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16. August 2015, 15:36 Uhr

Katholische Kirche

Theologen machen sich für Homosexuelle stark

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Auf der Synode im Oktober diskutieren Bischöfe aus aller Welt das Familienbild der katholischen Kirche. Führende deutsche Theologen fordern, die Haltung zu homosexuellen Partnerschaften endlich zu ändern.

Der Bischof von Passau hat offenbar kein Problem damit, Homosexuelle in die Nähe von Kriminellen zu stellen. "Sogar zwischen den Mitgliedern einer Gangsterbande", schrieb Stefan Oster im Mai auf Facebook, "werden nicht selten 'Werte' wie Verlässlichkeit, gegenseitige Fürsorge oder Loyalität hoch geschätzt." Daher reiche der Hinweis auf solche Werte keinesfalls aus, um homosexuelle Partnerschaften zu akzeptieren.

Der 50-Jährige gibt sich als moderner Bischof, mit Smartphone und Internetauftritt, doch seine Karriere basiert auf Dogmatismus. "Die Kirche glaubt nämlich aufgrund der ihr geschenkten Offenbarung", schreibt Oster, "dass ausgelebte sexuelle Praxis ihren genuinen und letztlich einzig legitimen Ort in einer Ehe zwischen genau einem Mann und einer Frau hat, die beide offen sind für die Weitergabe des Lebens und die bis zum Tod eines der Partner einen unauflöslichen Bund geschlossen haben."

Gleichzeitig wirft Oster allen andersdenkenden Gläubigen - etwa den Laien im Zentralkomitee der Katholiken - vor, illoyal zu sein und "die Lagerbildung in der Kirche" zu forcieren.

Ein Papstzitat als Titel

Dabei stehen sich die Lager bereits unversöhnlich gegenüber. Erst Ende Juli kam es auf dem Kongress des "Forums Deutscher Katholiken" zum Eklat, als Vitus Huonder, Bischof von Chur, Bibelstellen vorlas, nach denen Homosexualität mit Todesstrafe zu belegen sei - und viele der rund 1500 Teilnehmer heftig applaudierten, andere dagegen protestierten.

Nun meldet sich ein Dutzend renommierter katholischer Theologen zu Wort und ergreift Partei für die Rechte Homosexueller. Solch abweichende Meinungsäußerungen haben schon zu Disziplinierungen bis zum Entzug der Lehrerlaubnis geführt. Die neuen Stellungnahmen veröffentlicht der Herder-Verlag jetzt unter dem Titel "Wer bin ich, ihn zu verurteilen?" - ein Zitat von Papst Franziskus, mit dem er die Debatte im Sommer 2013 wieder aufflackern ließ.

Ein Wortführer ist Stephan Goertz, Professor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Mainz. Er meint, dass endlich ein Weg aus der Erstarrung gefunden werden muss. Es genüge allerdings nicht, wenn die Kirche sich lediglich "gegen die Diskriminierung Homosexueller wendet, weil dies ihre Würde als Person verletze".

In diese Richtung hatten sich jüngst einige deutsche Bischöfe geäußert, als maximales Zugeständnis. Goertz und seinen Kollegen reicht das nicht. Denn zugleich, sagt er, spreche die Kirche den Schwulen und Lesben "grundsätzlich ab, verantwortlich, partnerschaftlich und liebevoll ihre Sexualität leben zu können".

Die Bibel jedenfalls tauge keinesfalls als Grundlage für die ablehnende Haltung der Kirche, urteilen ausgewiesene Kenner der Heiligen Schrift. Michael Theobald, Professor für Exegese an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, schreibt: "Fundamentalistische Bezugnahmen auf die Heilige Schrift widersprechen der ureigenen katholischen Hermeneutik." Sein Kollege Magnus Striet, Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Freiburg, kritisiert die Bischöfe: "In weiten Teilen der Theologie ist es inzwischen (verschwiegen oder offen) zu Korrekturen gekommen, während die vom Lehramt vertretene Theologie meint, auf der Nichtakzeptanz homosexueller Partnerschaften insistieren zu müssen."

Solch eine Kritik zielt nicht nur auf den Passauer Oster. Auch andere Bischöfe verteidigten zuletzt die "reine Lehre der Kirche". "Was nicht gleich ist, kann nicht als Gleiches behandelt werden" - darauf beharrt etwa der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr. Auch nach der Abstimmung in Irland, wo sich eine deutliche Mehrheit für die Homo-Ehe aussprach, wolle er "an einem Eheverständnis festhalten, das Ehe als lebenslangen Bund einer Frau und eines Mannes sieht", sagte er der "Thüringer Allgemeinen".

Der Bischof von Münster, Felix Genn, nutzte Anfang Juli eine traditionelle Prozession zum dogmatischen Statement: "Es geziemt sich nicht für einen Christen, einen homosexuellen Menschen zu diskriminieren. Es geziemt sich aber sehr für einen Christen, homosexuellen Lebenspartnerschaften nicht den Begriff der Ehe zuzusprechen, weil sie der Gemeinschaft von Mann und Frau als Fundament der Familie vorbehalten ist."

Wie wichtig ist dem Vatikan die Meinung der Basis?

Papst Franziskus lädt Anfang Oktober Bischöfe aus 42 Ländern zur Synode nach Rom ein, um im Vatikan über die "Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute" zu debattieren. Hinter dem harmlosen Titel verbergen sich brisante Themen: die Verhütung von ungewollten Schwangerschaften, der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und auch die Haltung zu homosexuellen Menschen.

Doch Schwule und Lesben sollten nicht zu viel erwarten: Das 157 Abschnitte umfassende Arbeitspapier bekräftigt die Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Breite Teile der Katholiken, die weltweit befragt wurden, wünschen zwar einen anderen Umgang mit Homosexuellen. Doch unter führenden Kirchenleuten im Vatikan ist umstritten, welche Rolle deren Ansichten überhaupt spielen sollen.

Der Chef der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, warnt davor, der Realität zu viel Gewicht zu geben: "Der Glaubenssinn des Volkes Gottes hat daher nichts mit Umfrageergebnissen zu tun oder einem Plebiszit, mit dem die 'Basis' der dem Leben entrückten 'Hierarchie' endlich einmal die Augen öffnen könnte."

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