Kindesentführung Dem Wahn des Vaters ausgeliefert

Er hat seine eigenen vier Kinder entführt, weil er ihnen ein besseres Leben bieten will. Das beschauliche niedersächsische Hermannsburg war dem Christen Axel H. nicht gut genug - in Afrika will er sich ein neues Leben aufbauen. Die Geschichte einer außergewöhnlichen Radikalisierung.

Von , Hermannsburg


Der Weg nach Hermannsburg führt durch endlos scheinende Alleen, unter wuchtigen Baumkronen hindurch, durch die sich die Junisonne zwängt. Vorbei an Kartoffelfeldern, Klatschmohn, kleinen Fachwerkhäusern und großen Bauernhöfen. Provinz in ihren schönsten Farben. Auf besprühten Bettlaken werden Scheunen- und Schützenfeste angekündigt. Man könnte sagen: Hier ist die Welt noch in Ordnung. Oder wie die Leute in der Lüneburger Heide sagen: "Wenn die Welt untergeht, geh' nach Hermannsburg, da hast du 20 Jahre Zeit, um dich darauf vorzubereiten."

Von den 8000 Einwohnern der Gemeinde sind schätzungsweise 90 Prozent getauft und noch in der Kirche. Sie besuchen regelmäßig die Gottesdienste, an Feiertagen bleiben nur wenige Reihen in den Gotteshäusern frei. Die Scheidungsrate ist niedriger als im Bundesdurchschnitt, die Geburtenrate höher. Der Glauben ist in der Gemeinde fest verankert.

Axel H. reichte das nicht. Der 37-Jährige, in Hermannsburg geboren und aufgewachsen, gilt als christlicher Fundamentalist. Er wollte seine vier Kinder in einem strengeren Glauben erziehen, entführte die beiden Jungen und Mädchen am Ostersonntag, flog mit ihnen zuerst nach Ägypten, reiste dann in den Sudan. 70 Prozent der Bevölkerung sind dort muslimisch, Christen werden verfolgt, nur im Süden lebt eine streng religiöse christliche Minderheit. Nach Axel H. wird mit internationalem Haftbefehl gefahndet.

Der Fall ist außergewöhnlich: Derzeit sind etwa 300 Kinder beim Bundeskriminalamt registriert, die von Vater oder Mutter ins Ausland entführt wurden. In allen Fällen ist das Zielland das Heimatland des jeweiligen Elternteils.

Außenminister Guido Westerwelle sagte am Freitag im südsudanesischen Dschuba, es gebe Hinweise, dass sich Axel H. inzwischen wieder in Ägypten befinde. Sein Amtskollege im Sudan, Ali Karti, habe ihm die volle Kooperation und Unterstützung der Behörden in dem Fall zugesagt.

Die Botschaft in Kairo sei eingeschaltet und stehe mit den dortigen Behörden in engem Kontakt, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes. Man bemühe sich darum, die Kinder zurückzuholen.

Zu Hause in Hermannsburg wohnen seine von ihm getrennt lebende Frau, Mutter der vier Kinder, und seine Eltern - tief verzweifelt und voller Angst um Jonas, 8, Benjamin, 6, Mirjam, 5, und Lisa, 4.

Hans-Heinrich Heine steht ihnen zur Seite. Er ist seit acht Jahren Pastor der Großen Kreuzkirche in der Mitte Hermannsburgs, einer selbständigen Gemeinde des Kirchenbezirks Niedersachsen-West. Ein freundlicher Mann, 39 Jahre alt, der aus der Region stammt und auch Plattdeutsch sprechen kann. Er sitzt in seinem Arbeitszimmer in einem ehrwürdigen Fachwerkhaus, umgeben von Büchern und Ordnern. Die meisten seiner Gemeindemitglieder kennt er persönlich, ihre Sorgen, ihre Nöte, ihren Kummer.

Axel H. verbietet Gottesdienst, Chor, Kindergarten

Seit Wochen kommen immer wieder Kinder zum Pfarrhaus, drücken den Klingelknopf auf der blau-weißen Porzellankachel, auf der "Heine" steht. Es sind Freunde und Schulkameraden von Jonas, Benjamin, Mirjam und Lisa. In ihren kleinen Händen halten sie Münzen aus ihren Sparschweinen oder einen Fünf-Euro-Schein. Sie wollen sich an der Spendenaktion beteiligen, die die Suche nach den Kindern finanziell unterstützen soll www.grossekreuz.de.

