Kindstod in der DDR "Es ist, als habe es meine Mädchen nie gegeben"

Ute L. zweifelt am Tod ihrer Zwillinge: "Bin ich verrückt?"
Ute L.

Ute L. zweifelt am Tod ihrer Zwillinge: "Bin ich verrückt?"

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2. Teil: Auf der Suche nach Beweisen


Dass es politisch motivierten Kindesentzug in der DDR gab, ist bekannt. Der SPIEGEL sorgte mit ersten Artikeln über Zwangsadoptionen Mitte der siebziger Jahre für Furore und Irritationen im Verhältnis zwischen Bonn und Ost-Berlin. Anfang der neunziger Jahre wurde in Berlin eine Clearingstelle zur Aufarbeitung von Zwangsadoptionen eingerichtet, die sieben solcher Fälle dokumentierte. Die Dunkelziffer ist naturgemäß schwer zu schätzen.

"Mir sind 142 Fälle bekannt, in denen Angehörige an der offiziellen Diagnose Säuglingstod zweifeln, in fünf Fällen haben sich von staatlicher Seite getrennte Zwillinge wiedergefunden", berichtet Katrin Behr, die die Vermissten-Suchseite zwangsadoptierte-kinder.de betreibt.

Marie-Luise Warnecke hat für ihre Doktorarbeit neun mutmaßliche Fälle von Zwangsadoptionen in der DDR untersucht. In nur fünf Fällen konnten die Vermutungen bestätigt werden. Trotzdem sei es "ein himmelschreiendes Unrecht, eine Ungeheuerlichkeit, die jeden in seinen Grundfesten erschüttern sollte", so die Wissenschaftlerin. Niemand wisse, wie viele Unterlagen noch kurz nach dem Mauerfall vernichtet wurden. "Zwangsadoptionen waren sicher nicht an der Tagesordnung, aber sie waren ein Druckmittel."

Familie L. mangelte es vor allem an einem: Beweisen. Eine Sprecherin der Adoptionsvermittlungsstelle der Hansestadt Wismar und Nordwestmecklenburg erklärte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, es seien keine Unterlagen vorhanden, in denen das Geburtsdatum oder die Namen der Zwillinge auftauchten. Auch in den Stasi-Unterlagen der Familie fand sich kein Hinweis auf staatlich angeordneten Kindesentzug.

Aber wo waren die Totenscheine, die es in der DDR in der Regel in vierfacher Ausführung gab? Eine Mitarbeiterin im Jugendamt Wismar zeigte sich verwirrt. Zwei laufende Nummern aus dem betreffenden Zeitraum seien vergeben worden - von den Totenscheinen selbst gebe es aber keine Spur. "Das ist seltsam", sagte die Beamtin. Auch im Standesamt konnte man sich das Fehlen der Unterlagen nicht erklären.

Bereits am 18. August 1981 hatte der zuständige Kreisarzt das Referat Mutter und Kind in Wismar aufgefordert, ihm endlich die Totenscheine der Zwillinge L. zukommen zu lassen. Die Kommission zur Senkung der Säuglingssterblichkeit benötige die Unterlagen umgehend, heißt es in dem Schreiben.

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Ute L. bekam 2008 die Epikrisen, abschließende Berichte über den Tod der Zwillinge, vom Hanse-Klinikum Wismar auf Anfrage zugeschickt. Demnach wurde beiden ein Atemnotsyndrom unterschiedlicher Schwere attestiert - bei Frühgeborenen aufgrund der Unreife der Lungen keine Seltenheit. Sie seien abgesaugt, mit Sauerstoff versorgt und nach akuter Verschlechterung an ein Beatmungsgerät angeschlossen worden, hieß es. Vergeblich. Katja L. starb einen Tag, ihre Schwester zwei Tage nach der Geburt an Herzversagen. Eigentümlich: Bei der anschließenden Sektion wurde bei beiden Säuglingen eine "bohnengroße subependymale Hirnblutung im Bereich des rechten Hirnseitenventrikels" festgestellt - gleich groß und an genau derselben Stelle, ein unwahrscheinlicher Zufall.

Der Autopsiebericht der Zwillinge musste gefunden werden. Im Hanse-Klinikum Wismar ließ man sich lange bitten und lud dann zum Gespräch mit dem heutigen ärztlichen Direktor Lothar Wöstenberg und zwei seiner Kollegen. "Es sieht so aus, als sei alles mit rechten Dingen zugegangen", sagte der Doktor und händigte Obduktionsberichte, Infusions- und Pflegeprotokolle sowie OP-Berichte zu dem Fall aus.

