Katholikentag in Leipzig Veranstalter verteidigen AfD-Ausladung

Mindestens 30.000 Teilnehmer werden zum 100. Katholikentag in Leipzig erwartet. Die Ausladung der AfD sorgt für Aufregung.

ZdK-Präsident Thomas Sternberg
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ZdK-Präsident Thomas Sternberg


Zehntausende Gläubige kommen ab diesem Mittwoch zum 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig zusammen. Bis Sonntag stehen rund tausend Veranstaltungen auf dem Programm, darunter Gottesdienste, Diskussionsrunden zu politischen und gesellschaftlichen Themen, Workshops und Konzerte.

Zur Eröffnung des Glaubensfests spricht am Abend Bundespräsident Joachim Gauck. Auf dem Leipziger Marktplatz soll eine Videobotschaft von Papst Franziskus in deutscher Sprache ausgestrahlt werden.

Doch vor Beginn der Veranstaltung sorgt die Ausladung der AfD von Diskussionsveranstaltungen für Streit. "Ausgrenzungen haben uns immer nur stärker gemacht", sagte AfD-Vize Alexander Gauland der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt" in einem Streitgespräch mit dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg. Das ZdK organisiert den Katholikentag. Der Vorsitzende verteidigte den Ausschluss.

"Problematisches Gedankengut"

"So einen simplen Fehler hätte ich dem Katholikentag nicht zugetraut", sagte Gauland. Er bekräftigte die Ablehnung der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und kritisierte die Haltung der Kirchen dazu: "Wenn diese Flüchtlingspolitik das Programm der Kirchen ist - dann gebe ich offen zu: Ich bekämpfe das Programm der Kirchen." Die AfD sei keine christliche Partei - "wir sind eine deutsche Partei, die sich bemüht, deutsche Interessen wahrzunehmen", sagte Gauland.

ZdK-Präsident Sternberg warf der AfD dagegen vor, es sei unchristlich, Menschen auf ihre nationale Zugehörigkeit zu reduzieren. Er lese das AfD-Programm und finde Ressentiments an jeder Ecke. Menschenverachtende Positionen hätten auf dem Katholikentag keinen Platz.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) forderte dagegen, mit der AfD zu reden und zu streiten. "Problematisches Gedankengut muss man als solches entlarven, im Gespräch und auch auf offener Bühne", sagte Grütters der Wochenzeitung "Die Zeit". Auf dem Katholikentag werde es darum gehen, "zu zeigen, dass eine Gesellschaft, die sich ihrer Wurzeln und ihrer Identität sicher ist, auch dem Anderen, dem Fremden Raum geben kann, ohne sich bedroht zu fühlen".

Bei der ZdK-Vollversammlung am Dienstag legte Sternberg hingegen laut "Süddeutscher Zeitung" nach: Die religionspolitischen Vorstellungen der AfD bedrohten die Katholiken nicht weniger als die islamischen Glaubensgemeinschaften, sagte er dem Bericht zufolge. Die AfD lege die "Axt an die Wurzel" einer religionsfreundlichen Ordnung.

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) begrüßte die AfD-Ausladung. Löhrmann, selbst ZdK-Mitglied, bezeichnete die AfD als in Teilen fremdenfeindlich und islamophob. Dies widerspreche dem Anspruch der Kirche auf Dialog und Miteinander.

Kirchentag in der Diaspora

Für das 100. Jubiläum des Katholikentags hat sich das ZdK eine Stadt ausgesucht, in der es nur wenige Christen gibt: Gerade mal 4,3 Prozent der rund 570.000 Einwohner Leipzigs sind katholisch, etwa zehn Prozent evangelisch. Die Veranstalter sehen in dem Treffen auch eine Art Test, welche Rolle die Kirche trotz sinkender Mitgliederzahlen in einer zunehmend glaubensfernen Gesellschaft noch spielen kann.

Die Initiative "Wir sind Kirche" erwartet vom Katholikentag Impulse für innerkirchliche Reformen. "Papst Franziskus hat einen frischen Geist in die katholische Kirche gebracht, der in der Kirche in Deutschland noch zu wenig angekommen ist", sagte Sprecher Christian Weisner. Hier seien die Bischöfe in der Verantwortung. "Sie müssen die Verantwortung, die ihnen der Papst übertragen hat, auch annehmen und nutzen." So müssten Frauen in der katholischen Kirche mehr Einflussmöglichkeiten bekommen bis hin zum Diakonat der Frau, das überfällig sei.

Weisner wünscht sich für den Katholikentag, dass die Zehntausenden Teilnehmer hörbar ihre Stimme erheben und offen diskutieren. "Das ist ja das Besondere eines Katholikentages, solche Gesprächsforen gibt es in anderen Ländern nicht." Wenn sich die katholische Kirche dialogfähig zeige, könne sie sich auch glaubhaft und überzeugend in der Gesellschaft darstellen.

Der Katholikentag steht unter dem Leitmotiv "Seht, da ist der Mensch". Mehr als 30.000 Dauerkarten wurden verkauft. Zudem gehen die Veranstalter davon aus, dass zusätzlich Tausende Tagesgäste kommen. Auch für Nichtchristen gibt es Angebote. Katholikentage finden in der Regel alle zwei Jahre in einer anderen Stadt statt - im Wechsel mit den evangelischen Kirchentagen.

wit/AFP/dpa



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