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02. Dezember 2010, 11:09 Uhr

Kindstod in der DDR

"Es ist, als habe es meine Mädchen nie gegeben"

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Ute L.s Zwillingstöchter sollen kurz nach der Geburt in der DDR gestorben sein. Doch die Mutter hat die Leichen nie gesehen, es gibt kein Grab und keine Totenscheine. Wurden die Kinder für tot erklärt und heimlich von der Stasi zur Adoption freigegeben? Eine Spurensuche.

Am Anfang waren zwei Sterbeurkunden und unzählige Fragen. Als die Mecklenburgerin Ute L. das erste Mal SPIEGEL ONLINE kontaktiert, weiß sie selbst nicht so recht, was sie sich erhofft: "Vielleicht bin ich ja verrückt und bilde mir das alles nur ein?", fragt sie unsicher und erzählt dann die Geschichte ihrer "beiden Mädchen", Katja und Claudia, die nicht mehr leben oder vielleicht doch, irgendwo, aber nicht bei ihr.

Die DDR im Jahr 1981:

Große Politik mit brutalen Nebenwirkungen - doch Ute L. aus Warnemünde hat damals andere Probleme. Die 21-Jährige ist schwanger, es gibt Komplikationen. In der 28. Woche wird sie in die Frauenklinik des Bezirkskrankenhauses Wismar gebracht, wegen vorzeitigen Blasensprungs und Verdachts auf Plazenta-Ablösung.

Erst dort erfährt die junge Studentin, dass sie Zwillinge erwartet. Sie harrt aus, in der 31. Schwangerschaftswoche greifen die Mediziner zum Skalpell: L. wird unter Vollnarkose per Kaiserschnitt entbunden. "Es sind zwei Puppen", sagt der Arzt. "Es ist alles in Ordnung."

Ute hört ihre Mädchen noch schreien, dann werden sie weggebracht. Die junge Mutter liegt allein und benommen in einem Zimmer, wird untersucht, bekommt Medikamente und dämmert vor sich hin. Ihr Mann Hartmut darf nicht zu ihr. "Ich war verwirrt, betäubt von Schmerzmitteln. Eine Frau hielt mir ein Schriftstück unter die Nase. Ich habe es unterzeichnet, keine Ahnung was da stand." Dann kommt die erste Hiobsbotschaft: "Katja ist tot, sie hat es nicht geschafft." Nur einen Tag später stirbt auch Claudia, die Erstgeborene, Kräftigere, die immerhin 1450 Gramm auf die Waage gebracht und selbständig geatmet hatte.

Die Eltern sind wie gelähmt. Niemand erklärt ihnen, warum die Kinder starben, niemand führt sie zu den Leichen, um Abschied zu nehmen. "Sie können noch viele Kinder bekommen", tröstet der Arzt und entlässt L. in ihr altes Leben. Sie stellt keine Fragen, nach dem Grab oder dem Obduktionsbericht, auch nicht nach ihrem offenbar verlorengegangenen Mutterpass. "Ich wollte einfach nur raus aus dem Krankenhaus", sagt L. heute und wischt sich die Tränen von der Wange. "Man hat uns gesagt, wir kümmern uns um alles."

"Die Weißkittel waren heilige Kühe"

L. ist eine kleine, freundliche Person mit konzentriertem Blick und einer Brille, die sie strenger aussehen lässt, als sie ist. Eine gestandene Geschäftsfrau, vernünftig und geerdet, doch wenn es um ihre Zwillinge geht, wird sie ängstlich und sucht den Blick ihres Mannes. "Wir hatten keine Lebenserfahrung, für uns waren die Weißkittel wie heilige Kühe, die nur Rechtes tun", sagt Hartmut L. finster und schaut auf die Felder, die sich jenseits seines Wintergartens bis zum Horizont ziehen.

