Schicksalhafter Fehler in der Kinderwunschklinik Das vertauschte Leben der beiden Schwestern

Als Kristina V. im Reagenzglas gezeugt wurde, kam es zu einer Verwechslung. Seit Jahren sucht sie ihre leiblichen Eltern. Nun kommt heraus: Auch bei ihrer Schwester Marina ging im Labor offenbar etwas schief. Steckt doch mehr dahinter?

Kristina V. sucht ihre genetischen Eltern
Nicole Maskus-Trippel

Kristina V. sucht ihre genetischen Eltern

Von Bruno Schrep


Es ist die unglaubliche Fortsetzung einer unglaublichen Geschichte. In der Klinik des österreichischen Fortpflanzungsmediziners Herbert Zech ist offenbar zweimal ein schwerer Fehler passiert - und beide Male war dieselbe Familie betroffen: Ehepaar Tomislav und Miluska V. mit den Töchtern Kristina und Marina.

Der Spezialist für künstliche Befruchtungen hatte bereits eingeräumt, dass es 1990 im Fall von Kristina V. zu einer folgenschweren Verwechslung in seiner Bregenzer Klinik gekommen war. Und wie nun bekannt wird, gab es offenbar nur eineinhalb Jahre später einen ähnlichen Zwischenfall - mit Kristinas jüngerer Schwester Marina.

Nun geht es um die Herkunft von zwei jungen Frauen, die im Reagenzglas gezeugt wurden und nun ihre Identität zu klären versuchen. Es geht um die Reputation eines angesehenen Arztes. Und es geht um viel Geld.

Ein irrer Fall

Er ist geeignet, einen Schatten auf die gesamte Branche zu werfen. Zehntausende Paare, die auf natürlichem Weg keinen Nachwuchs bekommen können, vertrauen Jahr für Jahr auf die Kunst von Reproduktionsmedizinern.

Die Bregenzer Kinderwunschpraxis mit Filialen in Tschechien, Italien, Liechtenstein und der Schweiz ist zu einem florierenden Unternehmen mit mehr als 120 Mitarbeitern geworden. Und Professor Zech, mit dem auch deutsche Ärzte kooperieren, gilt als einer der Pioniere der Branche. Firmenslogan: "Der Liebe Leben geben."

Kristina V., eine heute 26-jährige Frau aus der Schweiz, sucht seit September 2014 ihre leiblichen Eltern. Seit diesem Zeitpunkt steht aufgrund eines DNA-Tests fest, dass sie mit ihrer Familie nicht blutsverwandt ist. Anlass für den späten Test war der augenfällige Unterschied zwischen Kristina V. und dem Rest der Familie: auf der einen Seite die kleine, zierliche hellblonde Erstgeborene, auf der anderen Seite die großen, dunkelhaarigen und stämmigen Verwandten.

Unbestritten ist: Im Labor der Kinderwunschklinik wurde Kristinas Mutter 1990 nicht das eigene Erbgut, sondern eine fremde Eizelle implantiert.

Mehr als zwei Jahrzehnte später soll Gynäkologe Zech den Fehler vor Zeugen mit einem eigenen Versehen begründet haben: Er habe vor dem Einsetzen der befruchteten Eizelle in den Mutterleib die Petrischalen verwechselt, die nur auf dem Deckel beschriftet gewesen seien. Ohne seine Lesebrille habe er die Aufschrift nicht richtig entziffern können und deshalb wohl irrtümlich die Eizelle eines anderen Paares verwendet.

"Aus welchem Material bin ich?"

Um den Vorgang aus der Welt zu schaffen, bot der Arzt schriftlich 300.000 Euro an, später soll die Summe per Telefon sogar auf eine halbe Million erhöht worden sein. Doch Kristina V. lehnte damals ab. Sie wollte nur eines wissen: "Aus welchem Material bin ich?"

