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07. Dezember 2008, 12:11 Uhr

Kindesentziehung

"Ich will doch nur meinen Sohn zurück"

Von Kathrin Fichtel

Ein Alptraum für die ganze Familie: Jedes Jahr werden geschätzte tausend deutsche Kinder von einem Elternteil ins Ausland verschleppt. Ohne Geld, Geduld und viel Glück haben die Betroffenen keine Chance, ihre Kleinen wiederzusehen.

Hamburg - Das Wiedersehen mit ihren Töchtern wird Christiane Hirts niemals vergessen. Diesen wunderbaren Moment, als die siebenjährige Claire in einem Kinderheim in den USA auf sie zuläuft. Ihr in die Arme fällt, ihr in den dunklen Schopf greift und sagt: "Mama, das wusste ich noch, dass du lange Haare hast."

Zweieinhalb Jahre lang hatte Christiane Hirts ihre Frisur nicht verändert. Damit ihre Kinder sie auch nach der unfreiwilligen Trennung erkennen würden. Zweieinhalb Jahre lang hatte Christiane Hirts ihre vom Ex-Mann entführten Töchter in der halben Welt gesucht - und schließlich in einem Kinderheim in South Carolina gefunden.

Der Fall von Carmen, Claire und Christiane Hirts ist einer von vielen. Offizielle Zahlen, wieviele Kinder von einem Elternteil ins Ausland verschleppt werden, gibt es nicht. Bei der Organisation "Committee for Missing Children" schätzt man, dass es jährlich zwischen 1000 und 1500 sind.

Einige Fälle verursachen großes Aufsehen, wie der Fall des Berliner Arztes Peter Tinnemann, der seit drei Jahren den Spuren seiner Tochter über Ungarn und Spanien nach Guatemala folgt. Auch über die Polin Beata Pokrzeptowicz, die Mitte November ihren neunjährigen Sohn aus Düsseldorf entführte, wurde berichtet. Die meisten Eltern und Kinder aber leiden still. Jahrelang, manchmal sogar über Jahrzehnte.

Beim Bundesamt für Justiz in Bonn wird beobachtet, dass die Zahl der Fälle von Kindesentzug ins Ausland steigt. Unter anderem vermutlich deshalb, weil es immer mehr Elternpaare mit unterschiedlichen Nationalitäten gibt. Dementsprechend steigt auch die Anzahl der gescheiterten binationalen Ehen: Im Jahr 2007 ließen sich 26.000 Deutsche von ihrem Ehepartner mit einer anderen Staatsbürgerschaft scheiden - im Jahr 1991 waren es nur 10.000.

Der lange Kampf um die Kinder

Christiane Hirts hat den Kampf um ihre Kinder damals gewonnen. Um anderen Betroffenen zu helfen, gründete sie vor zehn Jahren die europäische Dependance des "Committee for Missing Children". Jährlich betreut sie 250 Familien, in denen der Streit um das Sorgerecht in einen Kindesentzug mündete. Nach Hirts' Erfahrung werden Kinder ebenso oft von Müttern wie von Vätern entführt - nur bei Elternpaaren mit einem muslimischen Partner sei es fast immer der Mann. "Manchmal rufen mich Eltern nachts an, weil sie Angst haben, verrückt zu werden", sagt Hirts. "Das verstehe ich gut."

Christiane Hirts und ihr Ex-Mann, ein US-Amerikaner, trennen sich im Jahr 1995. "Schon während der Scheidung hat er gedroht, mit den Kindern zu fliehen", erinnert sich Hirts. Sie wendet sich ans Gericht, fleht, ihm den Pass wegzunehmen. Ohne Erfolg. Kurze Zeit später, im Juni 1995, verschwindet ihr Ex-Mann. Mit Carmen und Claire, den gemeinsamen Kindern. Zurück lässt er nur einen Haufen Schulden.

Während der langen Suche nach ihren Töchtern verliert Christiane Hirts ihren Job, ihre Wohnung, all ihre Ersparnisse. Aus Angst um die Kinder kann sie nachts kaum schlafen. Es gibt kein Lebenszeichen von ihnen, zweieinhalb Jahre lang. Die einzige Hoffnung: dass der Ex zu seinen Eltern nach Georgia gegangen ist. "Oft lassen sich gerade Männer in der Nähe ihrer Familien nieder, um Hilfe zu bekommen", sagt sie. Aber ihr Ex-Mann hat alle Spuren verwischt. Erst im Herbst 1998 schaltet sich eine US-Staatsanwaltschaft ein, Polizisten finden die kleinen Mädchen, mittlerweile sieben und acht Jahre alt, im Haus ihrer Großmutter und bringen sie in ein Kinderheim.

Nur 24 Stunden nach dem erlösenden Anruf der Behörden hält Christiane Hirts ihre Kinder wieder in den Armen. Weitere sechs Monate muss sie jedoch mit der US-Justiz kämpfen, bis sie Carmen und Claire zurück nach Deutschland bringen darf. "Hätte ich nicht die Unterstützung des 'Committee for Missing Children' gehabt und eine Anwältin, die meinen Fall kostenlos übernahm - ich hätte meine Kinder aus finanziellen Gründen nicht zurückbekommen", sagt Hirts.

