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Report von Save the Children: Der Kindheit beraubt

Foto: Jonathan Hyams/ Save the Children

Report zu 172 Ländern Kinder ohne Kindheit

Sie werden zwangsverheiratet, zur Arbeit gezwungen, ohne Chance auf Spiel oder Bildung: Ein Report vergleicht die Kindheit von Millionen Minderjährigen weltweit. Vor allem die USA landen dabei auf einem unerwarteten Platz.

Die fünfjährige Sanjana sammelt in Neu-Delhi Müll. Die 13-jährige Maria aus Rio starb bei einer Schießerei zwischen Polizei und Drogendealern. Omar* ist zwölf Jahre alt und muss für seine Familie sorgen, seitdem sein Vater im Syrien-Krieg getötet wurde und sein älterer Bruder in den Kampf zog. Die 14-jährige Tulasa aus Nepal wurde mit 13 verheiratet. Ihr erstes Kind kam tot zur Welt. Saida* aus dem Jemen ist 18, sieht aber aufgrund von Mangelernährung eher aus wie ein Kind.

Diese Schicksale stehen stellvertretend für das Leid von Millionen Kindern weltweit. Ein Bericht der Organisation Save the Children dokumentiert zum Internationalen Kindertag am 1. Juni die Situation in 172 Ländern.

Dem Bericht zufolge werden weltweit mehr als 700 Millionen Kinder ihrer Kindheit beraubt - wenn sie überhaupt eine Chance haben aufzuwachsen: Rund 16.000 unter Fünfjährige sterben dem Report nach täglich. Laut Save the Children gehen mehr als 260 Millionen Kinder nicht zur Schule, fast 170 Millionen sind zur Kinderarbeit gezwungen.

In der Zeit, die Sie brauchen, um diesen Satz zu lesen, sind mehrere Mädchen auf der Welt Mutter geworden. Auch diesen Kindern werde "alles geraubt, was eine Kindheit ausmacht", sagt Bidjan Nashat, Vorstand bei Save the Children in Deutschland.

Anhand von acht Faktoren hat die Organisation eine Rangliste erstellt, die zeigen soll, in welchen Ländern die meisten und die wenigsten Kinder eine unbeschwerte Kindheit erleben dürfen. Die Kriterien sind:

  • Todesrate von Kindern unter fünf Jahren
  • Mangelernährung
  • Schulbesuch
  • Kinderarbeit
  • Kinderheirat
  • Schwangerschaft 15- bis 19-jähriger Mädchen
  • Vertreibung von Kindern durch Konflikte
  • Kinder als Mordopfer

Pro Kategorie wurden maximal 125 Punkte vergeben - je mehr, desto besser sind die Verhältnisse für Kinder in einem Land:

Behütete Kindheiten in Europa

Spitzenreiter sind Norwegen und Slowenien mit 985 von 1000 möglichen Punkten. Auch in anderen europäischen Staaten wie Finnland, den Niederlanden, Schweden, Portugal, Island, Irland und Italien wachsen Kinder vergleichsweise unbeschwert auf.

Deutschland landet in dem Ranking zusammen mit Belgien, Zypern und Südkorea auf Platz 10, mit 978 Punkten. Gut, aber gut genug? "Wir sollten den Anspruch haben, Weltmeister zu sein, nicht nur im Fußball", sagt Nashat. Deutschland könne sich nicht vom Leid der Kinder in anderen Ländern abkapseln. "Das haben wir spätestens in der Flüchtlingskrise gemerkt." Deshalb sei es wichtig, Kindern aus Flüchtlingsfamilien hierzulande Zugang zu Bildung zu verschaffen.

An anderen Ende der Skala liegen Niger (384 Punkte), Angola (393) und Mali (414). Die USA landen auf Rang 36 (941) - knapp vor Russland (940), aber hinter Weißrussland (951). Manche Länder - darunter Österreich, Kanada, Libyen, Tschechien und Bahrain - wurden untersucht, aber nicht in das Ranking aufgenommen, weil es in mindestens drei Kategorien keine oder nur veraltete Daten gab.

Es ist der erste Report dieser Art. Save the Children plant eine jährliche Aktualisierung, um aufzulisten, "in welchen Ländern wie vielen Kindern die Kindheit geraubt wird", sagt Nashat. "Kindheit ist ein Recht."

Schwierige Datenlage

Der Bericht stützt sich auf Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO, der Weltbank, Behördenangaben, Fachliteratur sowie diverser Hilfsprogramme der Vereinten Nationen. Nashat gibt zu, dass die Daten unvollständig sind - weil sie mancherorts schlicht nicht erhoben werden oder weil die Ämtern den Zugang verweigern. Und nicht nur in Entwicklungsländern: Für Österreich und Deutschland etwa vermerkt der Bericht, dass die Daten zu Schulbesuch und Kinderarbeit veraltet oder nicht vorhanden seien.

So schwierig die Situation ist - Nashat sieht keinen Grund zu verzweifeln. "Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe an zu sagen, dass alles nur schlecht ist." Selbst in armen Ländern wie Liberia oder Niger sei es gelungen, die Kindersterblichkeit innerhalb von 25 Jahren zu halbieren. Immer wieder erlebe er ermutigende Beispiele, sagt Nashat. So sei es etwa mit Hilfe gelungen, ein Mädchen aus Somalia aus einer Zwangsehe zu holen.

Noch sind das Einzelfälle. Damit das nicht so bleibt, fordert Save the Children die Regierungen dazu auf, die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Agenda 2030) umzusetzen: Kein Kind dürfe an vermeidbaren oder behandelbaren Ursachen sterben oder Opfer von extremer Gewalt werden. Kein Kind dürfe wegen Mangelernährung, Frühverheiratung, Frühschwangerschaft oder Kinderarbeit seiner Zukunft beraubt werden. Alle Kinder müssten Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung haben.

* Name im Bericht von Save the Children aus Gründen des Schutzes geändert

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