Kinderhochzeiten in Bangladesch Endstation Ehebett

In kaum einem Land werden so viele Kinder verheiratet wie in Bangladesch - laut Unicef landen fast ein Drittel der Frauen vor ihrem 15. Geburtstag in der Ehe. Die Fotografin Allison Joyce hat eine solche Hochzeit dokumentiert.

Getty Images

Von , Neu-Delhi


Nasoin Akhter sieht aus wie eine Märchenprinzessin: Die Bangladescherin ist in einen reich bestickten Festtagssari gehüllt, ihr Scheitel ist mit schweren Goldketten verziert. Reichlich Make-up schmückt ihre Lippen und Augen. Wenn da nur nicht ihr Gesichtsausdruck wäre: Die 15-Jährige schaut herzzerreißend traurig drein. Auf einem Bild hockt sie wie das buchstäbliche Häufchen Elend auf dem Ehebett, das bald ihres sein wird.

Die amerikanische Fotografin Allison Joyce hat den wohl schwersten Gang der 15-Jährigen aus Manikganji nahe Dhaka in einer Bilderserie dokumentiert: Sie zeigt die Hochzeit des jungen Mädchens mit einem 32-jährigen Mann. Die Fotos zeigen, wie die Braut gewaschen und zurechtgemacht wird, wie sie aus ihrem Elternhaus und ins Haus des Bräutigams gebracht wird. Endstation ist das Ehebett.

Inwieweit die Emotionen des Mädchens auch den Traditionen entsprechende Schau sind, wird auf den Bildern nicht klar. In Südasien ist es üblich, dass Frauen sich sichtlich gegen die Ehe sträuben, um nicht als lüstern zu gelten.

Mit ihrer Reportage wollte Joyce ein Schlaglicht auf das Schicksal werfen, das ein großer Teil der Frauen in Bangladesch erleidet. Etwa 65 Prozent der Mädchen in dem asiatischen Land werden verheiratet, bevor sie das gesetzliche Mindestalter zur Hochzeit von 18 Jahren erreichen. Diese Zahl nennt Unicef im Bericht zur Lage der Kinder 2015. Demnach geben 29 Prozent der heute 20- bis 24-jährigen Bangladescherinnen an, noch vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet worden zu sein - nirgendwo auf der Welt gibt es laut Unicef einen höheren Wert. Abgesehen von Bangladesch sind Kinderhochzeiten vor allem in afrikanischen Ländern, aber auch in Indien und Nepal gängige Praxis.

Abruptes Ende der Kindheit

Die frühen Ehen bedeuten für die Mädchen nicht nur ein abruptes Ende der Kindheit. Studien zeigen, dass die Betroffenen auch schlechte Voraussetzungen für ein erfülltes Leben als Erwachsene haben. Demnach brechen viele ihre Ausbildung ab, frühe Schwangerschaften bergen Risiken. Frauen, die früh verheiratet würden, seien besonders anfällig für Gewalt, sexuellen Missbrauch, HIV-Infektionen und Depressionen, schreibt das International Center for Research on Women mit Sitz in Washington.

Den Experten zufolge besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Armut und Kinderhochzeiten. In Bangladesch, Mali und Niger heiraten mehr als die Hälfte aller Mädchen vor Vollendung ihres 18. Lebensjahrs. In all diesen Ländern leben 75 Prozent der Bevölkerung von unter zwei US-Dollar am Tag.

Ein im Juni veröffentlichter Report der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch(HRW) zeigt auf, welche Rolle finanzielle Überlegungen für Familien in Bangladesch spielen. Je älter das Mädchen, desto mehr Mitgift müssten die Eltern an die Familie des Bräutigams zahlen. "Jetzt ist sie hübsch und jung, und wir können sie für umsonst weggeben", zitiert HRW den Bruder einer Kinderbraut.

Ein Euro Bestechungsgeld

Der Report erklärt auch, wie es sein kann, dass Mädchen trotz bestehender Kinderschutzgesetze von der Schulbank weg verheiratet werden. Ein Vater wird mit den Worten zitiert, der zuständige Standesbeamte habe sich zunächst geweigert, seine nur 14 Jahre alte Tochter zu verheiraten. Doch ein Beamter habe gegen umgerechnet etwas mehr als einen Euro Bestechungsgeld das Geburtsdatum geändert, so dass das Kind heiraten konnte.

Dass der Anteil der Kinderehen in Bangladesch besonders hoch ist, liegt auch an der Häufung der Naturkatastrophen dort. Das nur knapp über dem Meeresspiegel liegende Land wird häufig von Überschwemmungen und Wirbelstürmen heimgesucht. Viele Menschen rutschen so unter die Armutsgrenze und können ihre Kinder nicht mehr ernähren - ein Mädchen in die Ehe zu geben, damit es versorgt ist, scheint da vielen eine probate Lösung.

Die Analysten von HRW wollen Bangladesch trotz solcher Schwierigkeiten nicht aus der Verantwortung entlassen. Denn auf anderen Feldern bescheinigen die Vereinten Nationen dem Land beeindruckende Erfolge. So gehen in Bangladesch Mädchen und Jungen in gleicher Zahl zur Schule. Die Müttersterblichkeit konnte zwischen 2001 und 2010 um 40 Prozent gesenkt werden.

Doch beim Thema Kinderbräute hakt es: Zwar hatte die Ministerpräsidentin Sheikh Hasina im Sommer vergangenen Jahres versprochen, dass es bis 2041 keine Kinderehen mehr geben werde. Kurz darauf legte sie jedoch eine Kehrtwende hin und schlug vor, das ehefähige Alter für Mädchen auf 16 Jahre zu senken.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.