Missbrauchsstudie der katholischen Kirche Valium fürs Volk

Die Missbrauchsstudie der katholischen Kirche birgt interessante Einblicke in die verquere Welt klerikaler Sexualstraftäter. Ansonsten hat sie vor allem einen Zweck: die Öffentlichkeit ruhigzustellen.
Kardinal Reinhard Marx

Kardinal Reinhard Marx

Foto: ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Die katholische Kirche hat in Fulda ihren Missbrauchsbericht vorgestellt. Es ist ein 365 Seiten langes Zahlenwerk, das Aufschluss geben soll über Strukturen, die sexuelle Übergriffe auf Minderjährige in der Kirche befeuern.

Die Ergebnisse zeigen: Alles, was man schon immer über sexuell übergriffige Priester gehört oder geahnt hat, ist in großen Teilen wahr. Sie planen perfide ihre Taten, nutzen ihre Machtposition aus, sie locken, drohen und schaffen es bei Entdeckung sogar noch, sich selbst zu bemitleiden und die Opfer zu diskreditieren.

Kirchenvertreter zeigten sich bei der Vorstellung entsprechend zerknirscht: "Wir sind erschrocken und tief erschüttert über das, was möglich war im Volk Gottes", erklärte Kardinal Reinhard Marx im Fuldaer Dom. Er entschuldigte sich später für die kirchlichen Gräueltaten: "Ich schäme mich." Der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, sprach von einem "Grausen", das ihn angesichts des Ausmaßes der Taten immer wieder befalle.

Forscher haben sich vom katholischen Machtapparat benutzen lassen

Die Studie hat Schwächen und war im Vorfeld kritisiert worden. Sie gibt aber interessante Einblicke in die Welt der Täter. Es ist den beteiligten Wissenschaftlern anzurechnen, dass sie versucht haben, aus einer mehr als mediokren Datenlage etwas herauszulesen, was Bestand haben könnte. Sie haben explizit auf die Mängel der nicht repräsentativen Studie hingewiesen und die Ergebnisse durchaus kritisch kommentiert.

Dennoch haben sich die Forscher vom katholischen Machtapparat benutzen lassen. Indem sie der Kirche die Datenhoheit überließen, haben sie einen unschönen Pakt mit ihrem kontrollhungrigen Auftraggeber geschlossen. Da sind Diözesanangestellte durch die Archive gestreift und haben nach Unterlagen zu Missbrauchstätern gesucht. Nach welchen Kriterien? Welche Fälle fanden Eingang in die Studie - und welche blieben unangetastet?

Man habe diesem Verfahren zugestimmt, weil man den Datenschutz beachten wollte, begründete der forensische Psychiater Harald Dreßing die Entscheidung der Forschergruppe. Aber hätten nicht die Wissenschaftler anstelle der Diözesanmitarbeiter die Daten aus den Personalakten anonymisieren können?

Insgesamt variieren die Ergebnisse aus den 27 Diözesen stark. Man kann an ihnen die Verve ablesen, mit der aufrichtige Aufklärer, aber eben auch Blockierer und Totalverweigerer ans Werk gingen. Die Namen der Bistümer, in denen Akten manipuliert und vernichtet wurden, blieben gleichwohl geheim. Hier hat also ein dysfunktionales System sich selbst analysiert - und erwartet jetzt was? Applaus?

Der muss ausbleiben, denn die Selbstverständlichkeit, mit der Kontrolle ausgeübt wurde, verärgert. Die Bischöfe ergehen sich in eben jenem Klerikalismus, der in der Studie als eine Wurzel des Übels angeprangert wird: das elitäre Selbstverständnis, die feste Überzeugung, dass Macht alles möglich macht, dass im eigenen Haus nach eigenen Regeln gespielt wird. Möglich ist dies nur in einem Staat im Staate, der über eine Paralleljustiz verfügt und seiden gebettet ist auf Beichtgeheimnis und klerikaler Omertà.

Nicht ohne Grund hatte der Kriminologe Christian Pfeiffer seinerzeit auf die Durchführung der Studie verzichtet. Die Kirche soll versucht haben, ihm einen Maulkorb zu verpassen, Zensur auszuüben. Man darf sich fragen, warum die katholische Kirche riskiert, mit dem Beharren auf Datenhoheit das letzte bisschen Vertrauen bei Missbrauchsopfern wie Gläubigen zu verspielen. Dass es darum schlecht bestellt ist, weiß auch der Chef der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx: "Viele Menschen glauben uns nicht mehr."

Opfervertreter vom "Eckigen Tisch" befürchten, dass die Studie die Öffentlichkeit lediglich ruhigstellen soll. So wolkig wie Kirchenvertreter auf Fragen nach konkreten Folgen des Berichts reagierten, liegt die Vermutung nah: Die Bischofskonferenz hat die Studie benutzt, um Interesse an einer profunden Aufklärung zu simulieren.

So eine wissenschaftliche Studie ist ja auch immer ein riesiger roter Haken auf der To-do-Liste der Redlichkeit, eine ernsthafte Auseinandersetzung, ein Neuanfang, bei dem man Altes hinter sich lassen und endlich wieder nach vorn schauen kann.

Video: Ein unvollständiger Bericht

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Allein, welche Konsequenzen wird die Studie haben? Wird es in Zukunft unabhängige Untersuchungen in einzelnen Bistümern geben, wie es Kardinal Rainer Woelki für das Erzbistum Köln angekündigt hat? Oder war das nur ein innerkirchlicher politischer Schachzug, um Kardinal Marx zu diskreditieren, den Auftraggeber der Studie?

Es ist unwahrscheinlich, dass die katholische Kirche in absehbarer Zeit ihre Geheimarchive öffnet, den Zölibat kippt oder bei akutem Priestermangel plötzlich die Zulassungsverfahren verschärft. Aber wie wäre es in einem ersten Schritt, wenn die Kirchenführung folgende Maßnahmen ergreift?

  • Verschonen Sie die Opfer und den Rest der Republik mit leeren Betroffenheitsbekundungen.
  • Ändern Sie Strukturen, die sexuelle Übergriffe begünstigen.
  • Ziehen Sie nicht nur die Täter, sondern auch die Vertuscher zur Verantwortung.

Und, nicht zuletzt: Sorgen Sie für eine transparente und einheitliche Zahlung von Entschädigungsleistungen. Missbrauch zerstört nicht nur Seelen, sondern auch Biografien. Er verhindert schulischen und beruflichen Erfolg und produziert Armut. Dennoch wird in einigen Bistümern immer noch um jeden Cent gerungen, der Überlebenden als Wiedergutmachung vor die Füße geworfen wird. Das Fremdschämen gibt es gratis dazu.

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