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Weltweite Erhebung von "Save the Children" Wo Kinder keine Kindheit haben

Gewalt, Hunger, Flucht: 690 Millionen Heranwachsende haben einem Bericht zufolge keine Kindheit, die diesen Namen verdient. Katastrophal ist die Lage vor allem in Afrika - aber es gibt auch gute Nachrichten.

Es gibt auch erfreuliche Fälle, Mut machende Erfolgsgeschichten. Die von Abdo zum Beispiel: Der 16-Jährige absolviert seit dem vergangenen Jahr in einem Berufsbildungszentrum der Hilfsorganisation Save the Children eine Lehre zum Tischler. "Ich habe schon einen Stuhl, ein Bett und einen Kleiderständer gezimmert", sagt der Jugendliche. "Das gibt mir Kraft, meine Familie zu unterstützen."

Kraft hat die Familie des Jungen dringend nötig: Abdo lebt im Südsudan, einem krisengeschüttelten Staat in Nordostafrika. Seine Familie musste oft umziehen, der Vater ist seit Langem tot, Abdos Mutter und die Geschwister sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Abdo ist eines von Millionen Kindern weltweit, die aufgrund von Krisen und schlechten Lebensbedingungen keine richtige Kindheit haben: Die NGO Save the Children hat die Situation für Heranwachsende aus 176 Ländern untersucht und die Ergebnisse in einem Länder-Ranking zusammengefasst, dem Global Childhood Report . Der Bericht, der auch die Entwicklung seit dem Jahr 2000 in den Blick nimmt, ist in weiten Teilen erschütternd - aber er zeigt auch: Es gibt Hoffnung.

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Report: Wie eine Kindheit besser werden kann

Foto: Stefanie Glinski/ Save the Children

So ist die Zahl der Kinder, die ihrer Kindheit beraubt werden, laut Save the Children deutlich gesunken: Zur Jahrtausendwende waren weltweit 970 Millionen Kinder betroffen, heute sind es noch 690 Millionen. In 173 von 176 Staaten hat sich die Situation von Kindern demzufolge verbessert - so gibt es im Vergleich zum Jahr 2000 heute

  • 4,4 Millionen weniger Todesfälle im Kindesalter
  • 49 Millionen weniger Kinder mit Wachstumsstörungen wegen Mangelernährung
  • 94 Millionen weniger Kinder, die arbeiten müssen
  • 115 Millionen weniger Kinder, die keine Schule besuchen

Binnen einer Generation ist demnach die Wahrscheinlichkeit, als Kind arbeiten zu müssen, um 70 Prozent gesunken. Im Bericht heißt es: "Kinder, die heute geboren werden, haben bessere Chancen als jemals zuvor, gesund und in Sicherheit aufzuwachsen und zur Schule zu gehen - und damit die Möglichkeit, ihr Potenzial voll zu entfalten."

Insgesamt am besten ist die Situation - wie im vergangenen Jahr - in Singapur. Das Land hat 989 von 1000 möglichen Punkten, 17 mehr als im vergangenen Jahr.

Deutlich gebessert hat sich die Situation für Kinder unter anderem in Bangladesch, auf den Philippinen und in Mexiko. Die nach Punkten größten Sprünge im "Childhood Index" schafften seit 2000 Sierra Leone (von 345 auf 591), Ruanda (von 503 auf 744) und Äthiopien (von 414 auf 651).

Insgesamt ist die Lage in Subsahara-Staaten allerdings nach wie vor äußerst schlecht. Tschad, Niger und die Zentralafrikanische Republik belegen die hintersten Plätze im Ranking. Die zehn Länder mit den wenigsten Punkten liegen allesamt in Afrika.

Allerdings ist die Situation auch in anderen Weltregionen prekär. Afghanistan etwa hat zwar enorme Fortschritte erzielt, liegt im Ranking aber dennoch lediglich auf Rang 158 von 176 Ländern. Im vergangenen Jahr gab es beispielsweise fast 200 militärische Angriffe auf Schulen, im Vergleich zum Vorjahr hatte sich die Zahl solcher Attacken damit laut Unicef fast verdreifacht.

Video: So sieht eine Kindheit in Afghanistan aus

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In Krisen- und Konfliktgebieten gibt es dem Bericht zufolge insgesamt keine Fortschritte. "Die Zahl der Kinder, die in Kriegsgebieten leben oder aufgrund von Konflikten gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, ist seit dem Jahr 2000 sogar deutlich gestiegen", heißt es. Die Zahl der Vertriebenen sei in den vergangenen zwei Jahrzehnten um 80 Prozent gestiegen, Kinder seien überproportional betroffen: Mehr als die Hälfte der Geflüchteten weltweit sind demnach Heranwachsende, obwohl sie nur 30 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen.

Auch Teenagerschwangerschaften bleiben ein gravierendes Problem: "Komplikationen während Schwangerschaft oder Geburt sind weltweit die häufigste Todesursache bei Mädchen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren", heißt es im Bericht. Es habe seit dem Jahr 2000 bei diesem Thema nur mäßige Fortschritte gegeben.

Details zum Report

Besonders gut steht im internationalen Vergleich Europa da. Acht der zehn bestplatzierten Länder sind europäisch. Deutschland belegt mit 982 Punkten, vier mehr als im vergangenen Jahr, den sechsten Platz.

Wirtschaftlicher und technologischer Fortschritt oder militärische Macht sind für ein gutes Ranking nur bedingt relevant: China und die USA teilen sich den 36. Platz, Russland belegt Rang 38.

Trotz mancher Fortschritte weist Save the Children auf die in vielen Staaten nach wie vor alarmierenden Zustände hin. "In einer Welt, in der Ressourcen, Wissen und Technologien im Überfluss vorhanden sind", schreibt die Hilfsorganisation, "dürfen wir es nicht hinnehmen, dass heute immer noch zahllose Kinder Not leiden."


Zusammengefasst: Weltweit haben etwa 690 Millionen Kinder laut einem Bericht der Hilfsorganisation Save the Children keine Kindheit, die diesen Namen verdient. In einem Ranking listet die NGO auf, in welchen Ländern die Situation besonders dramatisch ist; betroffen sind vor allem Staaten im zentralen und südlichen Afrika. Der Report zeigt zugleich auf, dass sich die Lage weltweit seit der Jahrtausendwende signifikant verbessert hat - auch in Deutschland.

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