Presseschau zum Antimissbrauchsgipfel "Die Kirche steht vor der Kernschmelze"

Papst Franziskus fordert klare Schritte gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche. Wie bewerten Medien im In- und Ausland die Ergebnisse des Treffens mit den Bischofskonferenzen?

Papst Franziskus
DPA

Papst Franziskus


Die katholische Kirche müsse ihren Debatten beim Antimissbrauchsgipfel im Vatikan endlich grundlegende Reformen folgen lassen, kommentiert die ARD-"Tagesschau". "Der Missbrauchsskandal ist ein Symptom, nicht die Ursache", heißt es. "Es spricht viel dafür, dass all das mit verkrusteten Strukturen und Tabus zu tun hat." Von einem "Paralleluniversum" ist die Rede.

Die "Süddeutsche Zeitung" spricht beim Missbrauchsskandal von einer "Jahrtausendkrise", der man "nur mit einer Jahrtausendreform antworten" könne. "Dazu gehört eine kompromisslose Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft in allen Fällen sexueller Gewalt. Dazu gehört die sofortige Öffnung aller einschlägigen Akten und Archive, beginnend beim Vatikan. Dazu gehört die Entlassung aller Priester, die sich sexueller Gewalt schuldig gemacht haben. Dazu gehört eine Abkehr vom zölibatären Zwang." Ein paar "mahnende Papiere" reichten nicht.

Auch die "Neue Zürcher Zeitung am Sonntag" thematisiert diese tiefgehenden Reformansätze: "Längst sind Rufe nach einer Gewaltenteilung in der Kirche, nach unabhängigen Ermittlern, aber auch nach einem Ende des Zölibats laut geworden. Für viele Gläubige im 21. Jahrhundert sind das die konkreten Schritte." Papst Franziskus hatte zum Auftakt am Donnerstag noch "konkrete und wirksame Maßnahmen" im Kampf gegen den Missbrauch gefordert.

Die "Stuttgarter Nachrichten" können dem Gipfel auch etwas Positives abgewinnen. Papst Franziskus hat "allein mit der Einberufung der Konferenz die Reißleine gezogen". Zum Ende jedoch bleibt auch für sie ein enttäuschendes Fazit: "Klare, praktische Anweisungen des Papstes fehlen. Franziskus blieb in seiner Rede in der Sphäre des Theoretischen."

Angesichts des Missbrauchsskandals, so befindet es die Tageszeitung "Die Welt", ist es seit Langem "nicht einfach, in der katholischen Kirche Christ zu sein". Die Institution, "die für sich in Anspruch nimmt, die Hüterin der wahren Lehre Jesu zu sein, hat viel zu oft Opfern Barmherzigkeit und Mitgefühl verweigert und die Wahrheit verschwiegen - und sie tut es in vielen Diözesen der Welt noch immer", kommentiert das Blatt und prangert auch die Machtfülle der Bischöfe an. Weitere Schritte nach dem Gipfel müssten schnell folgen. "Sonst wird die Glaubwürdigkeit nicht wiederherzustellen sein."

Die italienische Tageszeitung "La Repubblica" befindet: "Auch wenn die Überheblichkeit gegenüber den Opfern nicht mehr da zu sein scheint, konkrete Heilmittel sind nicht in Sicht." Die linksliberale slowakische Tageszeitung "Pravda" schreibt zu Papst Franziskus: "Die Opfer in den Pfarreien und Kirchenschulen hätten von ihm mehr erwartet, vor allem nachdem er selbst zu Beginn des Gipfels die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zu konkreten Maßnahmen aufgefordert hatte." Der "Kölner Stadtanzeiger" warnt gar: "Die Kirche steht vor der Kernschmelze. Der Antimissbrauchsgipfel in Rom hat nicht dazu beigetragen, dass ihre Führung sie vor dieser Katastrophe bewahrt."

"Der Standard" kann dem Krisentreffen mehr abgewinnen. "Es war vielleicht nicht der große Wurf, aber ein Treffen mit Symbolcharakter. Ein gemeinsames Erwachen in Rom", kommentiert das österreichische Blatt. "Papst Franziskus hat den Finger auf die große Wunde gelegt, um die Schmerzen spürbar zu machen. Jetzt gilt es, nicht mehr nur an der Oberfläche zu kratzen, sondern das Übel an der Wurzel zu packen." Die niederländische Zeitung "de Volkskrant" kommentiert: "Noch nie zuvor wurde so viel über sexuellen Missbrauch in der Kirche gesprochen, und noch nie zuvor hat ein Papst so viel Besserung versprochen. Und doch überwiegt bei vielen Missbrauchsopfern die Enttäuschung. Denn so energisch all diese Worte auch klingen mögen, sie verpflichten noch immer nicht zu konkreten Maßnahmen."

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, bewertete die Ergebnisse weniger kritisch. Es sei klar gesprochen worden und auch eine Linie vorgegeben worden, sagte er im ZDF-"Heute Journal". "Das Umsetzen, das kann nicht von Rom allein erfolgen. Das ist auch unsere Aufgabe in den verschiedenen Bischofskonferenzen."

Darüber wie das aussehen soll, gibt es bereits Streit. Der Passauer Bischof Stefan Oster sprach sich in der "Passauer Neuen Presse" bereits für eine eigene kirchliche Gerichtsbarkeit für Missbrauchsfälle aus, "damit die Verfahren für Priester nicht immer langwierig und zum Teil ergebnislos über Rom laufen müssen". Der Freiburger Theologieprofessor Magnus Striet forderte zunächst eine Synode aller deutschen Bistümer. Die Bischöfe könnten dabei mit Fachleuten und Vertretern des Kirchenvolks über offene Fragen sprechen. "In Deutschland gibt es eine allgemeine Verwirrung, wie es weitergehen soll."

apr/dpa/AFP

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.