Weltweite Erhebung von "Save the Children" Wo Kinder keine Kindheit haben

Gewalt, Hunger, Flucht: 690 Millionen Heranwachsende haben einem Bericht zufolge keine Kindheit, die diesen Namen verdient. Katastrophal ist die Lage vor allem in Afrika - aber es gibt auch gute Nachrichten.

Von , Dawood Ohdah (Grafik) und Katharina Zingerle (Video)


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Es gibt auch erfreuliche Fälle, Mut machende Erfolgsgeschichten. Die von Abdo zum Beispiel: Der 16-Jährige absolviert seit dem vergangenen Jahr in einem Berufsbildungszentrum der Hilfsorganisation Save the Children eine Lehre zum Tischler. "Ich habe schon einen Stuhl, ein Bett und einen Kleiderständer gezimmert", sagt der Jugendliche. "Das gibt mir Kraft, meine Familie zu unterstützen."

Kraft hat die Familie des Jungen dringend nötig: Abdo lebt im Südsudan, einem krisengeschüttelten Staat in Nordostafrika. Seine Familie musste oft umziehen, der Vater ist seit Langem tot, Abdos Mutter und die Geschwister sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Abdo ist eines von Millionen Kindern weltweit, die aufgrund von Krisen und schlechten Lebensbedingungen keine richtige Kindheit haben: Die NGO Save the Children hat die Situation für Heranwachsende aus 176 Ländern untersucht und die Ergebnisse in einem Länder-Ranking zusammengefasst, dem Global Childhood Report. Der Bericht, der auch die Entwicklung seit dem Jahr 2000 in den Blick nimmt, ist in weiten Teilen erschütternd - aber er zeigt auch: Es gibt Hoffnung.

So ist die Zahl der Kinder, die ihrer Kindheit beraubt werden, laut Save the Children deutlich gesunken: Zur Jahrtausendwende waren weltweit 970 Millionen Kinder betroffen, heute sind es noch 690 Millionen. In 173 von 176 Staaten hat sich die Situation von Kindern demzufolge verbessert - so gibt es im Vergleich zum Jahr 2000 heute

  • 4,4 Millionen weniger Todesfälle im Kindesalter
  • 49 Millionen weniger Kinder mit Wachstumsstörungen wegen Mangelernährung
  • 94 Millionen weniger Kinder, die arbeiten müssen
  • 115 Millionen weniger Kinder, die keine Schule besuchen

Binnen einer Generation ist demnach die Wahrscheinlichkeit, als Kind arbeiten zu müssen, um 70 Prozent gesunken. Im Bericht heißt es: "Kinder, die heute geboren werden, haben bessere Chancen als jemals zuvor, gesund und in Sicherheit aufzuwachsen und zur Schule zu gehen - und damit die Möglichkeit, ihr Potenzial voll zu entfalten."

Insgesamt am besten ist die Situation - wie im vergangenen Jahr - in Singapur. Das Land hat 989 von 1000 möglichen Punkten, 17 mehr als im vergangenen Jahr.

