Kinderrechte "Kinder gucken anders auf eine Stadt als wir Erwachsene"

Kommunen wollen die Rechte von Kindern und Jugendlichen stärken - haben jedoch laut einer Unicef-Umfrage noch einiges aufzuholen. Worauf es ankommt, erklärt der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags.
Ein Interview von Kristin Haug
Lächelndes Mädchen: "Kinder sind die Gesellschaft von morgen, sie sind unsere Zukunft"

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Foto: Peathegee Inc / Getty Images

Skateboard-Plätze, Festivals, Kulturprojekte: Es gibt Städte, wie etwa Hamburg  und Leipzig , in denen Kinder und Jugendliche so etwas mitentscheiden dürfen. Kinder- und Jugendparlamente ermöglichen ihnen, am politischen Leben teilzuhaben, ihre Rechte wahrzunehmen.

Städte und Kommunen sollten sich laut Unicef verstärkt an der Verwirklichung von Kinderrechten beteiligen. Denn ob Kinder und Jugendliche ihre Fähigkeiten gut entfalten und am gesellschaftlichen und politischen Leben teilnehmen können, entscheidet sich in ihrem Zuhause, der Nachbarschaft, der Schule, im Stadtviertel.

Welche Maßnahmen Kommunen bereits treffen, um kinderfreundlicher zu werden, beleuchtet eine Unicef-Umfrage zum Weltkindertag am 20. September. Hierfür wurden 123 große, mittelgroße und kleine Städte und Kommunen in Deutschland befragt. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, aber sie geben einen ersten Eindruck, wie es um die Kinderrechte hierzulande bestellt ist.

Je größer und reicher eine Kommune, umso mehr können sich Kinder beteiligen

Die Kommunen sollten unter anderem beantworten, ob es ausreichend Freizeitangebote gibt, inwieweit Jugendliche beim Übergang von der Schule in den Beruf unterstützt werden oder inwieweit für Kinder und Jugendliche garantiert werden kann, dass Kitas und Schulen in der Nähe ihres Wohnortes sind.

Laut der Umfrage gibt nur knapp die Hälfte der Kommunen (49 Prozent) an, verbindliche Aktionspläne oder Maßnahmenkataloge zur Verwirklichung der Kinderrechte zu haben.

  • Drei Viertel aller befragten Kommunen ermöglichen Kindern und Jugendlichen, sich an Umfragen zu beteiligen.

  • In weniger als der Hälfte der befragten Kommunen (43 Prozent) dürfen Kinder und Jugendliche eigenverantwortlich darüber entscheiden, wofür Budgets verwendet werden.

  • In etwas mehr als einem Drittel der Kommunen (39 Prozent) dürfen sich Kinder und Jugendliche in Institutionen der "Erwachsenenwelt" einbringen.

Interessant hierbei: Je größer und reicher eine Kommune, umso mehr können sich Kinder an Entscheidungen beteiligen. Laut der Studie könnte das an Personalressourcen liegen, die notwendig sind, um Kinder und Jugendliche effektiv in die Entscheidungsfindung öffentlicher Institutionen einzubinden.

Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass die Stärkung der Kinderrechte für die Kommunen eine größere Rolle spielen sollte, denn dies würde junge Familien dazu bewegen, dorthin zu ziehen oder sie zumindest zu besuchen.

Im Interview erklärt der Präsident des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, was Städte und Kommunen in Deutschland bereits tun, um Kinderrechte umzusetzen - und wo sie noch besser werden müssen.

SPIEGEL: Weniger als die Hälfte der befragten Kommunen hat in der Unicef-Umfrage angegeben, verbindliche Aktionspläne zu haben, um Kinderrechte zu stärken. Warum nehmen viele Kommunen die Kinderrechte nicht ernst?

Helmut Dedy: Die Unicef-Umfrage zeigt das doch gar nicht. Entscheidend ist ja nicht, ob man einen Aktionsplan, hat, sondern was man konkret tut, um Kinderrechte zu stärken.

SPIEGEL: Was tun Städte und Kommunen denn konkret?

