Katholische Kirche in Deutschland Missbrauchsvorwürfe in jedem dritten Orden

Über das Ausmaß sexuellen Kindesmissbrauchs in katholischen Orden in Deutschland war bisher so gut wie nichts bekannt. Jetzt liegen erste Zahlen vor.
Foto: Harald Tittel/ dpa

Seit der Aufdeckung der ersten großen Missbrauchsskandale im Jahr 2010 ist die katholische Kirche in Deutschland mit der Aufarbeitung solcher Straftaten und deren systematischer Vertuschung konfrontiert. Jetzt haben erstmals auch die Orden Zahlen vorgelegt. Und die sind erwartungsgemäß erschütternd: Mindestens jeder dritte katholische Orden in Deutschland verzeichnet demnach Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen.

Eine Mitgliederbefragung der Dachorganisation Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK) ergab, dass sich bei den Ordensgemeinschaften mindestens 1412 Personen gemeldet haben, die angaben, als Kind oder Jugendlicher sexuell missbraucht worden zu sein. 654 Ordensmitglieder wurden als Täter beschuldigt. Die meisten davon - 522 oder knapp 80 Prozent - seien bereits tot, teilte die DOK in Bonn mit. 37 Beschuldigte seien aus ihrem Orden ausgetreten.

Die Vorfälle reichen den Angaben zufolge teilweise bis in die Fünfziger- und Sechzigerjahre zurück, als noch viele Schulen und Internate von Patern oder Nonnen geführt wurden. Die DOK betonte, dass die Angaben nicht auf eine wissenschaftliche Studie zurückgingen. Es handele sich lediglich um eine interne Umfrage.

Der Rücklauf sei hoch gewesen: Etwa drei Viertel der Ordensgemeinschaften, 291 von 392, hätten den Fragebogen zurückgesandt. In diesen 291 Orden lebten 88 Prozent der heutigen Ordensmitglieder. Die kleinsten Orden umfassen nur noch eine Handvoll von Personen, mitunter sogar nur noch ein einziges Mitglied.

Von den 291 Gemeinschaften, die die Fragen beantwortet haben, gaben 100 an, dass sie mit Vorwürfen zu verschiedenen Missbrauchsformen konfrontiert worden seien. Das seien gut 34 Prozent. Personenbezogene Daten zu Opfern oder Beschuldigten wurden in der Erhebung nicht abgefragt. Den Orden sei Anonymität zugesichert worden, erläuterte die DOK.

Von den Menschen, die in Deutschland Mitglied in einem Orden sind, sind den Angaben zufolge 75 Prozent Frauen und 25 Prozent Männer. Unter den Beschuldigten sind die Männer stark überrepräsentiert.

Die Betroffenenorganisation "Eckiger Tisch" spricht angesichts der um Jahre zu spät kommenden Bekanntmachung der Zahlen von einem Skandal: "Zehn Jahre haben die Jesuiten, Redemptoristen, Salesianer, Franziskaner und all die anderen Orden für diese Feststellung gebraucht." Der Vorwurf der Missbrauchsüberlebenden: Die Orden hätten bewusst lange Zeit ungehindert nichts unternommen, "wohl in der Hoffnung, dass die Opfer irgendwann resignieren oder sterben, so wie viele Täter". Alle Aktenbestände der Ordensgemeinschaften müssen jetzt gesichert, den Staatsanwaltschaften zur Verfügung gestellt und einer baldigst einzurichtenden zentralen Aufarbeitungskommission zugeleitet werden.

Die Orden müssten sich bereit erklären, an der Aufklärung und Aufarbeitung der dunklen Aspekte ihrer Vergangenheit mitzuwirken. Sollten sie sich einer Aufklärung verweigern, müsste ihnen der Status von Körperschaften öffentlichen Rechts entzogen werden, so die Forderung.

"Deutliche Willensbekundung der Orden"

Der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs, Bischof Stephan Ackermann, begrüßte hingegen "die deutliche Willensbekundung der Orden zur weiteren Kooperation mit der Deutschen Bischofskonferenz". Anliegen der Mitgliederbefragung sei es gewesen, "eine differenzierte Kenntnis zu gewinnen, wie sich die Situation in den Ordensgemeinschaften darstellt, zumal diese von der MHG-Studie 2018 nicht berücksichtigt wird".

Die im September 2018 veröffentlichte MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz hatte 3677 überwiegend männliche Minderjährige ausgemacht, die zwischen 1946 und 2014 Opfer sexueller Übergriffe durch Priester und Diakone geworden sind. Die Zahl der Täter wurde auf 1670 beziffert. Die Studie war wegen ihrer Methodik umstritten.

ala/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.