Pastor Heine lernt das Ehepaar H. kennen, als es seinen ersten Sohn Jonas taufen will. Er ist es gewohnt, dass Eltern ihre Kinder segnen lassen, ohne diesen Anlass zu hinterfragen. Bereits beim Taufgespräch mit Katja und Axel H. fällt ihm daher auf, dass der Vater diesen Schritt sehr ernst nimmt, er viele theologische Fragen stellt, sich mit dem Thema Glaube und Gott intensiv beschäftigt hat.

Eineinhalb Jahre später soll Benjamin, der zweite Sohn, getauft werden. Axel H. hat sich verändert, seine Zweifel an der lutherischen Theologie sind noch größer geworden. "Man merkte bei ihm schon sehr deutliche Vorbehalte gegenüber der Kindtaufe", erinnert sich Heine. Axel H. habe sich diskussionsfreudig gezeigt, nicht in unangenehmer Weise, aber hartnäckig. Benjamin wird trotzdem getauft.

Doch Axel H. kapselt sich ab, meidet den Gottesdienst. Wenn er in Kontakt tritt mit Pastor Heine, dann nur um intensive theologische Streitgespräche zu führen. Den anderen Kirchgängern wirft er Heuchelei vor.

Er schreibt Briefe, übt scharfe Kritik an der Kirche. Irgendwann antwortet ihm Heine nicht mehr. 2005 landet auf seinem Schreibtisch der schriftliche Kirchenaustritt des Familienvaters.

"Aus seiner Sicht war dieser Schritt nur die logische Konsequenz zum Ende der Debatte", sagt Pastor Heine. "Axel H. hat sich mit der Kirche nicht mehr identifiziert. Jede Form von institutioneller Kirche war ihm ein Übel." Seine beiden Töchter, die kurz hintereinander geboren werden, lässt er nicht mehr taufen, obwohl es ein Herzenswunsch seiner Ehefrau ist.

Wie kam er an die Pässe, Geburtsurkunden und Sparbücher?

Die Ehe beginnt zu kriseln. Axel H. entwickelt regelrechte Wahnvorstellungen, zitiert Bibelstellen, die er jedoch aus dem Kontext gerissen hat, und verbietet seinen Eltern, mit den Enkeln in den Kindergottesdienst zu gehen. Seiner Frau untersagt er, die Kinder in den Chor oder den evangelischen Kindergarten gehen zu lassen. Alles, was mit der Kirche zu tun hat, duldet er nicht. Katja H. fügt sich, sie will ihre Ehe retten.

Es gelingt ihr nicht. Im Jahr 2007 zieht Axel H. weg aus Hermannsburg, er verschwindet regelrecht von der Bildfläche, verliert seinen Job als Krankenpfleger. Aufgrund seiner fanatischen Tendenzen darf er seine Kinder nur unter Aufsicht eines Jugendamtsmitarbeiters sehen. Doch auch der kann nicht verhindern, dass er die Kinder verunsichert. Oft kehren sie regelrecht konfus zu ihrer Mutter zurück.

Axel H. hält sich mit Aushilfsjobs über Wasser, verbreitet seine radikalen Ansichten im Internet - und muss gleichzeitig den Plan geschmiedet haben, seine Kinder zu entführen. Teil des Plans muss gewesen sein, sich im Umgang mit den Kindern so zu verändern, dass bei Treffen keine Mitarbeiter des Jugendamtes mehr dabei sein müssen. Wie er das anstellte, dazu wollen die Ermittler nichts sagen.

Am Ostersonntag holt Axel H. seine Kinder zu einer Fahrradtour ab. Allein radelt er mit ihnen über die Felder zu einem Auto, fährt zum Flughafen Hannover und fliegt nach Ägypten.

Katja H. wird später sagen, sie habe ein merkwürdiges Gefühl gehabt, als er mit den Kindern losgefahren sei. Warum hat sie ihn fahren lassen? Wie kam er an die Pässe, die Geburtsurkunden, die Sparbücher?

"Katja hat sie ihm sicher nicht freiwillig gegeben", sagt Pastor Heine. Auch die Ermittler vermuten, dass er die Papiere bereits bei Besuchen in der Vergangenheit heimlich an sich genommen, die Mutter das Fehlen jedoch nicht bemerkt hat.

Die Mutter wird rund um die Uhr von der Polizei betreut

Die Familie H. stammt aus Hermannsburg, ist seit Generationen integriert und engagiert. Die Entführung der vier Kinder macht in dem Ort schnell die Runde, die Anteilnahme ist enorm, die Hilflosigkeit enorm.

