Katholische und protestantische Jugendliche in Belfast "Sie sind sich viel ähnlicher, als sie denken"

Sie leben in derselben Stadt, tragen die gleiche Kleidung und sind doch verfeindet: Der Fotograf Toby Binder hat den Alltag von protestantischen und katholischen Teenagern in Belfast porträtiert

Toby Binder/ Kehrer Verlag

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Tiernan trägt gern Kapuzenpullover, er und seine Freunde treffen sich nachmittags häufig, sie trinken Alkohol, rauchen und haben Spaß. Nur zwei Kilometer weiter lebt Cole, auch er hat ein sportliches Outfit an, er feiert gerade mit seiner Gang eine Party. Zwei Teenager, die sich ähneln, doch: Tiernan ist Katholik und Cole Protestant.

Beide leben in Belfast, aber in unterschiedlichen Stadtteilen, die nach Religionszugehörigkeit getrennt sind. Für seinen Bildband "Wee Muckers: Youth of Belfast" hat Toby Binder Jugendliche aus sechs verschiedenen Quartieren porträtiert und bietet einen Einblick in ihr alltägliches Leben. Binder suchte sich Stadtteile aus, in denen hauptsächlich Protestanten oder Katholiken wohnen - vom protestantischen Shankill bis zum katholischen Clonard.

Seit mehr als zehn Jahren dokumentiert der Fotograf bereits Teenager in britischen Arbeitervierteln. 2017 beschloss er anlässlich des EU-Mitgliedschaftsreferendums nach Belfast zu fahren: "Dort war ein großer Teil der Nationalisten gegen den Brexit und die Mehrheit der Unionisten dafür. Das fand ich spannend."

Mit dem Brexit wird wohl auch Nordirland die Europäische Union verlassen müssen - und das, obwohl die meisten Einwohner im Juni 2016 für den Verbleib gestimmt haben. Wird die Grenze zu Irland eine Außengrenze der EU, könnte der Friedensprozess im Land bedroht werden und die Gewalt zwischen Protestanten und Katholiken erneut entflammen. Denn die offene Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland war eine entscheidende Bedingung für das Friedensabkommen im Jahr 1998.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:20 Uhr
Ohne Gewähr

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Toby Binder
Toby Binder: Wee Muckers.Youth of Belfast

Verlag:
KEHRER Heidelberg
Seiten:
120
Preis:
EUR 27,52

Die meisten Jugendlichen lernte Binder vor kleinen Läden kennen, dort, wo sie sich tagsüber treffen. 2017 bis 2018 war der Fotograf insgesamt vier Mal jeweils für zwei Wochen in Belfast, traf immer wieder die gleichen Teenager. Nach und nach fassten sie Vertrauen.

"Was soll noch schlimmer werden?"

"Ich wollte zeigen, dass sie, egal ob sie in katholischen oder protestantischen Vierteln aufwachsen, eigentlich das gleiche Leben führen und die gleichen Probleme haben - obwohl sie sich verfeindet gegenüberstehen", sagt Binder. Viele haben die Schule abgebrochen, sie sind arbeitslos, arm, auch die die einen Beruf haben, greifen zu Drogen, werden gewalttätig, hängen auf der Straße herum. "Die meisten wollen einfach nur weg und nach Kanada, Australien oder Neuseeland gehen", sagt Binder. Dort hoffen sie auf eine bessere Perspektive.

Fotostrecke

12  Bilder
Nebeneinander statt miteinander: Jugendliche in Belfast

Auch zwei Jahrzehnte nach dem Friedensabkommen ist die Gesellschaft in Nordirland gespalten: Protestantische Unionisten und irisch-katholische Nationalisten stehen sich nach wie vor verfeindet gegenüber, sie haben unterschiedliche Symbole und Traditionen, Mauern trennen ihre Wohnviertel.

Die Jugendlichen wurden hier hineingeboren, hätten oft die Einstellung ihrer Eltern übernommen, sagt der Fotograf. Sie seien misstrauisch gegenüber den anderen, könnten das, was ihnen von klein auf beigebracht wurde, nicht überwinden. Binder hat die Hoffnung: "Derzeit leben sie in Frieden nebeneinander, es wäre toll, wenn sie nun auch miteinander leben."

Was würde ein harter Brexit für die Jugendlichen bedeuteten? Den meisten, die Binder getroffen hat, ist das ziemlich egal. Viele von ihnen durften noch nicht abstimmen, diejenigen, die alt genug waren, wählten oft dasselbe wie ihre Eltern. "Uns geht es ja sowieso schon schlecht, was soll noch schlimmer werden", war eine typische Antwort.

Da ist Binder anderer Meinung. "Ich glaube, dass es in dem Land wirtschaftlich bergab gehen wird - und dann wird sicherlich auch die Gewalt wieder da sein", sagt er. "Seit dem Friedensabkommen gibt es schon viele Verbesserungen. Es wäre traurig, wenn man alles wieder kaputt machen würde, was die Leute sich aufgebaut haben."

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