Kindesmissbrauch Vatikan wehrt sich gegen neue Vorwürfe

Joseph Ratzinger soll sich als Kurienkardinal der Amtsenthebung eines pädophilen Priesters in Kalifornien widersetzt haben. Der Vatikan widerspricht: Ratzinger habe den Fall nicht verzögern wollen, sondern um eine gründliche Untersuchung gebeten.

Papst Benedikt XVI.: Vorwürfe aus den USA
dpa

Papst Benedikt XVI.: Vorwürfe aus den USA


New York/Rom - Der Vatikan hat die erneuten Beschuldigungen aus den USA gegen Papst Benedikt XVI. im Zusammenhang mit den Kindesmissbrauchsfällen in der katholischen Kirche zurückgewiesen. Einem Bericht der "New York Times" zufolge hatte sich der damalige Kardinal Joseph Ratzinger 1985 als Präfekt der Glaubenskongregation gegen die rasche Entlassung eines pädophilen Geistlichen aus dem Priesteramt ausgesprochen. Auch die Nachrichtenagentur AP und die "Globe and Mail" berichteten über den Fall.

Der Vatikan erklärte dazu jetzt: "Kardinal Ratzinger hat den Fall Stephen Kiesle aus Kalifornien nicht gedeckt." Vielmehr habe der heutige Papst "einzig darum gebeten, die Sache gründlicher zu untersuchen zum Wohl aller Beteiligten", kommentierte der Vizepressesprecher des Vatikans, Padre Ciro Benedettini, die neuen Vorwürfe.

Der Vatikan hat stets erklärt, Kardinal Ratzinger habe sich während seiner Zeit als Leiter der Glaubenskongregation niemals der Amtsenthebung eines pädophilen Priesters widersetzt.

Laut "New York Times" hatte Ratzinger 1985 einen Brief unterzeichnet, in dem es hieß, dass in dem Fall mehr Zeit benötigt werde. Für eine Entscheidung müsse das Wohl der gesamten Kirche in Betracht gezogen werden. Der Bischof solle dem Priester in dieser Zeit "so viel väterliche Fürsorge wie möglich" zukommen lassen. Die Argumente für eine Entlassung seien jedoch "von großer Wichtigkeit".

Vier Jahre zuvor hatte Kiesle zusammen mit John Cummins, dem damaligen Bischof von Oakland, erstmals im Vatikan um Entlassung gebeten.

Wie die Zeitung unter Berufung auf Dokumente berichtete, die ihr vom Anwalt eines der Opfer Kiesles überlassen wurden, hatte Cummins in einem Brief an Ratzinger 1982 ein weiteres Mal um die Entlassung Kiesles gebeten. "Ich bin davon überzeugt, dass es keinen Skandal geben wird, wenn dem Antrag stattgegeben wird, und dass es tatsächlich - aufgrund der Natur der Sache - einen größeren Skandal für die Gemeinde geben könnte, wenn es Vater Kiesle erlaubt würde, ins aktive Priesteramt zurückzukehren", zitierte die Zeitung aus dem Schreiben.

Cummins habe sich damals auch direkt an den damaligen Papst Johannes Paul II. gewandt. Kardinal Ratzinger habe dann um weitere Informationen gebeten, die ihm die Diözese Oakland im Februar 1982 auch zugesandt habe. Erst drei Jahre später habe sich Ratzinger dann wieder gemeldet und in dem besagten Schreiben um mehr Zeit gebeten. Außerdem habe er auf das noch junge Alter des Priesters verwiesen. Kiesle war zu diesem Zeitpunkt 38 Jahre alt.

Kiesle war 1978, sechs Jahre nach seiner Priesterweihe, erstmals wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Nach Angaben der Diözese Oakland durfte er nach seiner Verurteilung zunächst nicht mehr als Seelsorger arbeiten. Außerdem habe er sich in Behandlung begeben. 1985 habe er dann aber ehrenamtlich wieder im Jugendgottesdienst einer seiner alten Gemeinden gearbeitet. Erst 1987 sei er dann schließlich aus dem Priesteramt entlassen worden. Bis zur Amtsenthebung arbeitete er weiter mit Kindern.

hen/dpa/apn



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Güllu, 01.04.2010
1.
Entschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Markus Heid, 01.04.2010
2.
Zitat von GülluEntschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Jupp, und die Anwälte des Vatikans haben sich schon eine Verteidigungsstrategie zurechtgelegt: Der Papst genießt als Staatsoberhaupt (eines diktatorischen Theokratie) natürlich Immunität. Und US-Bischöfe sind in Wahrheit keine Angestellte der katholischen Kirche. Was mich aber mehr verwundert, ist, dass der Papst überhaupt Anwälte notwendig hat. Der hat doch angeblich so einen guten Draht nach oben und Anwälte werden doch generell eher mit dem Ewigen Widersacher in Verbindung gebracht.
kyon 01.04.2010
3. Nanoeffekt
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Zu abgehoben, zu entrueckt! Sich fuer unfehlbar haltende Leute halten Vorwuerfe aus der normal-menschlichen Zeit wahrscheinlich fuer eine Zumutung,die an ihnen abperlen wie bei einem Nanoeffekt! Also keine Chance!
Fassungsloser 01.04.2010
4. Jaja
Der Papst sollte barfuß nach Hamburg reisen und sich dort in den Staub werfen... Nächste Frage: Sollten Journalisten lernen, zwischen Religion und Politik unterscheiden zu lernen?
Klo, 01.04.2010
5. Unahltbar
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Wenn er noch einen Funken Ehre besitzt, dann entschuldigt er sich für alle Taten im Namen der Kirche und tritt dann von seinem Amt zurück, um sich in eine Einsiedelei in den Abruzzen zurückzuziehen. Alles andere ist nicht zielführend. Als Papst ist er nicht mehr haltbar.
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