Katastrophe in Japan Überlebende verzweifelt gesucht

Sie haben ihre Häuser verloren, ihre Heimat - und oft auch ihre Verwandten. Im japanischen Katastrophengebiet leben Tausende Menschen in Notunterkünften, verzweifelt suchen sie nach Freunden und Familienmitgliedern. Mit Hilfe primitiver Mittel - und dem Videokanal YouTube.

AFP

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Hamburg - Die Botschaft dauert kaum eine Minute. Aiko Takahashi, 70 Jahre alt, randlose Brille, violette Wollmütze, steht auf einer Straße, im Hintergrund fahren Autos. "Meine Tochter lebt in Akahama, sie betreibt dort einen Friseursalon. Ich habe keine Nachricht von ihr und konnte sie in der Vermisstenliste nicht finden." Frau Takahashi spricht mit ruhiger, trauriger, fast monotoner Stimme. So, als würde sie sich sehr konzentrieren, das Wesentliche in die kurze Botschaft zu pressen. "Ich wollte ihren Namen schon in der Liste der Todesopfer suchen, aber mein Mann warnte mich davor. Ich sollte besser nicht dort suchen."

Immer wieder richtet sie ihren Blick weg von der Kamera und in den Himmel, schaltet ihn auf unendlich. Und dann sagt sie einen Satz, der gleichsam ein Credo für alle Suchenden im japanischen Katastrophengebiet sein könnte. "Es ist besser zu hoffen, als eine Hiobsbotschaft zu erhalten. Meine Tochter lebt mit ihrem Mann, ihren Kindern und Schwiegereltern zusammen. Von ihnen habe ich auch noch nichts gehört."

Nach Erdbeben und Tsunami hat das Internet-Videoportal YouTube einen eigenen Kanal eröffnet, mit dem Menschen nach Vermissten suchen können. Teams japanischer Fernsehsender fahren die Notunterkünfte im Nordosten des Landes ab und filmen die Kurzbotschaften, die wenig später im Netz abgerufen werden können. Betroffene wie Frau Takahashi stehen in Turnhallen, vor Pinnwänden, auf dem Gehweg. alle, die in die Kamera sprechen, sind auf der Suche nach Freunden oder Familienmitgliedern.

In der Vergangenheit suchten Menschen nach Katastrophen per Handzettel nach Vermissten, heute übernimmt diese Funktion das Netz. Bald schon sollen die Menschen für den sogenannten Person Finder auch selbst Videos hochladen können, die sie mit ihrem Handy aufgenommen haben. Noch aber mangelt es an der nötigen Infrastruktur.

Die Bilder sind schlecht beleuchtet, manchmal haben sie einen Gelbstich, sind flirrend hell oder so duster, dass man schwerlich etwas erkennt. Doch es geht nicht um die Optik, es geht um die Botschaft.

Yutaka Takazawa steht im Flur der Notunterkunft, die ihm derzeit das Zuhause ersetzt, und die er mit Hunderten anderen teilen muss. Die Wand im Hintergrund ist holzvertäfelt, an einer Pinnwand hängen Botschaften, in großen Buchstaben hat man sie auf Zettel geschrieben. Takazawa trägt eine Trainingsjacke und einen weißen Mundschutz, die Augen sehen starr in die Kamera. "Ich bedanke mich herzlich bei den vielen Helfern, die uns aus den anderen Präfekturen zu Hilfe gekommen sind und die uns medizinisch unterstützen. Ich kann meinen Dank nicht in Worte fassen." Dann beginnt der Mann mit dem schütteren Haar und der Brille zu weinen. "Diese Hilfe macht mir Mut, weiterzuleben. Vielen, vielen Dank."

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Der Person Finder will die Menschen miteinander verbinden, will Suchende und Gefundene zusammenbringen. Ko Yamada sitzt auf dem Boden einer Turnhalle, eine viel zu große Trainingsjacke scheint die alte Frau geradezu zu verschlucken. Auf dem Boden liegen Decken, daneben Pantoffeln. "Da das Telefon noch nicht funktioniert, nutze ich diese Gelegenheit, um euch zu benachrichtigen, dass es mir gut geht", sagt die alte Dame. Sie stammt aus der Präfektur Fukushima, nun lebt sie mit Hunderten anderen in einer Notunterkunft in Kawamata. "Wir alle sind in dieser Unterkunft untergebracht. Unser Haus hat die Katastrophe überstanden, kein einziges Fenster ist kaputtgegangen." Es sind nur Momentaufnahmen, doch sie lassen erahnen, wie groß das Leid und die Ungewissheit der 260.000 Menschen sind, die derzeit noch in Notunterkünften ausharren.