Gemeinsam holte das Paar die Geburts- und Sterbeurkunden ab, wunderte sich dann darüber, dass Ute trotzdem Stillgeld bekam. "Das stinkt zum Himmel", warnte die Großmutter, selbst Mutter von acht Kindern. "Es ist bestimmt alles hundertprozentig korrekt gelaufen", versicherte die behandelnde Frauenärztin.

Die ersten Zweifel waren gesät, doch das Leben ging weiter. Ute bekam weitere Kinder, zwei Söhne, wohlgeratene Jungs, die dem Vater heute im Geschäft zur Hand gehen. Doch es blieb eine Lücke. Eine Leere, die mit den Jahren nicht gefüllt wurde, sondern sich ausdehnte.

In einschlägigen Blogs las L. von Zwangsadoptionen, bei denen Eltern aus politischen Gründen die Kinder weggenommen worden waren. Sie entdeckte Berichte über sehr junge Mütter, die in der DDR Zwillinge gebaren, von denen einer oder beide für tot erklärt, aber in Wahrheit an regimetreue Parteigenossen "verschenkt" wurde. Gezielt seien solche Kinder per Kaiserschnitt entbunden worden, um die Mutter dann noch unter Narkoseeinfluss dazu zu bringen, eine Erklärung zu unterschreiben und den Säugling dann fortzuschaffen, hieß es. Wie bei mir, dachte Ute.

In Sendungen wie "Nur die Liebe zählt" oder der "Oliver Geißen Show" sah sie, wie von der Partei auseinandergerissene Familien nach vielen Jahren wieder zueinander fanden. "Wir waren regimekritisch, aber nicht aktiv", sagt Ehemann Hartmut, ein großer, gutmütiger Mann. Das Paar habe zur katholischen Minderheit in der DDR gezählt, sich in Kreisen bewegt, die der SED traditionell skeptisch gegenüberstanden. Es gab Bekannte, die Ausreiseanträge stellten, einen engagierten Pfarrer, den die Staatssicherheit im Visier hatte. Da war der Freund, einst talentierter Leistungssportler, dem man in Bautzen in Haft die Achillessehne durchtrennte, um ihm eine Lektion zu erteilen.

Schließlich die seltsame Geschichte mit dem Autounfall, 1980, als Ute, Hartmut und die Schwiegereltern gegen einen Baum fuhren. Alle Beteiligten kamen mit leichten Verletzungen davon. Doch noch im Krankenhaus bekam Ute mehrmals Besuch von einem Polizisten, der sie aufforderte, gegen ihren damaligen Verlobten Strafanzeige zu erstatten. Sie weigerte sich. Dennoch wurde Hartmut wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt und zu einer 18-monatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Außerdem wurde er exmatrikuliert. "Ich kann mir gut vorstellen, dass die Zwillinge an Stasi-Hardliner gegeben wurden - als Geschenk für ihre Systemtreue", sagt er heute. "Ich traue das dem System zu."

Auf der Suche nach Beweisen

Dass es politisch motivierten Kindesentzug in der DDR gab, ist bekannt. Der SPIEGEL sorgte mit ersten Artikeln über Zwangsadoptionen Mitte der siebziger Jahre für Furore und Irritationen im Verhältnis zwischen Bonn und Ost-Berlin. Anfang der neunziger Jahre wurde in Berlin eine Clearingstelle zur Aufarbeitung von Zwangsadoptionen eingerichtet, die sieben solcher Fälle dokumentierte. Die Dunkelziffer ist naturgemäß schwer zu schätzen.

"Mir sind 142 Fälle bekannt, in denen Angehörige an der offiziellen Diagnose Säuglingstod zweifeln, in fünf Fällen haben sich von staatlicher Seite getrennte Zwillinge wiedergefunden", berichtet Katrin Behr, die die Vermissten-Suchseite zwangsadoptierte-kinder.de betreibt.

