Wie eine Schülerin Corona auf See erlebt "Ich wäre lieber auf dem Schiff geblieben"

Mehr als ein halbes Jahr war Magdalena Rieder auf dem Segelschiff "Thor Heyerdahl" unterwegs. Die 16-Jährige erzählt, wie sie von der Coronakrise erfuhr und warum sie sich an Bord sicher fühlte.
Ein Interview von Birte Bredow
Abenteuerliche Reise: Magdalena Rieder (r.) mit Claudia Göpfert auf der "Thor Heyerdahl"

Abenteuerliche Reise: Magdalena Rieder (r.) mit Claudia Göpfert auf der "Thor Heyerdahl"

Foto: Michael Elmer

Am 19. Oktober 2019 verließ das Segelschiff "Thor Heyerdahl" mit 34 Schülerinnen und Schülern an Bord Kiel. Als die Teilnehmer des Projekts "Klassenzimmer unter Segeln" aufbrachen konnte keiner ahnen, wie massiv sich die Welt in den sechs Monaten ihrer Reise verändern sollte.

Bis Anfang März lief die Reise der Jugendlichen aus ganz Deutschland weitgehend wie geplant, doch dann wirkte sich die weltweite Corona-Pandemie auch auf sie aus. Ein geplanter Landaufenthalt auf den Azoren fiel aus, auch auf dem Rückweg waren keine Ausflüge an Land möglich.

Ruth Merk ist die pädagogische Leiterin der Fahrt. Dass auf den Reisen etwas anders als geplant laufe, werde auch im Konzept berücksichtigt. Die Teilnehmer lernten so, sich auf neue Situationen einzustellen und das beste daraus zu machen. Derartig massive Veränderungen wie durch die Coronakrise sind aber auch für Merk neu. Sie selbst konnte nicht wie geplant auf die Azoren fliegen und die letzte Etappe der Reise begleiten. Stattdessen musste sie organisieren: Unter welchen Bedingungen darf das Schiff in den Hafen? Wer bringt den Proviant zum Schiff? Wie gelingt ein "würdiger" Abschluss der Reise?

Ruth Merk: Als Organisatorin gefragt

Ruth Merk: Als Organisatorin gefragt

Foto: Daniel Schupmann

Merk ärgert sich, wenn in den Medien von einer "Irrfahrt" der "Thor Heyerdahl" gesprochen wird. Die Strecke von den Azoren über den Atlantik über England und die Niederlande sei der direkte Weg gewesen. Auch habe es weder von Eltern noch den Teilnehmern den Wunsch gegeben, die Reise abzubrechen und nach Hause zu fliegen.

Am Sonntag schließlich durften die Eltern dann trotz des Tourismusverbots in Schleswig-Holstein ihre Kinder in Kiel abholen - unter Sicherheitsauflagen. Die Angehörigen mussten Schutzmasken tragen und strikt Abstand halten, die Schüler durften nur einzeln von Bord gehen.

Die Schülerin Magdalena Rieder gehörte auch zu der Reisegruppe. Die 16-Jährige ist inzwischen zurück in Untermeitingen in Bayern. Dort lebt sie mit ihren Eltern und ihren beiden älteren Schwestern.

SPIEGEL: Magdalena, am Sonntag bist Du nach mehr als einem halben Jahr unterwegs und knapp 50 Tagen ohne Landgang wieder mit der "Thor Heyerdahl" in Kiel eingelaufen. Wie war das für dich?

Magdalena: Komisch. Wir haben an der Pier unsere Eltern mit Mundschutz gesehen. Bis dahin war die ganze Corona-Situation für uns noch nicht real. Wir haben zwar die Nachrichten verfolgt, mit denen uns das Büro aus Deutschland auf Stand hielt, aber waren nicht direkt damit konfrontiert.

SPIEGEL: Es war ein anderer Empfang als ursprünglich geplant.

Magdalena: In allen anderen Jahren gab es immer eine Riesenfeier bei der Heimkehr. Meine älteren Schwestern wären gerne dabei gewesen, aber nur unsere Eltern durften kommen und wir sind relativ direkt zurück nach Bayern gefahren.

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SPIEGEL: Wie ist es, wieder zu Hause zu sein?

Magdalena: Es ist ehrlicherweise seltsam, wieder in einem Haus zu leben. Alles ist riesengroß und so leise. Auf dem Schiff waren immer Leute um mich rum. Auch in der Nacht war immer jemand wach. Man hat Gespräche, den Wind, die Masten, das Wasser gehört. Ich höre gerade dauernd Musik. Es braucht Zeit, sich wieder umzugewöhnen.

SPIEGEL: Wie erlebst Du die Corona-Maßnahmen?

Magdalena: Ich hatte mir auf dem Schiff immer ausgemalt, wie es sein würde, wieder zur Leichtathletik zu gehen, meine Freunde zu treffen und in einer Gruppe auszureiten. Nichts davon kann ich jetzt machen. Bald muss ich mit Homeschooling anfangen, statt wieder in meine alte Klasse zu gehen. Ich kann nicht einmal zu meiner besten Freundin fahren und sie in den Arm nehmen. Wir planen zwar uns in den kommenden Tagen zu sehen, aber ich kann mir noch gar nicht vorstellen, wie es dann sein wird, 1,50 Meter von ihr entfernt bleiben zu müssen.  

