Katholikentag in Saarbrücken Das zweifelhafte Comeback der Kirche

Erstmals seit Joseph Ratzinger auf dem Papstthron sitzt, findet in der Bundesrepublik wieder ein Katholikentag statt. Viele glauben, dass der seit kurzem wieder als trendy geltende Katholizismus hier sein Revival-Highlight feiert. Wenn das mal nicht zu viel erwartet ist.

Von Franz Walter


Ab heute Abend ist wieder einmal Katholikentag, immerhin schon der 96. in der 158 Jahre langen Geschichte dieser frommen Treffen. Und auch diesmal in Saarbrücken dürfte wieder alles eine Frage des Wetters sein. Scheint an allen Tagen die Sonne, dann werden solche Happenings in aller Regel als fröhliche, optimistische und kreative Feste erinnert. Bei Dauerregen hingegen ist eine Art Grunddepression schwer vermeidbar. Insofern hoffen die Veranstalter, dass es nun in Saarbrücken nicht so wird wie vor zwei Jahren in Ulm. Damals ging fast alles schief. Die Zahl der Besucher fiel niedrig aus. Die Witterung war widrig. Außerdem lockten die Spiele der Fußballeuropameisterschaft die Menschen vor das Fernsehgerät statt zum Gebet. Die Politikprominenz der rot-grünen Regierung blieb in Berlin, war zu einer Pilgerfahrt ins Schwäbische partout nicht zu bewegen. Kurzum: Auf viel Beachtung stieß der Katholizismus nicht, während der Junitage 2004 in der deutschen Republik.

Plakat in Saarbrücken: "Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht" lautet das Motto der Veranstaltung
DDP

Plakat in Saarbrücken: "Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht" lautet das Motto der Veranstaltung

Seither aber ist einiges anders geworden. In den Wochen seines Sterbens wurde Papst Johannes Paul II. endgültig zum großen Märtyrer und Charismatiker des Weltkatholizismus. Das steigert das in den Jahrzehnten zuvor reichlich beschädigte Renommee der Kirche insgesamt. Und natürlich profitierte der Katholizismus in Deutschland davon, dass ein oberbayerischer Gendarmensohn die Nachfolge des Karol Josef Wojtyla antrat.

Insofern könnte das Saarbrücker Treffen jetzt auch ein Ausstieg aus der Depression sein, die über den letzten Katholikentagen ziemlich konstant lag. Zumindest hat man dieses Mal darauf geachtet, mit der Fußballpassion im Volk nicht in eine ganz und gar aussichtslose Konkurrenz zu treten. Eine weitere Station also in der höchst wechselhaften Geschichte der Katholikentage.

Nutznießer der liberalen bürgerlichen Revolution

1848 fing alles an. Tatsächlich: Der Katholikentag war ein Geschöpf der bürgerlichen Revolution jenes "tollen Jahres". Die Revolutionäre damals erkämpften das Organisations- und Versammlungsrecht. Und ausgerechnet die Katholiken nutzten das wie kaum eine andere Gruppe. Ein wenig paradox war das schon. Eigentlich hatten die Katholiken mit Revolution, Aufklärung und Emanzipation wenig im Sinn. Katholiken waren im Grunde alles andere als feurige Anhänger des neuen demokratischen Zeitalters.

Aber die Katholiken in Deutschland waren im 19. Jahrhundert eine Minderheit, unter Reichskanzler Bismarck noch dazu politisch diskriminiert und verfolgt. Und als Minderheit erkannten sie schnell, dass die liberalen Rechtsgarantien nur von Vorteil für sie waren. Denn sie erlaubten den Katholiken, nun überall Vereine und Zeitungen zu begründen. Überdies suchten sie demonstrierend die Öffentlichkeit. Der Ort, an dem sie das bevorzugt taten, waren eben die Katholikentage. Hier marschierten die katholischen Verbände seit 1848 regelmäßig auf, mit Fahnen, Bannern, Trachten und Musikkapellen. Den Katholiken machte das Mut, dem protestantischen Establishment ein wenig Angst - diese "Herbstparaden der deutschen Katholiken", wie man sie lange nannte.

Die Zahl der Teilnehmer an dieser katholischen Heerschau stieg ständig an. Anfangs wirkten lediglich einige tausend mit. Zum Ausgang der Weimarer Republik waren es bereits 250.000 Gläubige, die zum Katholikentag nach Essen strömten. Auch der Nationalsozialismus konnte dem katholischen Lager nichts anhaben. Im Gegenteil, schon zum Ende des NS-Regimes und vor allem in den Jahren nach seinem Zusammenbruch waren die Kirchen voller denn je. Und die Katholikentage erreichten jetzt, in den fünfziger Jahren, ihren historischen Höhepunkt. 1956 versammelten sich 800.000 katholische Gläubige im "deutschen Rom", in Köln also, um mit einer ganzen Heerschar von Bischöfen und Kardinälen die Katholikentagsmessen zu feiern.

