Studie zu Fettleibigkeit Die dicken Kinder von Rom

Pizza und Eiscreme: Italienische Kinder haben einer europäischen Studie zufolge am stärksten mit Übergewicht zu kämpfen - gefolgt vom Nachwuchs in anderen Mittelmeer-Staaten. Jetzt soll "Capitan KUK" den Kleinen Obst und Gemüse schmackhaft machen.
Übergewichtige Kinder in Italien: Zehnjähriger Junge wird in Rom gewogen

Übergewichtige Kinder in Italien: Zehnjähriger Junge wird in Rom gewogen

Foto: ? Reuters Photographer / Reuters/ REUTERS

Rom - Die mediterrane Küche gilt als äußerst gesund: Obst, Gemüse, Fisch und Olivenöl sollen schlank halten und Krankheiten vorbeugen. Doch ausgerechnet die jungen Italiener liegen inzwischen beim Übergewicht in Europa ganz vorn. Mehr als 40 Prozent der Zwei-bis Zehnjährigen sind einer europäischen Untersuchung zufolge übergewichtig oder fett. Bei ihren Altersgenossen in Griechenland, auf Zypern und in Spanien sieht es der Studie zufolge nicht viel besser aus.

"Die Erhebungen der letzten zehn, zwanzig Jahre zeigen, dass wir in Südeuropa höhere Fallzahlen von Fettleibigkeit bei Kindern haben", sagt der Leiter der IDEFICS-Studie  am Bremer Institut für Epidemiologie und Präventionsforschung der Universität Bremen, Wolfgang Ahrens. Bei dem von der EU-geförderten Forschungsprogramm untersuchen seit 2006 Forscher in elf Ländern Lebensstil-bedingte Erkrankungen der Kinder. Mit 16.225 Kindern ist es die größte Langzeitstudie in der EU zu ernährungsbedingten Gesundheitsstörungen bei Kindern.

Die mediterrane Kost, seit 2010 auf Betreiben Italiens, Spaniens, Griechenlands und Marokkos als Mittelmeer-Diät sogar von der Unesco als Immaterielles Kulturerbe anerkannt, schmeckt mittlerweile anderen besser. "Die Daten, die wir gesammelt haben, deuten darauf hin, dass das Mittelmeer nach Norden wandert", sagt Ahrens. In Schweden werde von den Kindern inzwischen eher "mediterran" gegessen als am Mittelmeer.

Die italienische Regierung hat das Problem erkannt. "Capitan KUK" soll die Kinder umstimmen. Das Gesundheitsministerium hat den Comic-Helden erfunden, um sie zum Essen von Früchten und Gemüse zu animieren. Denn diese Bilder gehören zum Alltag: In einem Kinderwagen am Strand von Paestum in Süditalien liegt eine Chips-Tüte, friedlich nuckelt ein Kleinkind an einer Flasche mit süßer Limo. Am Strand von Fano unterhalb von Rimini planschen pausbackige Jungen und Mädchen, und auch am Gardasee spielen einige Kinder mit Speckfalten - und schlecken Eis.

"Viele italienische Eltern können nicht nein sagen"

Gesundheitsminister Renato Balduzzi möchte zudem mit einer neuen Steuer auf gezuckerte Limonaden-Getränke zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: die Ernährungsgewohnheiten der Jugend verbessern und Geld für Gesundheitsmaßnahmen in die klammen Kassen spülen. Die Abgabe solle "die öffentliche Aufmerksamkeit auf ein Thema lenken, das in den Familien zu wenig gesehen wird", sagt der Minister. "Die Hälfte unserer Kinder konsumiert zu viel kohlensäurehaltige und gezuckerte Getränke." Sein Plan stößt allerdings auf harsche Kritik. Verbraucherschützer werfen der Regierung vor, sie wolle unter dem Vorwand der Gesundheitsförderung den Bürgern erneut in die Taschen greifen.

Gerade die italienischen Mütter sind normalerweise sehr um ihren Nachwuchs besorgt. Genau das kann zum Bumerang werden. "Es gab das Schönheitsideal, dass Kinder etwas proper sein sollen. Die Vorstellungen, wie ein gesundes Kind aussieht, gehen noch immer auseinander", sagt Ahrens. Manche Mutter lässt ihr Kind zudem wegen der Kriminalität oder wegen des chaotischen Verkehrs nicht zum Spielen auf die Straße. Und wie überall in Europa sitzen die Kleinen immer mehr vor dem Computer, surfen im Netz oder sehen fern, gern auch beim Essen. "Kinder, die viel fernsehen, ernähren sich anders und greifen eher zu ungesunden Nahrungsmitteln", sagt Ahrens.

Auch mangelnde Konsequenz könnte eine Rolle spielen. "Ein süßer Riegel zwischendrin, das ist einfacher als ein Apfel", schildert Paola, die inzwischen Großmutter ist, ihre Erfahrungen mit ihrem Enkel. Emanuela Sarolsi aus Forli in Oberitalien, Mutter von drei Kindern, meint: "Viele italienische Eltern können nicht nein sagen." Tatsächlich werden der Studie zufolge Essensregeln am strengsten in Schweden eingehalten.

Was zudem kaum bekannt ist: Schlafmangel macht dick. "Es gibt eine klare Beziehung zwischen Schlafdauer und Übergewicht. Die Stoffwechsellage verändert sich, die Insulinsensibilität nimmt ab, das Risiko für Diabetes steigt." Schlafen Grundschulkinder weniger als neun Stunden pro Nacht, sind sie doppelt so anfällig für Übergewicht wie Kinder mit elf Stunden Schlaf, fanden die Forscher heraus. Und die Studie ergab: "Die italienischen Kinder schlafen am kürzesten von allen, die schwedischen am längsten."

Und schließlich gibt es in Italien ein paar Nationalgerichte, die sicher nicht zur gesunden mediterranen Kost gehören, aber Kindern schmecken: Pizza und Eiscreme.

wit/dpa