SPIEGEL: Wann hast Du auf deiner Reise etwas von Corona mitbekommen?

Magdalena: Das war Anfang Februar, auf Kuba. Da sind neue Crew-Mitglieder angekommen. Von denen hat jemand erzählt, dass es eine neue Krankheit gibt. Das erste Mal wirklich zum Thema wurde es für mich nach den bayrischen Faschingsferien, als wir gerade auf Bermuda waren: Auf See hatten wir kein Handy, aber bei den Landgängen durften wir telefonieren. Meine Familie hat mir dann erzählt, dass meine Schwester nicht in die Schule durfte, weil sie zum Skifahren in Italien war. Kurz darauf hat unser Kapitän und die Projektleitung uns dann auch über Corona informiert. Viele hatten es bis dahin noch nicht richtig mitbekommen. Ab diesem Zeitpunkt wurden wir auf Stand gehalten. Es gab eine sogenannte Corona-Wand in einem Gang, an der die Nachrichten aufgehängt wurden.

SPIEGEL: Kannst Du dich noch an die Reaktionen Deiner Mitschüler erinnern?

Magdalena: Viele waren gelassen. Ich selbst auch, aber ich habe es gar nicht richtig begriffen. Ein bisschen Sorgen habe ich mir um meine Familie gemacht. Manche waren erstmal richtig fertig. Kurz danach haben wir erfahren, dass es unseren Familien gut geht. Das war eine große Erleichterung.

Magdalena Rieder: "Wir waren in unserer eigenen kleinen Welt"

Magdalena Rieder: "Wir waren in unserer eigenen kleinen Welt"

Foto: Julian Stark

SPIEGEL: Ihr hattet keine Angst um Euch selbst?

Magdalena: Wir waren in unserer eigenen kleinen Welt und konnten uns ja gar nicht anstecken. Von der Coronakrise waren wir nicht betroffen, außer, dass wir nicht mehr an Land gehen durften. Und wir hatten uns. Wir waren fünfzig Personen, die noch engen Kontakt haben durften. Wir hätten es nicht schöner haben können.

SPIEGEL: Dass Ihr stets an Bord bleiben musstet, war kein Problem?

Magdalena: Am Anfang waren wir natürlich enttäuscht, dass wir nicht auf die Azoren konnten. Wir wären auf den Ponta do Pico gestiegen, wir wollten eine Walbeobachtungs-Tour machen. Außerdem mussten wir vor den Azoren mehrere Tage warten, bis wir wieder Diesel und Proviant bekamen, ohne hätten wir die Heimreise nicht antreten können. Ich habe mich aber relativ schnell damit abgefunden. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass es unserer Gruppe sogar gutgetan hat.

SPIEGEL: Warum? 

Magdalena: Wir sind noch mehr zusammengewachsen, haben uns unterstützt und versucht, keinen Lagerkoller entstehen zu lassen. Deshalb haben wir viele kreative Dinge gemacht: Eine Gruppe hat ein Theaterstück eingeübt, manche haben genäht, andere gehäkelt. Außerdem hatten wir unsere üblichen Aufgaben an Bord, haben zum Beispiel gekocht, Sicherheitsrundgänge gemacht oder standen am Steuer.

SPIEGEL: Hatte die Corona-Krise irgendwelche Auswirkungen auf euren Unterricht?

Magdalena: Nicht wirklich. Für die letzte Etappe ist ohnehin kein klassischer Unterricht mehr vorgesehen. Bis zu den Azoren war es so, dass man immer einen Tag von acht bis 18 Uhr Unterricht hat und am nächsten Tag sechs Stunden Wache hat, also gemeinsam mit anderen für das Schiff und das Segeln verantwortlich ist. Während unserer Landaufenthalte – auf Kuba waren wir beispielsweise drei Wochen – gab es keinen Frontalunterricht, aber wir mussten Referate halten.  

SPIEGEL: Was lernt man auf See?

Magdalena: Zusammenhalt. Auf der ersten Etappe waren 90 Prozent der Schüler seekrank. Ich zum Glück nicht. Alle, denen es gerade gut ging, haben sich um die anderen gekümmert, ihnen beim Anziehen geholfen, sie an Deck gebracht und ihre Aufgaben übernommen. Man lernt, mit Konflikten umzugehen, Probleme offen anzusprechen, weil man sich nicht aus dem Weg gehen kann. Dennoch: Gegen Ende der Reise war meine Stimmung oft nicht so gut.

SPIEGEL: Wegen der Corona-Beschränkungen, die Dich zu Hause erwarteten?

Magdalena: Eher, weil ich begriffen habe, dass die Reise und diese besonders Zeit bald vorbei ist. Corona hat dieses Gefühl verstärkt. Ich habe mich auf meine Familie gefreut, aber ich wäre lieber in unserer heilen Welt auf dem Schiff geblieben. Es war merkwürdig zu wissen, dass zu Hause nichts mehr so ist, wie vor unserer Abreise.

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