Zech nannte deshalb einige Paare, die in seiner Klinik zum gleichen Zeitraum eine künstliche Befruchtung hatten vornehmen lassen. Weil entsprechende Tests aber keine Übereinstimmung ergaben, wandte sich die junge Frau an die Öffentlichkeit. Auf einen SPIEGEL-Artikel im Sommer 2016 meldeten sich weitere Paare, aber auch sie kamen nicht in Frage.

Um den Verdacht zu entkräften, er habe womöglich sein eigenes Sperma verwendet, unterzog sich auch Mediziner Zech einem DNA-Abgleich. Ergebnis negativ.

Bisher stand fest, dass Kristina V. weder mit ihrer Mutter Miluska V. noch mit ihrer Schwester Marina verwandt ist. Zur Sicherheit ließ die Familie im Januar einen weiteren Abgleich mit noch vorhandenen Gewebeproben des 2009 verstorbenen Vaters vornehmen - mit überraschendem Resultat: Tomislav V. war zwar erwartungsgemäß nicht der Vater von Kristina, er war aber auch nicht der leibliche Vater von Marina.

Das heißt im Klartext: Auch bei der zweiten künstlichen Befruchtung im Januar 1992 verlief offenbar nicht alles ordnungsgemäß. Zwar verwendete der Arzt diesmal die Eizelle von Mutter Miluska V., doch die Samenspende kam von einem Fremden.

Die Nachricht löste bei Marina V., die sich bisher ihrer Herkunft sicher glaubte, Verwirrung und Verzweiflung aus. Sie sucht jetzt ihren leiblichen Vater.

Gibt es weitere Betroffene?

Der Fall gibt Rätsel auf. Kann es so viele Zufälle geben? Erst die behauptete Verwechslung, dann, eineinhalb Jahre später, das nächste Missgeschick, und wieder bei der selben Familie. Oder steckt hinter den überraschenden Resultaten womöglich Methode? Wurde im Bregenzer Labor manipuliert, um das gewünschte Ergebnis, die Erfüllung des Kinderwunschs, herbeizuführen? Gibt es weitere betroffene Familien?

Sicher ist: Sollten sich weitere frühere Patienten samt ihrem Nachwuchs einem DNA-Test unterziehen und würden dabei ebenfalls Unregelmäßigkeiten festgestellt, könnte das für den Mediziner und seine Reproduktionspraxis verheerende Folgen haben. Der Innsbrucker Anwalt der Familie V. etwa verlangt jetzt für die beiden Schwestern sowie Mutter Miluska die Zahlung von zusammen rund 1,1 Millionen Euro Schadensersatz - eine Forderung, die sich aus zu Unrecht geleisteten Unterhaltszahlungen und Schmerzensgeld zusammensetzt.

Zech weist den Anspruch empört zurück. "Ich fühle mich erpresst", erklärte der Mediziner vergangene Woche. Er habe alles getan, um die leiblichen Eltern von Kristina V. zu ermitteln, habe unabhängig von der Schuldfrage von Beginn an zu seiner Verantwortung gestanden. Jetzt solle seine Hilfsbereitschaft offenbar finanziell ausgenutzt werden.

Michael Konzett, der österreichische Anwalt des Arztes, kündigte indessen weitere Ermittlungen an, um "die Wahrheit ans Licht zu bringen". Neue Informationen und "ungewöhnliche Vorkommnisse" machten eine Neubewertung des Falles notwendig. Welche Informationen das sein sollen, verriet der Anwalt nicht.

Schon 2016 hatte der Jurist dem SPIEGEL erklärt, womöglich seien bei der Geburt von Kristina V. in der Entbindungsklinik zwei Babys vertauscht worden - eine These, die aufgrund des früheren Schuldeingeständnisses von Zech irritiert.

Kristina V. möchte unbedingt den Eindruck vermeiden, ihr gehe es inzwischen vor allem um Geld. Sie sagt: "Wenn ich meine Eltern finde, ist alles andere zweitrangig."



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