Eklat im Rebellenjahr 1968

Es war die Blütezeit und Abendröte des deutschen Katholizismus zugleich. Erstmals im modernen Deutschland fühlten sich die Katholiken symbiotisch vereint mit Regierung und Staat.

Damit aber begann die lange Krise des Katholizismus. Im Erfolg keimt eben oft der Niedergang. Je weniger die katholische Kirche gesellschaftlich bedroht war, desto weniger wichtig war der Zusammenhalt der Katholiken - desto mehr zerfiel das katholische Lager. Allmählich verschwanden die katholischen Rituale aus dem Alltag der Menschen: die Feier des Namenstages, das Tischgebet, das Fastengebot, die Ohrenbeichte, der Marienkult. Entscheidend hinzu kam, dass die katholische Hierarchie ihre Autorität in Fragen der Moral und Sexualethik ganz und gar verlor.

Der Eklat ereignete sich auf dem Essener Katholikentag im Rebellenjahr 1968. Unmittelbar zuvor hatte der Papst den katholischen Brüdern und Schwestern den Gebrauch der Antibabypille verboten. Damit aber brachte der Heilige Vater auch treue Kirchgänger gegen sich auf. Der Essener Katholikentag wurde zur Bühne linkskatholischer APO-Aktivisten. Im Stile des legendären SDS skandierten die roten Katholiken: "Alle reden von der Pille, wir nehmen sie". Diesmal erreichte, was sonst selten genug passierte, die Vorhut die Massen. Auf der zentralen und hoffnungslos überfüllten Katholikentagsversammlung zur Pillenenzyklika stimmte die übergroße Mehrheit einer Resolution zu, die den Papst in Rom den Gehorsam aufkündigte. Eine Revolution gleichsam im Katholizismus.

Doch ab 1978 wurde alles anders, die Katholikentage wurden zu munteren und ganz unorthodoxen Jugendfestivals, die jetzt wieder Hunderttausende Teilnehmer aus allen Winkeln der Republik anzogen. Aber schließlich war es eine ganz folgenlose Fröhlichkeit und Buntheit. Katholikentage als Alibiveranstaltungen und Ventil für jugendlichen Enthusiasmus. Die Katholikentage verloren ihren Charme. Dann gab es ab 1980 irgendwo am Rande des offiziellen Spektakels dazu noch die linkskatholischen "Katholikentage von unten". Die Initiatoren hielten sich für sehr kritisch. Aber präsentiert wurde nur der ökologisch-pazifistische Mainstream: Friedensgebete, Betroffenheitskultus, Nicaraguakaffee, Bioobst und simple Traktätchen zur Befreiungstheologie.

Agonie der Amtskirche

Aber ob Katholiken von oben oder unten - all das änderte nichts an der Agonie der Amtskirche. Selbst in den Kernschichten des deutschen Katholizismus lebte eine Art Anti-Papismus auf. Auch die treuen Katholiken hatten ihre Probleme mit der rigiden Sexualethik des Pontifex Maximus; auch die loyalen Kirchgänger konnten sich nun, anders als der Nachfolger Petri, Frauen in Priestersoutanen vorstellen.

Und doch: Zuletzt hatten die meisten Katholiken wieder ihren Frieden mit dem Papst geschlossen. Mehr noch: Selbst über den Katholizismus hinaus hat der kranke, aber willensstarke Papst – als Globalisierungskritiker gar bei jungen Leuten und in kirchenabständigen Kreisen der Linken – Resonanz und Sympathie erzielt. Vor allen die scharfe Ablehnung des Irak-Krieges durch die Kurie hat das Renommee des päpstlichen Katholizismus gestärkt. Seither ist das antikatholische Ressentiment, der aggressive Affekt gegen Rom und den Vatikan in großen Teilen der Gesellschaft geschwunden, ja die Kirche hat während der letzten anderthalb Jahre erheblich an Ansehen gewonnen.

Vor allem als intakte Großorganisation für karitative Versorgungen, altenpflegerische Sozialleistungen, frühkindliche Betreuungsangebote et cetera steht die katholische Kirche durchaus anerkannt und akzeptiert da. Zudem gibt es ein Bedürfnis in modernen Gesellschaften unter den Bedingungen sozialer Prekarität und Beschleunigung nach Orten der Ruhe, der Kontemplation, des Anders-Sein-Dürfens.

Doch ganz sicher ist natürlich nicht, dass die katholische Großbürokratie derlei Verlangen wirklich befriedigen kann. Ein vitales Kraftzentrum für seelische Regeneration oder metaphysischen Tiefdrang ist das institutionalisierte Christentum in Deutschland eher nicht. Und so kann es kommen, wie man es oft bereits erlebt hat, dass der Event den Alltag nicht übersteht, dass auch die beglückenden Gemeinschafts- und Meditationserfahrungen des Saarbrücker Katholikentags auf dem Weg zurück in die örtliche und überalterte Gemeinde verebben und versanden. Man wird sehen, was nach einem Sommer des Fußballs vom vielzitierten Comeback des Christentums übriggeblieben sein wird.



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