Kindesmissbrauch Pädophiler Pfarrer darf im Orden bleiben

Er hat gestanden, Schüler eines katholischen Internats in Bayern sexuell missbraucht zu haben. Jetzt will ein 71-jähriger kirchlicher Seelsorger sein Priesteramt niederlegen. In seinem Orden bleiben darf er trotzdem - auf Abstand zu Kindern und Jugendlichen.


Bad Neustadt - Es ist ein schrecklicher Verdacht: Zwischen 1972 und 1976 soll ein Pfarrer am katholischen Internat in Lebenhan im Kreis Rhön-Grabfeld mindestens 16 minderjährige Jungen sexuell missbraucht haben.

Im August dieses Jahres hatte ein Nürnberger Theologe und ehemaliger Internatsschüler den Stein ins Rollen gebracht. Er alarmierte das Bistum Würzburg und erhob schwere Vorwürfe gegen den Priester der Ordensgemeinschaft "Missionare von der Heiligen Familie". Die "Main-Post" hatte zuvor berichtet, der Geistliche sei in den siebziger Jahren regelmäßig abends oder nachts im Schlafsaal aufgetaucht habe sich an den Jungen vergangen. Dabei soll er auch Gewalt angewendet haben. Der Priester selbst gestand später den mehrfachen Missbrauch.

In einem Gesuch an den Papst bat der Geistliche nun darum, seines Amtes enthoben zu werden. Dies teilte der Orden der Missionare von der Heiligen Familie am Dienstag in Mainz mit. "Dadurch wird den Opfern erspart, sich in einem kirchenrechtlichen Strafprozess gegebenenfalls erneut äußern zu müssen", hieß es. Der geständige 71-Jährige dürfe im Orden bleiben. Die Bedingung: Er dürfe keinen Kontakt mehr zu Kindern und Jugendlichen haben. "Er stellt sich seiner Schuld und übernimmt für seine Taten die Verantwortung", hieß es. Sollte sich der Pater nicht an die Vereinbarungen halten, werde er aus dem Orden ausgeschlossen.

"Er hat die Tragweite nicht gesehen", hatte der den Fall untersuchende Pater des Ordens, Michael Baumbach, der Stuttgarter Zeitung gesagt. Baumbach hatte berichtet, ein Dutzend mittlerweile erwachsener Opfer hätte sich bei der Ordensgemeinschaft gemeldet und von den Vorfällen im Internat berichtet. Rund 20 weitere Zeugen erzählten demnach von Übergriffen auf minderjährige Schüler. Die genaue Zahl der Opfer sei aber nicht bekannt.

Das Internat in Bad Neustadt/Saale wurde bereits 1978 geschlossen. Der Geistliche arbeitete danach als Seelsorger in den Bistümern Aachen und Mainz.

Angst vor einer strafrechtlichen Verfolgung muss der Pfarrer nicht haben: Die Staatsanwaltschaft in Koblenz sehe keinen Anlass zur Aufnahme von Ermittlungen, weil die Vorwürfe in jedem Fall und eindeutig verjährt seien, hieß es. Dennoch behält sich der Provinzial der Ordensprovinz angesichts des Ausmaßes der Missbrauchshandlungen vor, eine päpstliche Behörde in Rom zu bitten, die kirchenrechtliche Verjährung aufzuheben. Dann könnte es zu einem kirchlichen Strafprozess kommen.

ala/dpa



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