Karnevalsauftakt in Köln Vernunft trifft auf Enthemmung

In Köln lassen sich die Jecken nicht bremsen. »Mit jedem Schluck schwinden die Vorbehalte«, sagt einer von sehr, sehr vielen Menschen, die endlich wieder feiern wollen.
Aus Köln berichtet Christian Parth
Abstand war gestern: Jecken auf dem Kölner Heumarkt

Abstand war gestern: Jecken auf dem Kölner Heumarkt

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

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Tief schiebt Peter der Frau mit der goldenen Spange im Haar das Stäbchen in die Nase. Nummer 50, sagt er. »Wir rufen dich auf.« Die kleine Testkassette legt er neben die anderen auf einen Biertisch, der mit rotem Glanzpapier überzogen ist. Ein Pirat verteilt Bierflaschen aus einem Kasten, von draußen dröhnt die Musik.

Die private Teststation in einem Hinterhof im Kölner Zentrum, dekoriert mit bunten Paillettendeckchen, wirkt wie ein konspirativer Treffpunkt. Wie ein Umtrunk mitten in der Prohibition.

Es gilt 2G Plus. Zugang erhält man nur mit Ladung. Und nur wer negativ ist, bekommt ein Bändchen ums Handgelenk und schließlich Zutritt zur Karnevalsparty bei »Oma Kleinmann«, einer Traditionskneipe gleich um die Ecke, an der Zülpicher Straße, einer der bekanntesten Amüsiermeilen der Stadt. »Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Gäste sicher feiern können«, sagt Inhaberin Maureen Wolf.

Dicht an dicht

Doch schon die 50 Meter vom Hinterhof zum Kneipeneingang erweisen sich als Infektionsrisiko. Wer durch will, muss sich durchquetschen. Tausende Menschen drängen sich auf der Straße, alle verkleidet, keiner mit Maske, laut Zugangskontrolle aber alle geimpft oder genesen. Sie singen, schreien, grölen, lachen, dicht an dicht. Aus den Kneipen dröhnen Karnevalslieder und Partyklassiker.

Es ist so viel los, dass die Stadt die angrenzenden Uniwiesen spontan als zusätzliche Partyfläche ausweisen und dann um 16.39 Uhr eine Mitteilung verschicken muss: »Alle Zugänge geschlossen. Entlastungsflächen Uniwiesen voll«, außerdem bitte »Ruhe bewahren«. Aus manchen Ecken blitzen erste Kotzfladen, ein Mann sitzt im Hauseingang, Pilotenkostüm, den Kopf auf die Knie gelegt, die Sanitäter sind unterwegs.

Alles wie immer also am 11.11., wenn Köln die Karnevalssession eröffnet. Wäre da nicht die Sache mit dem Coronavirus. Doch damit wollen sich die Feiernden heute wohl mal nicht beschäftigen. »Anderthalb Jahre haben wir verzichtet«, sagt Mario, 23, im Minions-Kostüm. »Jetzt sind wir auch mal wieder dran.«

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Geschminkt, geschunkelt – und geimpft

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Lange war unklar, ob Köln diesen 11.11. wirklich wieder öffentlich feiern sollte. Noch am Montag tagte dazu der Krisenstab. Vernunft trifft auf Enthemmung. Kann das funktionieren?

Vieles musste abgewogen werden: Die Sorge um die steigenden Inzidenzzahlen, die zunehmende Belegung der Intensivbetten. Das Risiko, ein Superspreading-Event auf den Weg zu bringen. Auf der anderen Seite die Sehnsucht der Menschen nach etwas Ausgelassenheit. Nicht zu vergessen all die Gastronomen, denen man nach wirtschaftlich miserablen Monaten erneut hätte zumuten müssen, auf einen der umsatzstärksten Tage im Jahr zu verzichten.

Am Montagabend schließlich war die Entscheidung gefallen. Der 11.11. findet statt unter 2G-Bedingungen, also genesen oder geimpft. Auf das Plus, das viele erwartet hatten, hat die Stadt verzichtet. Die Kritik folgte prompt. »Wie wir 2G beim Schunkeln kontrollieren wollen, ist mir noch nicht ganz klar«, sagte Christian Karagiannidis, Leiter des Divi-Intensivregisters, dem »Kölner Stadt-Anzeiger«.

Wird schon irgendwie gut gehen

Am Donnerstagmorgen lag die Inzidenz dann schon bei 213. Am Mittwoch noch hatte das Festkomitee, die Machtzentrale des organisierten Kölner Karnevals, einen Termin bei der NRW-Landesregierung. Offenbar wollte Düsseldorf sich noch einmal rückversichern, ob die Kölner wirklich wissen, was sie da tun.

