Frankreich Studie zählt etwa 330.000 Missbrauchsopfer in katholischer Kirche

Eine unabhängige Kommission untersuchte jahrelang Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Frankreich. Nun liegt der Bericht vor – und zeichnet ein verheerendes Bild.
Französische Bischöfe (Symbolbild)

Französische Bischöfe (Symbolbild)

Foto: ERIC CABANIS / AFP

In der katholischen Kirche in Frankreich sind seit den Fünfzigerjahren nach Hochrechnungen einer Untersuchungskommission 216.000 Kinder und Jugendliche Opfer von sexuellem Missbrauch geworden. Unter Einbeziehung von weiteren Einrichtungen, die von der Kirche betrieben werden, gehe man von 330.000 Opfern aus, sagte der Präsident der Unabhängigen Missbrauchskommission in der Kirche (CIASE), Jean-Marc Sauvé, in Paris.

80 Prozent der Opfer seien Jungen im Alter zwischen zehn und 13 Jahren gewesen, 20 Prozent Mädchen unterschiedlicher Altersgruppen. Bei den Taten habe es sich in fast einem Drittel der Fälle um Vergewaltigungen gehandelt.

»Die Zahlen sind erschütternd und können nicht folgenlos bleiben«, sagte der Kommissionspräsident. Die Opfer hätten Leiden, Isolation und oft auch Scham und Schuldgefühle erlitten. Knapp die Hälfte von ihnen litten auch nach vielen Jahren noch unter den Folgen.

Kommissionsleiter Jean-Marc Sauvé: »Die Kirche hat es nicht sehen oder wissen wollen«

Kommissionsleiter Jean-Marc Sauvé: »Die Kirche hat es nicht sehen oder wissen wollen«

Foto: THOMAS COEX / AFP

»Bis Anfang der Nullerjahre gab es eine totale und grausame Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern«, sagte Sauvé. Der Missbrauch habe System gehabt. Man habe den Betroffenen nicht geglaubt oder ihnen unterstellt, selbst beteiligt gewesen zu sein. Es sei nur in seltenen Fällen eine Entschädigung gezahlt worden – und dann auch nur, um die Opfer zum Schweigen zu bringen, so Sauvé. »Die Kirche hat es nicht sehen oder wissen wollen.«

Sauvé teilte weiter mit, dass 22 mutmaßliche Straftaten, die noch verfolgt werden können, an Staatsanwälte weitergeleitet worden seien. Mehr als 40 Fälle, die zu alt für eine Strafverfolgung seien, aber mutmaßliche Täter betreffen, die noch am Leben sind, seien an Kirchenvertreter weitergeleitet worden. Zahlreiche Fälle sind bereits verjährt und können nicht mehr vor Gericht gebracht werden.

»Sie sind eine Schande für die Menschheit«

François Devaux, Gründer des Opferverbandes »La Parole Libérée«

Die Kommission selbst habe etwa 2700 Opfer identifiziert. Mithilfe einer breit angelegten Studie von Forschungs- und Meinungsforschungsinstituten werde die Zahl der Kinder, die Missbrauchsopfer von Geistlichen geworden seien, aber auf etwa 216.000 geschätzt. Der Bericht zählt etwa 3000 Täter, bei zwei Dritteln soll es sich um Priester oder ehemalige Priester handeln.

Der 2500 Seiten lange Bericht wurde der Bischofskonferenz übergeben. Die Kommission war 2018 von den katholischen Bischöfen beauftragt worden, arbeitete aber unabhängig von der Kirche. Die Kommission hatte in den vergangenen zweieinhalb Jahren Opfer und deren Angehörige befragt. Sie macht auch Vorschläge zur Entschädigung von Opfern.

»Sie sind eine Schande für die Menschheit«, sagte François Devaux, Gründer des Opferverbandes »La Parole Libérée«, an Kirchenvertreter gerichtet: »In dieser Hölle gab es abscheuliche Massenverbrechen«, so Devaux. »Aber es gab noch Schlimmeres: Vertrauensbruch, Verrat an der Moral, Verrat an den Kindern.« Er mahnte die Kirche, sie müsse für die Verbrechen bezahlen.

Der Leiter der französischen Bischofskonferenz, Éric de Moulins-Beaufort, bat die Opfer von sexuellem Missbrauch um Vergebung. Er und seine Bischofskollegen wollten den Opfern ihre Scham über den Missbrauch zum Ausdruck bringen, sagte er.

In Deutschland hatte vor etwa drei Jahren eine Studie der katholischen Kirche offenbart, dass sich von 1946 bis 2014 mindestens 1670 Kleriker an Schutzbefohlenen vergangen haben sollen. Die Untersuchung erfasste aber wohl nur einen Teil des wahren Ausmaßes. Seit Veröffentlichung der sogenannten MHG-Studie sind Hunderte Hinweise auf weitere Fälle bekannt geworden.

ptz/AFP/Reuters/AP/dpa
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