Aktion von Katholiken 125 Kirchenmitarbeiter outen sich

Mit einer großen Outing-Aktion prangern katholische LGBTIQ+ die Doppelmoral der Kirche an. Sie fordern, endlich das diskriminierende Arbeitsrecht der Institution zu kippen.
Initiative #OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst

Initiative #OutInChurch. Für eine Kirche ohne Angst

Foto: rbb

Es sind stürmische Zeiten für die katholische Kirche. Gerade wurde der emeritierte Papst Benedikt XVI. der Lüge im Missbrauchsskandal bezichtigt . Jetzt fällt das Schlaglicht auf eine andere Dauerbaustelle: die aus der Zeit gefallene Sexualmoral der Institution.

An diesem Montag startet die Kampagne #OutInChurch , mit der 125 Menschen den Schritt in die Öffentlichkeit wagen und sich als nicht heterosexuell outen. Es sind LGBTIQ+-Personen, die haupt- oder ehrenamtlich für die katholische Kirche arbeiten, darunter Ordensmänner, Pastoralassistenten oder Religionspädagoginnen.

Leute wie du und ich, die in katholischen Einrichtungen ihrem Tageswerk nachgehen. Die Geschichte könnte genau hier enden. Aber der offiziellen katholischen Lehrmeinung zufolge gibt es etwas, dass diese Menschen von anderen unterscheidet und offenbar so unerträglich trennend ist, dass sie täglich damit rechnen müssen, aus den Reihen der Rechtgläubigen verstoßen zu werden – ihre sexuelle Identität.

Priester Frank Kribber: »Du darfst nicht so sein, das ist nicht normal«

Priester Frank Kribber: »Du darfst nicht so sein, das ist nicht normal«

Foto: Privat

Auch der schwule katholische Pfarrer Frank Kribber ist bei der Aktion dabei. »Die Bischöfe müssen wachgerüttelt werden, damit sie an dem Thema nicht mehr vorbeikommen«, sagt der 45-Jährige. »Wenn keiner sich offen bekennt, wird sich in der Kirche nie etwas ändern.«

Seit er weiß, dass er homosexuell ist, quält sich der Priester mit dem Dilemma, einer Institution anzugehören, für die er im Prinzip gar nicht existiert. »Du darfst nicht so sein, das ist nicht normal«, habe auch er zunächst gedacht. »Ein Priester ist nicht schwul.« Inzwischen will sich der begeisterte Kraftsportler mit den tätowierten Armen nicht mehr schuldig fühlen für seine Veranlagung.

Kribber spricht erstmals öffentlich über seine sexuelle Orientierung, entsprechend aufgeregt ist er. Hat er Angst, seinen Job als Gefängnisseelsorger zu verlieren? Nur bedingt, sagt Kribber. Er habe sich dem zuständigen Bischof anvertraut, der ihm prinzipiell wohlgesonnen sei. Allerdings habe er keinen Freibrief für praktizierte Homosexualität von offizieller Seite erhalten. »Der Bischof hat mich daran erinnert, dass der Zölibat unverändert gilt, und mir gewünscht, dass ich meine Arbeit weiter gut mache.«

Sehen Sie hier ein Porträt des Filmemachers Giuliano Spagnolo über den Gefängnispfarrer Kribber:

DER SPIEGEL

Hört man die langen Leidensgeschichten der Betroffenen, scheint es geradezu absurd, dass sie trotz offensichtlicher Diskriminierung noch immer für die katholische Kirche arbeiten. »Ich bin noch nicht ausgetreten, weil mir etwas liegt an dieser Kirche«, sagt der Initiator der Kampagne #OutInChurch, Jens Ehebrecht-Zumsande. »Ich bleibe auch aus Trotz, denn ich will nicht, dass mir andere sagen, dass ich nicht dazu gehöre.«

Die Deutungshoheit darüber, wer katholisch sei und wer nicht, will der schwule Religionspädagoge aus Hamburg nicht den Konservativen überlassen: »An mir ist nichts falsch.« Es sei sein erklärtes Ziel, etwas zu verändern – und das funktioniere am besten innerhalb des Systems. »Freiwillig gehe ich nicht.«

