Flüchtlingskind im Koffer Nicht ohne meinen Sohn

Das Bild ging um die Welt: Ein kleiner Junge sollte in einem Rollkoffer über die Grenze nach Spanien geschmuggelt werden. Eine neue Methode brutaler Schlepperbanden? Wohl nicht. Hier ist die Geschichte hinter dem Foto.

Ein Kind im Reisekoffer: Dieses Bild sahen spanische Grenzbeamte auf ihrem Scanner
AFP/SPANISH GUARDIA CIVIL

Ein Kind im Reisekoffer: Dieses Bild sahen spanische Grenzbeamte auf ihrem Scanner

Von Angelika Stucke, Madrid


"Je m'appelle Adou Outtara", stellte sich der magere Junge höflich vor. "Ich heiße Adou Outtara." Da hatten Grenzbeamte der spanischen Exklave Ceuta den Achtjährigen gerade aus einem Koffer befreit, in dem der Junge über die Grenze geschmuggelt werden sollte.

Die Guardia Civil hatte eine junge Frau bemerkt, die von Marokko kommend überaus nervös versuchte, den Grenzübergang Tarajal mit einem großen Rollkoffer zu passieren. Sie tippten zunächst auf Drogen, mussten dann aber fassungslos feststellen, dass in dem Gepäckstück ein Kind kauerte.

Die Frau hatte keine zusätzlichen Lüftungslöcher in den Koffer gestochen, aber dem Jungen ging es gut. Das bestätigte das Rote Kreuz, in dessen Obhut er zunächst übergeben wurde.

Das Bild aus dem Scanner der Grenzbeamten, das den Jungen kauernd im Koffer zeigte, ging um die Welt. Der Fall lässt an immer grausamere Schleppermethoden denken. Doch die Wahrheit ist komplizierter: Es handelt sich wohl um die Verzweiflungstat eines Vaters, der nichts anderes wollte, als sein Kind zu sich zu holen.

Ein Junge klettert aus dem Koffer: "Ich heiße Adou Outtara"
REUTERS/ Ministerio del Interior

Ein Junge klettert aus dem Koffer: "Ich heiße Adou Outtara"

Kaum anderthalb Stunden nach dem Aufgreifen des Jungen passierte ein Erwachsener mit gleichem Nachnamen die Grenze zwischen Marokko und Ceuta, das fiel den Beamten auf. Als sie Alí Outtara ein Foto des Jungen zeigten, brach dieser zusammen und gestand. Er habe eine 19-jährige Marokkanerin überredet, seinen Sohn gegen Geld irgendwie über die Grenze zu bringen. Dass der Kleine dafür in einen Koffer gesteckt werden würde, habe er nicht gewusst. "Ich habe geglaubt, mein Sohn sei schon in Sicherheit auf der anderen Seite", soll Alí Outtara spanischen Medien zufolge gesagt haben.

Der 42-jährige gebürtige Ivorer lebt schon lange legal auf den Kanaren, er besitzt eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung und arbeitet gegen einen Lohn von 1300 Euro in einer Wäscherei. Vor einigen Jahren konnte er seine Frau und eine Tochter im Rahmen eines Familienzusammenführungsgesuchs zu sich holen. Einen Verdienst von mindestens 1065 Euro im Monat musste er dafür nachweisen. Für jedes weitere Familienmitglied bräuchte er 266 Euro mehr. Ihm fehlen also 31 Euro monatlich, um auch Adou legal bei sich wohnen zu lassen.

Dreimal stellte Outtara einen Antrag, dreimal wurde er abgelehnt. Damit waren die gesetzlichen Möglichkeiten ausgeschöpft.

Letztendlich wusste der Vater sich nicht anders zu helfen, als eine illegale Einreise für sein Kind zu organisieren. Nun sitzt Outtara in Untersuchungshaft - ohne die Möglichkeit, gegen Kaution freizukommen. Seine Frau auf Fuerteventura weiß nicht, wo in den kommenden Wochen das Geld für den Lebensunterhalt herkommen soll. Und ihr gemeinsamer Sohn befindet sich in der Obhut eines Zentrums für Minderjährige in Ceuta.

So berichtet es Estanislao Naranjo, Vorsitzender und Anwalt der Plattform Red Española de Inmigración y Política Local, die sich des Falles angenommen hat. Die Gruppe, ein Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen, beschäftigt sich seit 2014 mit Flüchtlingspolitik. In dieser Woche wandte sie sich an das spanische Parlament sowie an die spanische Ombudsfrau und legte Widerspruch gegen die Untersuchungshaft ein.

DNA-Probe beantragt

Outtara und der 19-jährigen Marokkanerin werden Menschenhandel vorgeworfen. Eine Tat, die in Spanien mit bis zu acht Jahren Haft bestraft werden kann.

Clemente Cerdeira, der Pflichtverteidiger Outtaras, hält die Untersuchungshaft für völlig überzogen. "Mein Mandant hält sich legal in Spanien auf, seine Familie lebt bei ihm, er wird sicher nicht versuchen, sich durch eine Flucht der Justiz zu entziehen." Er wolle seinem Mandanten empfehlen, dass seine Frau sobald wie möglich in Ceuta vorstellig wird, um die Übergabe des Sohnes zu fordern, sagt Cerdeira. "Das sollte zum Wohl des Kindes möglich sein."

Zum Befinden des kleinen Adou darf der Direktor des Zentrums für Minderjährige in Ceuta keine Angaben machen. Das übernimmt seine Vorgesetzte bei der Stadtverwaltung, Antonia Palomo. "Der Kleine ist glücklich, in unserem Land zu sein. Er spielt und tobt mit den anderen Kindern." Palomo stellt aber auch klar: Bevor der Junge einem Elternteil übergeben werden kann, muss zunächst eine DNA-Probe gemacht werden, um das Verwandtschaftsverhältnis zu bestätigen. "Außerdem müssen die kanarischen Behörden die Lebenssituation der Familie überprüfen", sagt sie.

Zumindest die DNA-Probe hat die zuständige Staatsanwaltschaft mittlerweile in Auftrag gegeben. Trotzdem werden wohl noch Wochen vergehen, ehe die Mutter ihren Sohn in die Arme schließen kann.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.