Nach Missbrauchsgutachten Bundesregierung fordert katholische Kirche zu Aufarbeitung auf

Welche Konsequenzen sollen aus dem Missbrauchsgutachten gezogen werden? Kritik gibt es nicht nur an der Kirche – sondern auch an den Strafverfolgungsbehörden.
Ulrich Wastl, Marion Westpfahl und Martin Pusch (v.l.) bei der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens am 20. Januar

Ulrich Wastl, Marion Westpfahl und Martin Pusch (v.l.) bei der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens am 20. Januar

Foto: Sven Hoppe / dpa

Nach der Veröffentlichung eines neuen Gutachtens zu Missbrauch im Erzbistum München-Freising hat die Bundesregierung die katholische Kirche zu einer umfassenden und transparenten Aufarbeitung aufgefordert. Eine Regierungssprecherin sagte in Berlin, es mache erneut auf »erschütternde Weise« das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs und der Pflichtverletzung kirchlicher Würdenträger deutlich. »Der Missbrauch und der anschließende Umgang mit diesen Taten macht fassungslos. Um so dringender sind nun die vollständige Aufklärung und die umfassende Aufarbeitung«, so die Sprecherin von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD).

Das vom Erzbistum selbst in Auftrag gegebene Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden. Den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., wirft es Fehlverhalten in mehreren Fällen vor.

Auch dem aktuellen Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, wird formales Fehlverhalten in zwei Fällen vorgeworfen. Von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern sprechen die Gutachter, sie gehen aber von einem deutlich größeren Dunkelfeld aus.

Söder: »Ein langer und schwieriger Blick in den Abgrund«

Papst Franziskus sprach sich in Rom für eine strenge Anwendung des Kirchenrechts aus: »Die Kirche treibt mit der Hilfe Gottes die Verpflichtung voran, den Opfern von Missbrauch durch unsere Mitglieder gerecht zu werden, indem mit besonderer Aufmerksamkeit und Strenge die vorgesehene kanonische Gesetzgebung angewandt wird.« Direkten Bezug auf das Münchner Gutachten nahm er nicht.

Ein Sprecher des Bundesjustizministeriums hob hervor, es handle sich nicht um rein innere Angelegenheiten der Kirche. Wo sich auch heute noch Anhaltspunkte für verfolgbare Taten ergeben, müssten die zuständigen Strafverfolgungsbehörden diese selbstverständlich ermitteln und konsequent verfolgen.

Tatsächlich prüft die Justiz derzeit, ob die Ergebnisse des Münchner Gutachtens strafrechtlich relevant sind. Die Staatsanwaltschaft München I untersuche derzeit 42 Fälle von mutmaßlichem Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger, sagte die Sprecherin der Behörde, Anne Leiding, der Nachrichtenagentur dpa.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder forderte eine konsequente Aufarbeitung. »Das ist natürlich ein langer und schwieriger Blick in den Abgrund, insbesondere, weil es um viele menschliche Schicksale geht«, sagte der CSU-Politiker in München. Strukturen müssten so geändert werden, dass Derartiges in Zukunft verhindert werde. Und beim Umgang mit den Tätern müsse »null Toleranz« der Maßstab sein.

Von mehreren Seiten wurde am Freitag die Forderung nach einer stärkeren Kontrolle der katholischen Kirche laut. »Für uns ist eine enge Zusammenarbeit mit der Politik und den Strafverfolgungsbehörden sehr wichtig. Wir sind der Meinung, dass die Aufarbeitung gezielt in die Hände komplett unabhängiger Instanzen gegeben werden muss«, sagte die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, dem SPIEGEL .

Wohlwollende katholische Richter und Staatsanwälte?

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, kritisierte im Sender RBB: »Die Politik ist, wenn es um Aufarbeitung und Missbrauch im kirchlichen Bereich geht, bisher zu zurückhaltend gewesen.« Der 2016 auf der Bundesebene eingerichteten Aufarbeitungskommission müssten »auch tatsächlich Kontroll-, Beratungs- und vielleicht auch Untersuchungsrechte eingeräumt werden«, forderte er.

Kritiker verlangen, dass die Kirche in vollem Umfang dem weltlichen Recht unterworfen wird. »Nachdem das eine Neverending-Story zu sein scheint, sollte der Staat alle Kindertagesstätten und Schulen unter Beobachtung stellen, bei denen es eine Trägerschaft der katholischen Kirche gibt, oder sogar über einen Entzug der Trägerschaft nachdenken«, forderte der Strafrechtsprofessor Holm Putzke gegenüber der dpa. Die Kirchen müssten von Gesetzes wegen genauso behandelt werden wie jede andere Vereinigung. Putzke: »Für irgendeine besondere Rücksichtnahme, man kann es auch als ›Beißhemmung‹ bezeichnen, besteht überhaupt kein Anlass«.

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Der Sprecher der Opferinitiative »Eckiger Tisch«, Matthias Katsch, will in der Aufarbeitungskommission vorschlagen, die Rolle der Justiz in einer Studie näher zu beleuchten. Es sei auffällig, dass Staatsanwaltschaften bisher noch nie eine Durchsuchung etwa in einer Bistumsverwaltung vorgenommen hätten, sagte Katsch der dpa.

Selbst wenn der Verdacht einer Mittäterschaft im Raum gestanden habe, sei dies unterblieben. Man könne vermuten, dass die Kirche jahrzehntelang von einem grundsätzlichen Wohlwollen katholischer Richter und Staatsanwälte profitiert habe.

bbr/dpa