Dedy: In München und Wolfsburg gibt es Kinderbeauftragte, Berlin hat ein Kinderparlament, Köln einen Aktionsplan. Es sind verschiedene Wege, aber all diese Städte sagen doch, wir wollen uns für die Interessen von Kindern einsetzen. Und das dauerhaft. Aber klar, es gibt in vielen Kommunen Nachholbedarf, etwa darin, wie Kinder und Jugendliche systematisch und kontinuierlich in Entscheidungen eingebunden werden können.

SPIEGEL: Wie kann das gelingen?

Dedy:  Die Kommunen müssen vor Ort auf die Kinder und Jugendlichen zugehen, konkret Wünsche und Vorstellungen erfragen und miteinander in einen Austausch kommen. Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist dann, die Kinder und Jugendlichen in diesem Prozess durch fachkundiges pädagogisches Personal zu begleiten. Außerdem ist es wichtig, Kinder nicht nur zu fragen, wie etwa ein Spielplatz aussehen soll - sondern auch, ihren eigenen Blick zu berücksichtigen. Kinder gucken mit 80 Zentimetern anders auf eine Stadt als wir Erwachsene mit 180 Zentimetern.

SPIEGEL: Wie können Städte und Kommunen den Blick der Kleinen berücksichtigen?

Dedy: In Stuttgart werden mit kleinen Kindern einzelne Stadtteile besucht. Danach bekommen die Kinder eine Stadtkarte, hier können sie an die Orte grüne Nadeln stecken, an denen sie sich wohlfühlen. An Orte, an denen sie sich nicht wohlfühlen, stecken sie eine rote Nadel. Eine unerwartete Ballung von roten Nadeln zeigt ein Problemfeld der Stadt. Kommunen müssen verstehen lernen, was Kinder zu sagen haben, und auch entsprechend fragen.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Dedy: Eine Stadt in Finnland hat Kinder gefragt, wie sie sich den neuen Spielplatz vorstellen, der dort hinkommen soll, wo ein Gebüsch steht. Da sagten sie, hier müsse eine Rutsche hin und dort eine Schaukel. Als die Stadt dann aber danach fragte, wie die Kinder am liebsten auf dem Platz spielen, sagten sie, es solle unbedingt das Gebüsch auf dem Platz stehen bleiben.

SPIEGEL: Und für Jugendliche gibt es dann noch mal eine andere Sprache?

Dedy: Wenn Sie Jugendliche fragen: "Wir wollen mal hören, was ihr denkt", dann ernten Sie wahrscheinlich ein Gähnen. Wichtig ist es, sie ernst zu nehmen.

SPIEGEL: Wie kann das gelingen?

Dedy: Das schaffen Sie, wenn die Jugendlichen ein klares Ergebnis ihrer Entscheidungen sehen. In Biberach an der Riss in Baden-Württemberg etwa konnten Jugendliche ein Jugendhaus mitplanen. Am Ende wurde das Haus nach ihren Vorstellungen gebaut. Städte müssen Jugendliche aber auch bei ihren Vorlieben abholen.

SPIEGEL: Aha, und wie geht das?

Dedy: In Bad Krozingen in Baden-Württemberg etwa hat ein Jugendbüroleiter das Computerspiel "Minecraft" genutzt, um Jugendliche an kommunalen Entscheidungen zu beteiligen. Mit dem Spiel konnten sie einen Skatepark entwerfen.

SPIEGEL: Warum ist es so wichtig, Kinder und Jugendliche mitentscheiden zu lassen?

Dedy: Kinder sind die Gesellschaft von morgen, sie sind unsere Zukunft. Wir brauchen ihre Stimmen - etwa bei der Verkehrswende. Das ist demokratiefördernd. Und je mehr man alle Gruppen einer Gesellschaft beteiligt, umso mehr identifizieren sie sich mit ihrer Kommune. Identität ist Heimat.

SPIEGEL: Laut der Studie scheitern aber vor allem ärmere Kommunen daran, Kinderrechte ernst zu nehmen.

Dedy: Auch die nehmen Kinderrechte ernst. Durch Familienberatungsstellen und Jugendhilfe schützen sie ja die Schwächsten. Das ist ihr Job. So richtig schwarze Schafe hatten wir in der Studie nicht, aber es haben sich wahrscheinlich auch eher die Kommunen beteiligt, die ohnehin schon etwas für Kinderrechte tun.