Aktion »Liebe gewinnt« Katholische Geistliche segnen homosexuelle Paare – und lösen Debatte aus

In mehr als hundert Gottesdiensten werden auch lesbische und schwule Paare gesegnet. Katholische Geistliche stellen sich damit gegen den Vatikan. Kritik kommt von der Deutschen Bischofskonferenz.
Pfarrvikar Wolfgang Rothe segnet zwei Männer bei einem katholischen Gottesdienst in München

Pfarrvikar Wolfgang Rothe segnet zwei Männer bei einem katholischen Gottesdienst in München

Foto: Felix Hörhager / dpa

Ein wichtiges Signal, eine unpassende politische Aktion oder eine kritikwürdige Provokation in Richtung des Papstes? Unter dem Motto »Liebe gewinnt« segnen katholische Geistliche homosexuelle Paare – und bringen damit neue Unruhe in die katholische Kirche in Deutschland. Denn mit ihrem Vorgehen stellen sie sich eindeutig gegen die Linie des Vatikans.

Es sei bewusst darum gegangen, die Segnungen öffentlich zu vollziehen – »nicht um die Paare vorzuführen, sondern weil die Initiator:innen die zum Teil jahrzehntelange Praxis des heimlichen Segnens als unwürdig empfanden«, hieß es in der Mitteilung der Initiative . Die Praxis sei »unwürdig für die zu segnenden Paare und unwürdig für eine Kirche, die für Menschenzugewandtheit einsteht und in diesen Fragen der sexuellen Orientierung ein Paradigma offenbart, das in keiner Gesellschaft, die sich den fundamentalen Menschenrechten verpflichtet fühlt, mehr tragbar ist«.

»Es ist uns wichtig, dass wir nicht nur juristisch miteinander verbunden sind«

An der Aktion beteiligten sich Priester, Diakone und Ehrenamtliche in ganz Deutschland. Insgesamt wurden rund 100 Gottesdienste abgehalten, die ersten bereits in den vergangenen Tagen. Der Haupttag der Aktion ist jedoch der heutige Montag. Die Resonanz habe alle überwältigt, erklärten die Initiatoren. Gesegnet wurden auch Menschen, die sich nach einer zerbrochenen Ehe neu verliebten. Aus einem »Graswurzel«-Impuls sei eine Bewegung hervorgegangen.

Die Ehemänner Andreas und Thomas zeigten sich in Köln bewegt von einem Segnungsgottesdienst unter freiem Himmel. Andreas, 56, ist schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, Thomas aber hält ihr die Treue, weil sie nach seiner Überzeugung auch viel Gutes tut. Der Segen bedeute ihm viel, sagte der 59-Jährige: »Er stellt unsere Beziehung unter den Segen Gottes. Es ist uns wichtig, dass wir nicht nur juristisch miteinander verbunden sind.«

In der Münchner Kirche St. Benedikt lag bei der Zeremonie am Sonntagabend eine Regenbogenflagge auf dem Altar. »Mein Anliegen ist, das aus den kirchlichen Hinterhöfen rauszuholen – dahin, wo es hingehört: mitten in das kirchliche Leben«, sagte Pfarrer Wolfgang Rothe. Die 48 Jahre alte Christine Waldner und ihre Partnerin Almut Münster zeigten sich gerührt: »Es war sehr bewegend.«

An dem Gottesdienst in München nahm auch Henry Frömmichen teil. Der 21-Jährige hatte Aufsehen erregt, als er Ende April öffentlich machte, dass er aus dem katholischen Priesterseminar geflogen sei – nach eigenen Angaben, weil er ein Foto mit Alexander Schäfer veröffentlicht hatte, dem »Prince Charming« aus der gleichnamigen schwulen Datingshow. Das Erzbistum München und Freising will sich zu den Gründen, warum der junge Mann das Priesterseminar verlassen musste, nicht äußern.

»Einerseits werde ich aus dem Priesterseminar entlassen, rausgeschmissen, und an anderer Stelle in der Kirche werde ich mit offenen Armen empfangen«, sagte Frömmichen nun. »Das ist natürlich für mich persönlich ein ganz großes Geschenk.«

Kritik von der Deutschen Bischofskonferenz

Eine Aktion dieser Art und Größenordnung hat es in der katholischen Kirche bisher noch nicht gegeben. Nicht alle sind glücklich damit. Segnungen homosexueller Paare würden vielfach schon in Gemeinden praktiziert, sie seien nichts Ungewöhnliches, sagte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg. Die Frage sei, ob die Segnungen für eine politische Manifestation geeignet seien.

Öffentliche Aktionen dieser Art seien angesichts der laufenden innerkirchlichen Debatten etwa über die Haltung zur Homosexualität »kein hilfreiches Zeichen«, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing. Segnungsgottesdiensten komme eine »eigene theologische Würde und pastorale Bedeutung« zu. Sie eigneten sich aber gerade nicht für »Protestaktionen«.

Natürlich dürften Gottesdienste nicht instrumentalisiert werden, entgegnet Mitinitiator Bernd Mönkebüscher, Pfarrer aus Hamm. »Andererseits ist jeder Gottesdienst politisch. Jetzt in diesem Zusammenhang finde ich, dass die Gottesdienste ein Schulterschluss sind mit all denjenigen, die sich von diesem Nein aus Rom verletzt fühlen.«

Im März hatte die Glaubenskongregation des Vatikans klargestellt, dass es unzulässig sei, homosexuelle Partnerschaften zu segnen. Im deutschsprachigen Raum protestierten zahlreiche katholische Verbände und über 280 Theologieprofessoren dagegen.

Doch es gibt auch Unterstützung für das Verbot, etwa von der Katholikinnen-Initiative Maria 1.0, die für ein konservatives Verständnis der katholischen Kirche wirbt. Sie sieht die Segnungen als »gezielte Provokation in Richtung von Papst Franziskus«, wie unter anderem der Deutschlandfunk  berichtet. Clara Steinbrecher, Leiterin der Initiative, sagte: »Selbstverständlich können homosexuelle Menschen den Segen empfangen, aber ihre Partnerschaft eben nicht.«

»Macht den Mund auf und hängt die bunten Fahnen an die Kirchen!«

Auch der konservative Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki unterstützt das Segnungsverbot. Das Erzbistum Köln hat Gespräche mit Priestern angekündigt, die sich darüber hinwegsetzen. »Dem werde ich mich stellen. Ich habe vor einem solchen Gespräch keine Angst und befürchte auch keine Sanktionen«, sagt Pfarrer Ulrich Hinzen, der in Köln einen Segnungsgottesdienst in der Gemeinde Christi Auferstehung zelebrierte.

Die Kölner Band Brings unterstützte die Aktion mit einer Neuaufnahme ihres Songs »Liebe gewinnt«. Sänger Peter Brings sagte: »Macht den Mund auf und hängt die bunten Fahnen an die Kirchen!«

bbr/dpa/AFP