Der Weltkindheitsatlas

Situation für Heranwachsende nach dem Global Childhood Report

Rang Land Ergebnis
1 Singapur 989
2 Schweden 986
3 Finnland 985
3 Norwegen 985
3 Slowenien 985
6 Deutschland 982
6 Irland 982
8 Italien 980
8 Südkorea 980
10 Belgien 979
11 Island 978
11 Portugal 978
13 Zypern 977
13 Spanien 977
15 Australien 975
15 Schweiz 975
17 Israel 974
17 Luxemburg 974
19 Frankreich 973
19 Japan 973
19 Litauen 973
22 Vereinigtes Königreich 972
23 Kanada 971
23 Dänemark 971
25 Neuseeland 968
25 Polen 968
27 Estland 967
27 Lettland 967
29 Kroatien 965
30 Griechenland 964
31 Ungarn 963
32 Malta 961
33 Bahrain 958
34 Weißrussland 951
35 Kuwait 942
36 China, Volksrepublik 941
36 Vereinigte Staaten von Amerika 941
38 Bosnien und Herzegowina 940
38 Russische Föderation 940
40 Kasachstan 933
40 Katar 933
42 Ukraine 932
43 Vereinigte Arabische Emirate 931
44 Tunesien 929
45 Saudi-Arabien 928
46 Serbien 927
47 Libanon 926
48 Oman 925
49 Bulgarien 923
50 Montenegro 921
51 Rumänien 920
52 Mauritius 919
53 Kuba 918
54 Malediven 917
55 Chile 916
56 Barbados 915
56 Sri Lanka 915
58 Samoa 911
59 Tonga 910
60 Jordanien 909
61 Albanien 908
61 Armenien 908
63 Algerien 907
63 Brunei Darussalam 907
65 Nordkorea 906
66 Türkei 904
67 Turkmenistan 902
68 Bahamas 901
69 Costa Rica 900
69 Nordmazedonien 900
71 Malaysia 890
72 Usbekistan 887
73 Georgien 883
74 Argentinien 881
74 St. Lucia 881
76 Mongolei 877
76 Uruguay 877
78 Fidschi 876
79 Iran, Islamische Republik 869
79 St. Vincent und die Grenadinen 869
81 Moldawien 868
82 Seychellen 865
83 Marokko 864
84 Staat Palästina (Hamas) 863
85 Suriname 860
86 Thailand 859
87 Jamaika 857
88 Trinidad und Tobago 856
89 Aserbaidschan 849
90 Tadschikistan 842
91 Kap Verde 840
92 Peru 835
93 Ägypten 833
94 Kirgisistan 832
95 Vietnam 831
96 Mexiko 826
97 Ecuador 817
98 Bhutan 811
99 Brasilien 806
100 Paraguay 803
101 Belize 801
102 Botswana 800
102 Philippinen 800
104 Vanuatu 798
105 Nicaragua 795
106 Dominikanische Republik 794
107 Indonesien 792
107 Panama 792
109 Guyana 786
109 #NV 786
111 Gabun 775
112 Marshallinseln 772
113 Indien 769
113 Südafrika 769
115 Irak 768
116 Bolivien 766
117 Ghana 763
118 Kolumbien 761
119 Namibia 760
120 Kambodscha 755
121 São Tomé und Príncipe 751
122 Swasiland 747
122 Kenia 747
124 El Salvador 745
125 Ruanda 744
126 Dschibuti 732
127 Bangladesch 728
128 Osttimor 725
129 Haiti 718
130 Republik Kongo 715
131 Venezuela 707
132 Senegal 691
133 Salomonen 689
134 Nepal 685
135 Komoren 684
136 Uganda 683
137 Honduras 682
138 Togo 679
139 Simbabwe 677
140 Burundi 676
141 Papua-Neuguinea 675
142 Gambia 661
143 Jemen 652
144 Äthiopien 651
145 Laos, Demokratische Volksrepublik 643
145 Syrien 643
147 Guatemala 639
148 Benin 631
149 Pakistan 626
150 Sambia 623
151 Malawi 615
151 Sudan 615
153 Elfenbeinküste 608
154 Eritrea 606
155 Tansania 604
156 Liberia 599
157 Guinea-Bissau 597
158 Afghanistan 596
158 Madagaskar 596
160 Sierra Leone 591
161 Kamerun 582
161 Mauretanien 582
163 Angola 581
163 Äquatorialguinea 581
165 Lesotho 579
166 Mosambik 567
167 Burkina Faso 565
168 Kongo, Demokratische Republik 556
169 Guinea 531
170 Nigeria 504
171 Somalia 468
172 Sudan 461
173 Mali 430
174 Tschad 408
175 Niger 402
176 Zentralafrikanische Republik 394

Deutlich gebessert hat sich die Situation für Kinder unter anderem in Bangladesch, auf den Philippinen und in Mexiko. Die nach Punkten größten Sprünge im "Childhood Index" schafften seit 2000 Sierra Leone (von 345 auf 591), Ruanda (von 503 auf 744) und Äthiopien (von 414 auf 651).

Insgesamt ist die Lage in Subsahara-Staaten allerdings nach wie vor äußerst schlecht. Tschad, Niger und die Zentralafrikanische Republik belegen die hintersten Plätze im Ranking. Die zehn Länder mit den wenigsten Punkten liegen allesamt in Afrika.

Allerdings ist die Situation auch in anderen Weltregionen prekär. Afghanistan etwa hat zwar enorme Fortschritte erzielt, liegt im Ranking aber dennoch lediglich auf Rang 158 von 176 Ländern. Im vergangenen Jahr gab es beispielsweise fast 200 militärische Angriffe auf Schulen, im Vergleich zum Vorjahr hatte sich die Zahl solcher Attacken damit laut Unicef fast verdreifacht.

