Katholische Kirche Bischof provoziert mit Protestanten-Schelte

Die Protestanten sollten sich offiziell von einer kontroversen Papst-Äußerung Martin Luthers distanzieren - mit diesem Vorstoß verblüfft der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller nicht nur die evangelische Kirche. Auch bei den Katholiken rätselt man über seine Motive.
Regensburger Bischof Müller: Kontroverse Aussagen im Interview

Regensburger Bischof Müller: Kontroverse Aussagen im Interview

Foto: TONY GENTILE/ REUTERS

Hamburg - Im September 2011 reist Papst Benedikt nach Deutschland. Dort soll das Kirchenoberhaupt auch mit protestantischen Christen zusammentreffen. In den Gesprächen wird es um das positive Verhältnis beider Glaubensgemeinschaften gehen. Umso überraschender kommt da der Vorstoß des Regensburger Bischofs Gerhard Ludwig Müller - der die evangelische Seite aufforderte, sich "ganz offiziell" von der Behauptung des Reformators Martin Luther zu distanzieren, dass der Papst der Antichrist sei.

Die Äußerung Müllers gewinnt umso mehr an Schärfe, da dieser der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz vorsitzt. Damit ist die Pflege der Zusammenarbeit von Katholiken und Protestanten eine seiner Hauptaufgaben. Doch auf Versöhnung ist Müller derzeit offenbar nicht aus.

In der evangelischen Kirche zeigt man sich ob der Attacke verblüfft. Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler fand für die Aussagen in der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ") deutliche Worte. "Vollkommen überrascht und verwundert" sei sie gewesen, als sie von dem Interview erfahren habe. Und auch inhaltlich kann sie sich Müllers Forderung nicht anschließen: "Keiner würde heute Benedikt XVI. als Antichrist bezeichnen. Da käme kein Mensch drauf", so Breit-Keßler in der "SZ".

Auch die Präsidentin der evangelischen Landessynode, Dorothea Deneke-Stoll, kann Müllers Angriff nicht nachvollziehen. "Dieses Luther-Zitat habe ich von keinem in der Kirche aktiven Protestanten in dieser Form gehört. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand das heute noch so vertritt", sagte sie der "SZ".

Dem zweiten Vorwurf Müllers, dass die Protestanten die Katholiken bekehren wollten, widersprach sie vehement: "Beide Konfessionen profitieren doch voneinander", so Deneke-Stoll. In dem Interview hatte Müller kritisiert, mancher in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) stelle sich die Ökumene - also den Dialog der verschiedenen christlichen Konfessionen - so vor, "dass wir protestantisch werden".

Über die Gründe für Müllers Attacke rätselt man auch in der katholischen Kirche. Franz Maget, katholischer Vizepräsident des bayerischen Landtages, vermutet ein Ablenkungsmanöver. "Offensichtlich treibt Müller um, dass die Missbrauchsdiskussion des Jahres 2010 die katholische Kirche viel mehr in Bedrängnis gebracht hat, als die evangelische", sagte Maget der "SZ". Das Vertrauen in die eigene Kirche gewinne man aber nicht mit Attacken auf die Protestanten zurück.

jok