen in Köln

Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa

An diesem Donnerstag werden die Massen wiederkommen: Mit Beginn des Straßenkarnevals herrscht in Köln sechs Tage lang Ausnahmezustand. Wer das in der Domstadt noch nie erlebt hat, muss das Prinzip erst mal verstehen. "Es gehört zum Lebenssinn dieser Stadt, einmal im Jahr, hinter einer Maske versteckt, die Zwänge abzulegen und sich gehen zu lassen", sagt der Kölner Brauchtumsforscher Michael Euler-Schmidt. "Der Karneval ist anarchisch. Er ist der Gang in eine verkehrte Welt. Man möchte einmal so sein, wie man sonst nicht ist. Aber natürlich gibt es dabei Grenzen."

Der Karneval ist längst nicht mehr nur Brauchtum und kölsche Leitkultur, er ist auch kommerzielles Event, ein Millionengeschäft, an dem viele teilhaben wollen. Die Hotelpreise erzielen Jahreshöchstwerte, mit Hunderten Bussen und Zügen kommen Menschen aus dem In- und Ausland in die Stadt. Und weil das Einzige, was beim Feiern immer ein wenig stört, der Winter ist, haben einige Gastronomen beschlossen, einfach auch im Sommer Karneval zu feiern.

Seit einigen Jahren gibt es nun "Jeck im Sunnesching", bei dem etwa 50.000 verkleidete Menschen eine Eintages-Party im Kölner Zentrum zelebrieren. Eine Entkernung der Tradition, nennen das die Hüter des Kölner Brauchtums. Bis vor Kurzem hatten sie sich noch geweigert, mit den Veranstaltern des Sommerkarnevals zu sprechen. All das verstärkt den Eindruck: Der Kölner Karneval steckt in einer Identitätskrise.

Die Oberbürgermeisterin mahnt

Henriette Reker (Archiv)

Henriette Reker (Archiv)

Foto: Henning Kaiser/ dpa

Wenn man den Leuten zuhört, könnte man denken, dem Kölner Karneval ergehe es wie dem Römischen Imperium kurz vor dem Zusammenbruch: Es herrschen Zügellosigkeit und Entgleisung. "Der Karneval ist in den letzten Jahren - oder eher Jahrzehnten - zu etwas geworden, das eher einem allgemeinen Besäufnis entspricht, als dem, was unsere Karnevalskultur ausmacht", kritisierte Oberbürgermeisterin Henriette Reker vor ein paar Tagen ungewöhnlich deutlich.

Nach den Auswüchsen vom 11. November 2017 rief sie einen Runden Tisch ins Leben, mit Vertretern des Kölner Karnevals, der Stadtgesellschaft und den Behörden. Die Vorgänge, die sich auf der Zülpicher Straße, aber auch in der Altstadt ereignet haben, sollen sich nicht wiederholen. Die Beteiligten einigten sich auf Maßnahmen: Die mobilen Bierbuden werden reduziert und statt wie zuletzt 70 Dixi-Klos und Pissoirs werden in diesem Jahr 700 aufgestellt.

Viele sind allerdings der Meinung, dass mehr Toiletten das Problem nicht lösen werden. "Die Leute denken, in Köln ist immer Party, da kannste machen, was du willst. Das ist das Bild, das Köln nach außen vermittelt", sagt Katrin Stein. Die leidenschaftliche Karnevalistin war am 11. November hauptsächlich damit beschäftigt, Menschen davon abzuhalten, sich im Hausflur oder Vorgarten zu erleichtern. "Die Leute haben keine Hemmungen mehr. Das sind unglaubliche Zustände", zürnt sie. Die Ereignisse haben Narben auf der närrischen Seele hinterlassen. "Ich verliere immer mehr die Lust, Karneval zu feiern."

Demo von Bewohnern des Viertels um den Zülpicher Platz ("Kwatier Latäng")

Demo von Bewohnern des Viertels um den Zülpicher Platz ("Kwatier Latäng")

Foto: Henning Kaiser/ dpa

Auch Michael Euler-Schmidt saß am Runden Tisch. Der Karneval sei mit einem leichten Rausch am schönsten, aber das würden viele nicht begreifen, sagt der Brauchtumsforscher. "Manche Leute kommen hier ja schon besoffen an." Er lobt zwar die Entwicklung des Karnevals in den rheinischen Hochburgen, doch durch die Potenzierung von Menschen und Veranstaltungen seien Auswüchse entstanden, die man nicht konsequent genug beobachtet habe. "Jetzt ist es an der Zeit, missionarisch einzugreifen."

Christoph Kuckelkorn begrüßt mit Narrenkappe und schwarzer Litewka im Haus des Kölner Karnevals im Stadtteil Ehrenfeld. Der Beerdigungsunternehmer und oberste Chef des mächtigen Festkomitees in Köln sitzt in seinem Büro am Kopf einer langen Holztafel. "Der Karneval ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft", sagt Traditionalist Kuckelkorn mit ernster Miene. Die Exzesse seien Ausdruck von Respektlosigkeit und Selbstsucht.

Gerade jetzt sei das Festkomitee als Korrektiv gefragt, sagt Kuckelkorn. "Wir haben dazu eine klare Meinung: Wenn Menschen im Vollrausch zwischen Autos ihre Notdurft verrichten, hat das sicher nichts mit Karneval zu tun. Wir haben nicht zu viel Party in der Stadt, sondern zu wenig traditionellen Karneval."

Nun soll es eine Bühne richten, die man auf einer Wiese hinter der Partymeile an der Uni-Mensa aufgebaut hat. Der Ansatz: Wo es ein Programm gibt und man die Leute nicht sich selbst überlässt, soll es zivilisierter zugehen. Eine Stadtsprecherin sagt: "Wir haben einen Dienstleistungsteppich ausgelegt, aber die Verantwortung, dass es gelingt, liegt auch bei jedem Einzelnen."

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