Die auf Fortpflanzung im Rahmen der Ehe fixierte katholische Sexualmoral kennt keine komplexen sexuellen Identitäten. Sie unterscheidet zwischen empfundener und praktizierter Homosexualität. Die Neigung an sich ist nicht zwangsläufig sündhaft, der homosexuelle Akt hingegen wird verurteilt. Er widerspricht der natürlichen Ordnung, weil er kein Leben zeugt, so die Kirchenlehre. Dem Dogma entsprechend hatte die Glaubenskongregation im Vatikan im März 2021 gleichgeschlechtliche Segnungen verboten. Gott könne Sünde nicht segnen, hieß es zur Begründung.

In der #OutInChurch begleitenden TV-Dokumentation »Wie Gott uns schuf« von Hajo Seppelt kommen viele Aktivisten und Aktivistinnen zu Wort. Monika Schmelter und Marie Kortenbusch sind seit vier Jahrzehnten ein Paar. »Als ich frisch verliebt war in Marie, bin ich verzweifelt«, erinnert sich die ehemalige Ordensfrau Schmelter im Film. »Ich bin nicht richtig, ich bin krank«, sei ihr erster Gedanke gewesen.

2020 haben die beiden geheiratet – und obwohl sie längst in Rente waren, taten sie es heimlich. So wie sie all die Jahre ihre Beziehung heimlich gelebt haben.

»Wir haben ein Doppelleben geführt«, erzählen sie. Mit weit vom Wohnort entfernten Arbeitsplätzen, ständiger Selbstkontrolle, permanenter Angst vor einer Kündigung. Grund für das belastende Versteckspiel war die Tatsache, dass ihr Arbeitgeber, die katholische Kirche, verpartnerte oder gleichgeschlechtlich verheiratete Angestellte nicht duldet. Weil das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz nicht gilt für Kirchen und andere Weltanschauungsgemeinschaften.

Die Theologin Kortenbusch arbeitete als Religionslehrerin an einer katholischen Schule und befürchtete, dass ihr sogar die kirchliche Pension gestrichen werden könne. In der Kirche werde mit der Furcht der Betroffenen gespielt, wie der Kirchenrechtler Thomas Schüller erläutert: »Die Loyalitätsobliegenheiten gelten nur für die aktive Dienstzeit, danach gibt es keine Sanktionsmöglichkeit mehr.«

Es sind die strukturell bedingten Ungerechtigkeiten, die #OutInChurch anprangert. »Wir brauchen dringend eine gesellschaftspolitische Debatte darüber, wie es sein kann, dass im Jahr 2022 eine Institution mit ihrem eigenen Arbeitsrecht fundamentale Menschenrechte verletzt«, sagt der Referatsleiter Ehebrecht-Zumsande aus dem Erzbistum Hamburg. »Das kirchliche Arbeitsrecht muss geändert werden, damit niemand mehr aufgrund seiner sexuellen Identität seinen Job, seine Karriere und sein Auskommen verlieren kann.«

#OutInChurch hat seine wichtigsten Forderungen in einem Manifest formuliert . Mitinitiator Bernd Mönkebüscher betont die Vorteile einer Kampagne: »Forderungen bekommen mehr Gewicht, wenn sie von vielen gestellt werden. Einzelne können eher gemaßregelt werden, eine Gruppe nicht so schnell.« Sein eigenes Outing im Jahr 2019 hat der Priester aus Hamm noch als einsam erlebt: »Ich habe nicht verstanden, warum sich kein Kollege angeschlossen hat, und glaube, dass der Hauptgrund die Scham ist.« Geistliche schämten sich, wenn die Gemeinde, mitunter die eigene Familie erfahre, dass sie schwul sind. »Das zeigt, wie negativ Homosexualität noch immer empfunden wird.«

TV-Dokumentation »Wie Gott uns schuf«: 24. Januar 2022, um 22.25 Uhr, Das Erste. Ab 6 Uhr in der ARD-Mediathek