"Brücke der Hoffnung"

Dabei hat die heute 48-Jährige Glück gehabt: Wird ein Kind in ein Land verschleppt, das - wie in ihrem Fall die USA - das Haager Abkommen von 1980 unterzeichnet hat, stehen die Chancen auf Rückführung gut. 77 Staaten verpflichten sich demnach, wenn auch mit Vorbehalten, Kinder bei entsprechender Rechtslage auszuliefern.

Befindet sich das Kind eines Deutschen in einem Vertragsstaat, setzt das zuständige Bundesamt für Justiz die Hebel für die Rückführung in Bewegung. Auch der Internationale Sozialdienst des Deutschen Vereins in Berlin, die Mediatorin des EU-Parlaments und die "Initiative Vermisste Kinder" aus Hamburg unterstützen Betroffene.

Schwierig wird es, wenn Kinder von einem Elternteil in Nicht-Vertragsländer, wie es die allermeisten muslimischen Nationen sind, mitgenommen werden. "Zahlreiche Staaten sprechen den Müttern kein oder ein nur eingeschränktes Sorgerecht zu, so dass die Erfolgsaussichten einer Klage von vornherein sehr gering sein können", heißt es beim Bundesamt für Justiz.

Es sind rund 40 Prozent aller entzogenen deutschen Kinder, die von muslimischen Vätern in deren Heimatländer gebracht werden, schätzt Hirts. "Die Chance, ein solches Kind zurückzubekommen, ist sehr gering", sagt sie. "Wir haben kaum eine rechtliche Handhabe, wenn ein Land die Haager Konventionen nicht unterzeichnet hat."

Die Angst, ihr Kind für immer an seinen muslimischen Vater zu verlieren, kennt auch Gracia Kranz aus Bremen. Ihr Ex hatte den gemeinsamen Sohn Faris, 3, während des Tunesienurlaubs im August verschleppt. Die Sache kam erst in Bewegung, als sich Marieluise Beck, Bundestagsabgeordnete der Grünen und Vorsitzende des Menschenrechtsvereins "Brücke der Hoffnung", einschaltete.

Wochenlang verhandelte die Politikerin mit Behörden und der tunesischen Familie, flog schließlich nach Tunis. Dort gelang es ihr zusammen mit dem deutschen Botschafter und dem in Bremen lebenden tunesischen Onkel, den kleinen Faris bei der Familie abzuholen und zu seiner Mutter zurückzubringen.

Traumatische Erfahrungen - vor allem für das Kind

Beck will nun einen Krisenstab anregen. "Das Thema Kindesentziehung sollte auf der Tagesordnung des Auswärtigen Ausschusses bleiben", sagt sie SPIEGEL ONLINE. "Wir müssen darauf drängen, dass im politischen Raum über solche Fragen geredet wird - allerdings braucht es oft unendliche Geduld, um bei internationalen Konflikten Lösungen ein Stück näher zu bringen."

Geduldig zu bleiben fällt jedoch schwer, wenn man sein Kind im Ausland wähnt: Annett H. aus Leipzig kämpft seit Juni 2007 um ihren fünfjährigen Sohn, der gegen ihren Willen bei seinen Großeltern in Marokko lebt - obwohl sie das Sorgerecht hat. "Keine Behörde fühlt sich zuständig", klagt H., "ich will doch nur meinen Sohn zurück."

Unter dem oft Jahre dauernden Rechtsstreit leiden jedoch nicht nur die Eltern. "Eine Kindesentziehung ist immer sehr belastend, wenn nicht sogar traumatisierend - in erster Linie für das Kind", sagt Gabriele Scholz vom Internationalen Sozialdienst im Deutschen Verein. "Manche Eltern führen einen jahrelangen Kampf und sehen gar nicht, was sie ihren Kindern damit antun."

Christiane Hirts kennt aber auch Eltern, die irgendwann aufgegeben haben. Zum Wohl ihrer Sprösslinge - auch wenn das bedeutet, dass der Kontakt zum eigenen Kind abbricht oder nur sehr selten ist. Hirts selbst lebt heute mit ihrem zweiten Ehemann und den beiden Töchtern im hessischen Langenselbold. Die Vorsichtsmaßnahmen hat sie im Laufe der Jahre gelockert: Nach der Rückkehr mit ihren Töchtern war sie überzeugt, beobachtet zu werden. Sie zog in ein Haus mit geschlossenem Hinterhof, schrieb sich auffällige Autonummern auf, erklärte den Kindern, bei wem sie im Notfall Hilfe finden.

Ihr Ex-Mann ließ sich jedoch nicht blicken. Zahlte keinen Unterhalt, meldete sich nicht bei den Töchtern. Bis Carmen vor Kurzem 18 Jahre alt wurde. "Zum Geburtstag bekam sie eine Mail mit einer Einladung, ihn in den USA zu besuchen", sagt Christiane Hirts. "Da bekam ich doch einen Kloß im Hals."

Seitdem schreiben sich Carmen und Claire mit ihrem Vater E-Mails, meist über oberflächliche Themen. Ein Besuch ist bislang nicht geplant. "Ich denke schon öfter an die ganze Sache - aber sie spielt nicht die Hauptrolle in meinem Leben", sagt die heute 17-jährige Claire. "Aber irgendwann werde ich meinen Vater sicher fragen, warum er das gemacht hat."

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