Video: So sieht eine Kindheit in Afghanistan aus

In Krisen- und Konfliktgebieten gibt es dem Bericht zufolge insgesamt keine Fortschritte. "Die Zahl der Kinder, die in Kriegsgebieten leben oder aufgrund von Konflikten gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, ist seit dem Jahr 2000 sogar deutlich gestiegen", heißt es. Die Zahl der Vertriebenen sei in den vergangenen zwei Jahrzehnten um 80 Prozent gestiegen, Kinder seien überproportional betroffen: Mehr als die Hälfte der Geflüchteten weltweit sind demnach Heranwachsende, obwohl sie nur 30 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen.

Auch Teenagerschwangerschaften bleiben ein gravierendes Problem: "Komplikationen während Schwangerschaft oder Geburt sind weltweit die häufigste Todesursache bei Mädchen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren", heißt es im Bericht. Es habe seit dem Jahr 2000 bei diesem Thema nur mäßige Fortschritte gegeben.

Details zum Report
Wer steht hinter dem "Childhood Index"?
Die Nicht-Regierungs-Organisation Save the Children ist nach eigenen Angaben die größte unabhängige Kinderrechtsorganisation der Welt. Gegründet im Jahr 1919, haben sich unter einem internationalen Dachverband mittlerweile 28 Länderorganisationen gebildet. In Deutschland gibt es seit 2004 den gemeinnützigen Verein "Save the Children Deutschland e. V." mit Sitz in Berlin.
Auf welchen Quellen basiert der Bericht?
Der Bericht bezieht sich auf die zentralen Rechte, die in der Uno-Kinderrechtskonvention aufgeführt sind: Leben, Gesundheit und Entwicklung, Bildung sowie Schutz vor Gewalt. Für das Ranking wurden bestehende Datensätze ausgewertet, erhoben unter anderem von Universitäten und Uno-Organisationen wie Unicef, UNFPA, Unesco und UNHCR. Eine vollständige Quellenübersicht findet sich im englischsprachigen Bericht ab Seite 59.
Was bedeuten die Punkte im Ranking?
Der Punktestand des Childhood Index wird für jedes Land in einem Bereich zwischen 1 und 1000 Punkten errechnet. Je mehr Punkte, desto besser sind die Bedingungen für eine geschützte Kindheit. Negativfaktoren sind etwa Mangelernährung, kein Zugang zu Bildung sowie die Belastung durch Arbeit, Heirat oder Mutterschaft. Ab einem Wert von unter 380 Punkten verpassen fast alle Kinder in einem Land ihre Kindheit.
Wie wurde das Ranking erstellt?
Aufgrund der mitunter schwierigen Datengrundlage sind nicht alle Staaten der Welt in dem Ranking aufgeführt. Länder etwa, für die es keine Zahlen zu Kindsmord- und Tötung gibt, fehlen in dem Report. Eine vollständige Übersicht zur Methodik findet sich im englischsprachigen Bericht ab Seite 54.

Besonders gut steht im internationalen Vergleich Europa da. Acht der zehn bestplatzierten Länder sind europäisch. Deutschland belegt mit 982 Punkten, vier mehr als im vergangenen Jahr, den sechsten Platz.

Wirtschaftlicher und technologischer Fortschritt oder militärische Macht sind für ein gutes Ranking nur bedingt relevant: China und die USA teilen sich den 36. Platz, Russland belegt Rang 38.

Trotz mancher Fortschritte weist Save the Children auf die in vielen Staaten nach wie vor alarmierenden Zustände hin. "In einer Welt, in der Ressourcen, Wissen und Technologien im Überfluss vorhanden sind", schreibt die Hilfsorganisation, "dürfen wir es nicht hinnehmen, dass heute immer noch zahllose Kinder Not leiden."


Zusammengefasst: Weltweit haben etwa 690 Millionen Kinder laut einem Bericht der Hilfsorganisation Save the Children keine Kindheit, die diesen Namen verdient. In einem Ranking listet die NGO auf, in welchen Ländern die Situation besonders dramatisch ist; betroffen sind vor allem Staaten im zentralen und südlichen Afrika. Der Report zeigt zugleich auf, dass sich die Lage weltweit seit der Jahrtausendwende signifikant verbessert hat - auch in Deutschland.



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