Pastor Heine ist selbst Vater dreier Kinder und doch sagt er: "Keiner von uns kann wirklich nachempfinden, was Katja gerade durchmacht. Und auch können wir ihr ihren Kummer nicht abnehmen."

Nach langem Zögern und nach ausführlichen Gesprächen mit den Ermittlern hat sich Katja H. entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Bei "sternTV" trat sie persönlich auf. "Nur die Hoffnung, meine Kinder wiederzusehen, hält mich aufrecht", sagte sie dort und beschrieb ihre qualvollen Stunden der Verzweiflung. Wie ihre Kinder in Afrika wohl leben? Was sie essen? Wie sie an Trinkwasser kommen?

Katja H. wird von Polizeibeamten betreut, sucht Zuflucht bei Freunden und ihrer Familie, geht halbtags arbeiten, auch um sich abzulenken. "Sie ist jetzt an einem Punkt, wo sie Ruhe braucht. Sie kann nicht mehr", sagt Pastor Heine.

"Bild"-Leser trafen Axel H. zufällig im Sudan, fotografierten die Kinder. Erst nach ihrer Rückkehr in Deutschland erfuhren sie von dem Fall. Katja H. hat es zur Kenntnis genommen, beruhigt hat sie eher die Nachricht, dass ihr Mann wieder in Ägypten sein soll.

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insgesamt 124 Beiträge
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Seite 1
greeper, 24.06.2011
1. nicht qualifiziert
Zitat von sysopEr hat seine eigenen vier Kinder entführt, weil er ihnen ein besseres Leben bieten will. Das beschauliche niedersächsische Hermannsburg war dem Christen Axel H. nicht gut genug - in Afrika will er sich ein neues Leben aufbauen. Die Geschichte einer außergewöhnlichen Radikalisierung. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,770321,00.html
Wer als Staat streng religiösen Menschen wie diesem das Sorgerecht für Minderjährige gewährt, darf sich auch nicht wundern, wenn solch merkwürde Dinge geschehen. Religion ist für Leute die ängstlich sind, geistig beschränkt oder keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen wollen. Solche Personen sind nicht qualifiziert ein Kind zu erziehen.
urlaubsabgeltung, 24.06.2011
2. Fundamentalist
Zitat von sysopEr hat seine eigenen vier Kinder entführt, weil er ihnen ein besseres Leben bieten will. Das beschauliche niedersächsische Hermannsburg war dem Christen Axel H. nicht gut genug - in Afrika will er sich ein neues Leben aufbauen. Die Geschichte einer außergewöhnlichen Radikalisierung. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,770321,00.html
endlich kann einmal ein christlicher Fundamentalist vorgeführt werden. Ich wünsche der Mutter und den Kindern, dass sie bald wieder zusammenkommen.... und der Möchtegernjesus zur Therapie in die Klappse einzieht
FMK 24.06.2011
3. Nicht wirklich streng gläubig
Naja – der Mann war dem Gebot Jesu ungehorsam. Auch wenn er sich selbst für einen sehr ernsthaften Christen hält, verbietet es das Evangelium doch, seine Frau herumzukommandieren und sie einfach sitzen zu lassen. Was soll ich sagen? Er behauptet Gott zu lieben, den er nicht sieht, liebt aber nicht seine Frau, die er sieht und der er Treue geschworen hat? (Johannesbrief) Da ist wohl etwas schief gegangen. Wenn er wirklich so streng gläubig wäre, hätte ihm das auffallen müssen. Im Übrigen würde mich ein solch kritischer Artikel über die Verfehlungen der Frau Käßmann auch mal interessieren, die ihren Mann auch hat sitzen lassen obwohl sie sich Christin nennt.
ryul 24.06.2011
4. Genauso ist es
Zitat von greeperWer als Staat streng religiösen Menschen wie diesem das Sorgerecht für Minderjährige gewährt, darf sich auch nicht wundern, wenn solch merkwürde Dinge geschehen. Religion ist für Leute die ängstlich sind, geistig beschränkt oder keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen wollen. Solche Personen sind nicht qualifiziert ein Kind zu erziehen.
Danke, mehr gibt es dazu nicht sagen. Aber wir sollen ja alle so tolerant sein und diese Menschen "akzeptieren".
ky3 24.06.2011
5. Lebenshindernis Religion
Ein erneuter Beweis dass Religion als Lebenshilfe nicht taugt.
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