9500 Leichen wurden nach der Katastrophe in Japan geborgen, rund 15.000 Menschen gelten noch immer als vermisst.

Der "I am alive"-Button verspricht Hoffnung

"Nach einer Naturkatastrophe gibt es ab einem gewissen Zeitpunkt eine mehr als 90-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die Vermissten tot sind", sagt Philippe Stoll vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) in Genf. Das ICRC betreibt mit FamilyLink eine eigene Website, auf der Menschen im Katastrophengebiet nach Vermissten suchen können. "Die Menschen leiden unter dem psychischen Stress, nicht zu wissen, was aus den Angehörigen geworden ist", sagt er.

5558 Menschen haben sich bislang auf der Seite registriert - die allermeisten von ihnen sind auf der Suche nach Freunden, Verwandten, Bekannten. Erst 400 haben den gelben "I am alive"-Button angeklickt, auf dem die Hoffnung so vieler Menschen ruht.

Die Idee, Menschen nach Kriegen, Krisen oder Katastrophen zusammenzubringen, ist nicht neu. Schon 1870, im Deutsch-Französischen Krieg, versuchten Mitarbeiter des Roten Kreuzes, Menschen mit Hilfe der sogenannten Rot-Kreuz-Mitteilungen zueinanderzubringen. Zettel wurden ausgefüllt, Poster aufgehängt, Botschaften laut ausgerufen. So funktioniert es noch heute, in Liberia, Sierra Leone und anderen Krisenregionen Afrikas. "Für mich ist die Seite nichts anderes als eine neue technische Möglichkeit, diese Suche umzusetzen", sagt Stoll.

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Zuerst hoffte das Japanische Rote Kreuz, die Menschen in den Notunterkünften mit Satellitentelefonen ausstatten zu können. Doch auch sie funktionierten zunächst nicht in der Krisenregion. Inzwischen haben einzelne Gemeinden Telefone und Handys zur Verfügung gestellt.

Das Rettungsteam um den Arzt Shu Sada besuchte mehr als zehn dieser Notunterkünfte. Die acht Mitarbeiter leisteten Erste Hilfe. Schlammgeruch habe in der Luft gelegen, berichteten sie nach ihrer Rückkehr, die hygienischen Zustände seien katastrophal. Fließendes Wasser gibt es nicht, in den Lagern finden die Menschen, die oft dicht gedrängt nebeneinander liegen, keinen Schlaf.

Die Stadt Otsuchi wurde fast völlig vom Tsunami zerstört, die Ando-Grundschule, in der noch vor zwei Wochen Kinder unterrichtet wurden, ist heute eine Notunterkunft - doch der Platz reicht nicht aus. Die Räume sind für 120 Menschen ausgelegt, inzwischen leben mehr als 300 Männer und Frauen in den Gängen, Klassenräumen, der Turnhalle. Unmittelbar nach der Katastrophe, als es keine Decken gab, wickelten sich die Menschen in die Vorhänge.

Aus Angst vor ansteckenden Krankheiten harren viele trotz klirrender Kälte auf dem Schulhof aus, in ihren Autos. Die Schlange vor der Essensausgabe ist mittags rund hundert Meter lang, klaglos reihen sich die Hungrigen ein. Rund 30 Minuten müssen sie warten, um eine Reiskugel und eine Flasche Tee zu bekommen.

"In der Notunterkunft habe ich einige Menschen kennengelernt", sagte eine 79 Jahre alte Frau, die derzeit in einem Lager in Higashimatsushima-Shi lebt, der "Mainichi Zeitung". Sie hat inzwischen die Gewissheit, vier Familienmitglieder bei dem Tsunami verloren zu haben, sucht aber noch nach ihrer Tochter.

"Wenn ich mit den Menschen hier spreche, lenkt es mich eine Weile von der traurigen Situation ab."