Die Berichte sehen authentisch aus. Allerdings weisen die Pflegeprotokolle beider Mädchen zwischen fünf und acht Uhr morgens Lücken auf - es scheint, dass in dieser Zeit die stündliche Betreuung ausgesetzt wurde.

"Eine neurotische oder psychotische Reaktion der Mutter"

Dank der Unterlagen konnte der Arzt gefunden werden, der damals das Autopsieprotokoll unterschrieb. Er machte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE keinen Hehl daraus, was er von der Vermutung halte, dass die Kinder womöglich zwangsadoptiert wurden: "Das würde bedeuten, dass wir unter Zwang oder Druck ein Autopsieprotokoll gefälscht hätten - das halte ich für vollkommen ausgeschlossen", so der Arzt*.

Es hält die Mutmaßungen von Ute L. für "eine Zwangsvorstellung, eine neurotische oder psychotische Reaktion der Mutter. Sie täte gut daran, sich in psychologische Behandlung zu begeben." Frau L. sei garantiert befragt worden, was mit den Leichen passieren solle, und sie habe auch eine Erklärung unterschreiben müssen - "ohne die ging kein Leichnam aus der Pathologie raus", so der Rentner.

Allein, keiner weiß, wo die Zwillinge begraben sind. Die Schweriner Firma Hennig, ehemals VEB Grünanlagen, hatte einen Vertretungsvertrag für die Leichen aus der Pathologie Schwerin. Auf Anfrage teilte das Unternehmen mit, es seien keine Unterlagen zu den Zwillingen im komplett erhaltenden Archiv gefunden worden, auch nicht im Krematorium. Dieselbe Antwort kam von der Friedhofsverwaltung Wismar. Wurden die Kinder anonym auf der sogenannten "grünen Wiese" bestattet? Selbst wenn es so war - auch darüber müsste es Unterlagen geben.

"Ich dachte, irgendwann stehen sie vor der Tür und alles stellt sich als ein großes Missverständnis, eine Verwechslung heraus", sagt Ute L. "Dann wieder denke ich, das ist unmöglich, so etwas tun Menschen nicht. Aber sie tun es eben doch."

* Name ist der Redaktion bekannt

insgesamt 84 Beiträge
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makutsov 02.12.2010
1. Dokumente?
Hätte man nicht die vorhandenen Dokumente mit ausgeschwärzten Namen veröffentlichen können? So ergibt sich kein schlüssiges Bild! Alle Dokumente fehlen, aber das Krankenhaus hat doch Akten? Oder sind die gefälscht? Nichts genaues weiß man nicht!
dandy 02.12.2010
2. In der Bundesrepublik
wird mit behinderten Menschen noch viel schlimmer umgegangen !
loncaros 02.12.2010
3. t
Zitat von dandywird mit behinderten Menschen noch viel schlimmer umgegangen !
In der BRD werden behinderten Menschen mit Hilfe einer gefälschten Sterbeurkunde die Kinder weggenommen? Und was soll da "noch viel schlimmer" sein? Immer diese SED-Diktatur-Schönredner. Genausoschlimm wie die Revisionisten des Dritten Reichs.
gloton7, 02.12.2010
4. Wichtiges Thema
Zitat von sysopUte L.s Zwillingstöchter sollen kurz nach der Geburt in der DDR gestorben sein. Doch die Mutter hat die Leichen nie gesehen, es gibt kein Grab und keine Totenscheine. Wurden die Kinder für tot erklärt und heimlich von der Stasi zur Adoption freigegeben? Eine Spurensuche. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,730908,00.html
Es erinnert an die Vorgehensweise der Nazis, regimekritische Menschen zu sterilisieren. Ich wünschte mir eine ebenso intensive kriminalistische Betrachtung der Vorgänge um World Trade Center Gebäude 7 - der 11. September ist noch lange nicht aufgeklärt, die Wahrheitsbewegung wird immer größer.
Adlhoch 02.12.2010
5. Wunderbar!
Zitat von dandywird mit behinderten Menschen noch viel schlimmer umgegangen !
Ach so, dann ist ja alles wunderbar. "Oben sticht unten" oder wie?
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