Schon am Donnerstagmittag lässt sich sagen: Die Kölner verlassen sich vor allem auf Artikel 3 ihres Grundgesetzes – »Et hätt noch immer jot jejange«. Wird also schon irgendwie gut gehen. Insgeheim dürfte jeder hier wissen, dieser 11.11. ist ein Experiment, eines, das zum Himmelfahrtskommando werden kann.

Wenn das Virus sich heute hier nicht ausbreitet, dann nur aus Glück. Denn von kontrollierter Massenparty kann keine Rede sein. Zwar bekommen Feiernde nur mit 2G-Nachweis Zugang zu den abgesperrten Zonen. Doch dass auch Geimpfte symptomlos positiv und damit ansteckend sein können, weiß das Festkomitee spätestens seit Mittwochabend.

»Das ist doch absoluter Wahnsinn«

Als wäre nicht schon alles kompliziert genug, platzte eine neue Schreckensnachricht in die letzten Vorbereitungen: Prinz Karneval, Sven I., wurde positiv auf Corona getestet. Nun sitzt er in Quarantäne, sämtliche Auftritte von ihm und seinem Gefolge wurden abgesagt.

Doch auch jenseits der Sperrgitter und der 2G-Kontrollen drängen sich Tausende Leute vor den Kneipen und an Bierständen in der ganzen Stadt, trinken, feiern, tanzen. Masken sind meistens nicht zu sehen. Eine Anwohnerin sagt: »Das ist doch absoluter Wahnsinn. Wir haben anderthalb Jahre mit Lockdown und Verboten, mit Homeschooling und Homeoffice verbracht. Und setzen an einem Tag alles aufs Spiel. Das kann doch nicht wahr sein.«

Am Donnerstagvormittag steht Ralf Schlegelmilch im Backstagebereich der Bühne am Heumarkt und sagt ganz sachlich Sätze wie: »Bisher läuft alles gut. Ich bin zufrieden. Es ist schön zu sehen, dass es geht.« Der Unternehmer ist Chef der großen Willi-Ostermann-Gesellschaft, die seit 1969 in der Altstadt den offiziellen Sessionsstart veranstaltet. In seiner Haut will heute vermutlich niemand stecken.

Schlegelmilch musste viel ertragen in den vergangenen Monaten. Schon im August hatte er angekündigt, dass er die Sessionseröffnung – wenn überhaupt – nur mit 2G ausrichten will. Danach haben sich Impfgegner, -skeptiker und Coronaleugner über ihn hergemacht. In den sozialen Medien wurde er wüst beschimpft und beleidigt. In einem nicht frankierten Umschlag landete ein Judenstern in seinem Briefkasten.

Doch heute, am Elften im Elften, gilt Schlegelmilch trotz 2G plötzlich als der Unvorsichtige. »Was wir hier machen, ist nicht illegal«, rechtfertigt er sich. Und es sei auch nicht zu riskant, viele Monate habe er in die Sicherheit und Kontrollen gesteckt.

Außerdem: Gottschalk moderiert »Wetten, dass..?«, Fußballfans gehen in volle Stadien. Warum also nicht Karneval? »Wir wollen zurück in die Normalität. Und heute fangen wir damit an«, sagt Schlegelmilch. Den ungeimpften Kritikern ruft er zu: »Das ist eine private Veranstaltung. Es gibt kein Grundrecht, hier zu sein.«

»Mer singe Alaaf«

10.000 Menschen haben sich auf dem Platz eingefunden, um den Start in die fünfte Jahreszeit zu feiern. Ausverkauft. »Mer singe Alaaf«, schmettern die »Brings« auf der Bühne. Es wird melancholisch. Die Jecken haken sich unter und schunkeln im Stehen. Ein gefühliger Moment, in dem auch Auswärtigen kurz begreiflich wird, warum der Karneval hier so viel zählt.

Dennoch ist die Lage vielen nicht geheuer. »Es ist schon ein mulmiges Gefühl«, sagt Tina, die mit ihrer Gruppe »Kölscherie« gekommen ist. Noch gestern Abend hatten die sechs Frauen diskutiert, ob sie das Wagnis wirklich eingehen sollten. Ihre Männer seien dagegen gewesen. Ein Mann aus einer befreundeten Familie sei zudem trotz Zweifachimpfung und Booster positiv getestet worden. Da werde man schon nachdenklich, sagen sie. Doch das Bier vertreibt die Sorgen. »Mit jedem Schluck schwinden die Vorbehalte.« Vernünftig sei das nicht.

In spätestens zwei Wochen wird Köln wissen, ob sich das Wagnis einer Massenparty in Coronazeiten gelohnt hat. Dann wird die Stadt entweder Vorbild sein. Oder sehr viel zu erklären haben.

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