Mitarbeit: Yasuko Mimuro



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turkisharmy 24.03.2011
1. Kein Titel
Es ist schlimm wenn ein Mensch berührt ist von diesen Ereignissen und doch nicht helfen kann oder will. Wir empfangen die Bilder in den Wohnzimmern unserer (noch) heilen Welt und wissen nicht was wirklich dort passiert. Dieses Ereignis geht uns alle an und wir schauen nur zu oder wenden uns ab und gehen zur Tagesordnung über, während alles noch schlimmer wird. Immer mehr Krieg, immer mehr Gewalt, immer noch mehr Gier, Neid und Missgunst. Gott wird uns noch mehr strafen wenn wir nicht endlich damit aufhören. Was können wir tun?
taiga, 24.03.2011
2. titel von der uni bayreuth eingezogen
Zitat von turkisharmyEs ist schlimm wenn ein Mensch berührt ist von diesen Ereignissen und doch nicht helfen kann oder will. Wir empfangen die Bilder in den Wohnzimmern unserer (noch) heilen Welt und wissen nicht was wirklich dort passiert. Dieses Ereignis geht uns alle an und wir schauen nur zu oder wenden uns ab und gehen zur Tagesordnung über, während alles noch schlimmer wird. Immer mehr Krieg, immer mehr Gewalt, immer noch mehr Gier, Neid und Missgunst. Gott wird uns noch mehr strafen wenn wir nicht endlich damit aufhören. Was können wir tun?
Der ganze Zeitraum, als es noch keine elektrisch betriebenen Kommunikationsmittel gab, bewahrte die jeweils nicht betroffene, überwältigende Mehrheit der Menschen vor den schrecklichen Informationen, die Katastrophen mit sich bringen. Erst in der heutigen Info-Gesellschaft ist diese absurde Situation entstanden, virtuell am menschlichen Leid teilzunehmen. Einziges Ergebnis scheint zu sein, dass die Informierten immer mehr unbewusste Existenzängste akkumulieren, Schuldgefühle entwickeln und Hilflosigkeit ausdrücken. Das eigentliche Mega-Problem ist die seit einiger Zeit unmissverständlich sich zeigende Überbevölkerung der Art Homo sapiens, die seit etwa 300 Jahren in die Steilkurve des Erdbevölkerungsgraphen eingebogen ist. http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:World-pop-hist-de-2.png&filetimestamp=20041124214757 Wie wir da ohne brutalste Dezimierungen wieder rauskommen sollen, damit werden sich die nächsten Generationen schmerzhaft beschäftigen.
Originalaufnahme 24.03.2011
3. Der Urenkel wird's schon richten
Zitat von taigaDer ganze Zeitraum, als es noch keine elektrisch betriebenen Kommunikationsmittel gab, bewahrte die jeweils nicht betroffene, überwältigende Mehrheit der Menschen vor den schrecklichen Informationen, die Katastrophen mit sich bringen. Erst in der heutigen Info-Gesellschaft ist diese absurde Situation entstanden, virtuell am menschlichen Leid teilzunehmen. Einziges Ergebnis scheint zu sein, dass die Informierten immer mehr unbewusste Existenzängste akkumulieren, Schuldgefühle entwickeln und Hilflosigkeit ausdrücken. Das eigentliche Mega-Problem ist die seit einiger Zeit unmissverständlich sich zeigende Überbevölkerung der Art Homo sapiens, die seit etwa 300 Jahren in die Steilkurve des Erdbevölkerungsgraphen eingebogen ist. http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:World-pop-hist-de-2.png&filetimestamp=20041124214757 Wie wir da ohne brutalste Dezimierungen wieder rauskommen sollen, damit werden sich die nächsten Generationen schmerzhaft beschäftigen.
Es ist so wie mit den Schulden, den angezettelten Konflikten, dem Atommuell, dem Klimawandel... Unsere Kinder und Kindeskinder werden es schon richten? Ich glaube kaum, dass diese schmerzlose Rechnung aufgeht, zumindest nicht fuer die juengeren Leute.
Akku, 24.03.2011
4. Bitte!
Zitat von turkisharmyEs ist schlimm wenn ein Mensch berührt ist von diesen Ereignissen und doch nicht helfen kann oder will. Wir empfangen die Bilder in den Wohnzimmern unserer (noch) heilen Welt und wissen nicht was wirklich dort passiert. Dieses Ereignis geht uns alle an und wir schauen nur zu oder wenden uns ab und gehen zur Tagesordnung über, während alles noch schlimmer wird. Immer mehr Krieg, immer mehr Gewalt, immer noch mehr Gier, Neid und Missgunst. Gott wird uns noch mehr strafen wenn wir nicht endlich damit aufhören. Was können wir tun?
Ich weiß, sie meinen es gut, aber können wir die Religion nicht da heraus halten?
slotermeyer 24.03.2011
5. Auf Thema antworten
Da bleibt nur zu hoffen, dass er's in Ihrem Fall auch tut.
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