Marie-Luise Warnecke hat für ihre Doktorarbeit neun mutmaßliche Fälle von Zwangsadoptionen in der DDR untersucht. In nur fünf Fällen konnten die Vermutungen bestätigt werden. Trotzdem sei es "ein himmelschreiendes Unrecht, eine Ungeheuerlichkeit, die jeden in seinen Grundfesten erschüttern sollte", so die Wissenschaftlerin. Niemand wisse, wie viele Unterlagen noch kurz nach dem Mauerfall vernichtet wurden. "Zwangsadoptionen waren sicher nicht an der Tagesordnung, aber sie waren ein Druckmittel."

Familie L. mangelte es vor allem an einem: Beweisen. Eine Sprecherin der Adoptionsvermittlungsstelle der Hansestadt Wismar und Nordwestmecklenburg erklärte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, es seien keine Unterlagen vorhanden, in denen das Geburtsdatum oder die Namen der Zwillinge auftauchten. Auch in den Stasi-Unterlagen der Familie fand sich kein Hinweis auf staatlich angeordneten Kindesentzug.

Aber wo waren die Totenscheine, die es in der DDR in der Regel in vierfacher Ausführung gab? Eine Mitarbeiterin im Jugendamt Wismar zeigte sich verwirrt. Zwei laufende Nummern aus dem betreffenden Zeitraum seien vergeben worden - von den Totenscheinen selbst gebe es aber keine Spur. "Das ist seltsam", sagte die Beamtin. Auch im Standesamt konnte man sich das Fehlen der Unterlagen nicht erklären.

Bereits am 18. August 1981 hatte der zuständige Kreisarzt das Referat Mutter und Kind in Wismar aufgefordert, ihm endlich die Totenscheine der Zwillinge L. zukommen zu lassen. Die Kommission zur Senkung der Säuglingssterblichkeit benötige die Unterlagen umgehend, heißt es in dem Schreiben.

Ute L. bekam 2008 die Epikrisen, abschließende Berichte über den Tod der Zwillinge, vom Hanse-Klinikum Wismar auf Anfrage zugeschickt. Demnach wurde beiden ein Atemnotsyndrom unterschiedlicher Schwere attestiert - bei Frühgeborenen aufgrund der Unreife der Lungen keine Seltenheit. Sie seien abgesaugt, mit Sauerstoff versorgt und nach akuter Verschlechterung an ein Beatmungsgerät angeschlossen worden, hieß es. Vergeblich. Katja L. starb einen Tag, ihre Schwester zwei Tage nach der Geburt an Herzversagen. Eigentümlich: Bei der anschließenden Sektion wurde bei beiden Säuglingen eine "bohnengroße subependymale Hirnblutung im Bereich des rechten Hirnseitenventrikels" festgestellt - gleich groß und an genau derselben Stelle, ein unwahrscheinlicher Zufall.

Der Autopsiebericht der Zwillinge musste gefunden werden. Im Hanse-Klinikum Wismar ließ man sich lange bitten und lud dann zum Gespräch mit dem heutigen ärztlichen Direktor Lothar Wöstenberg und zwei seiner Kollegen. "Es sieht so aus, als sei alles mit rechten Dingen zugegangen", sagte der Doktor und händigte Obduktionsberichte, Infusions- und Pflegeprotokolle sowie OP-Berichte zu dem Fall aus.

Die Berichte sehen authentisch aus. Allerdings weisen die Pflegeprotokolle beider Mädchen zwischen fünf und acht Uhr morgens Lücken auf - es scheint, dass in dieser Zeit die stündliche Betreuung ausgesetzt wurde.

"Eine neurotische oder psychotische Reaktion der Mutter"

Dank der Unterlagen konnte der Arzt gefunden werden, der damals das Autopsieprotokoll unterschrieb. Er machte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE keinen Hehl daraus, was er von der Vermutung halte, dass die Kinder womöglich zwangsadoptiert wurden: "Das würde bedeuten, dass wir unter Zwang oder Druck ein Autopsieprotokoll gefälscht hätten - das halte ich für vollkommen ausgeschlossen", so der Arzt*.

Es hält die Mutmaßungen von Ute L. für "eine Zwangsvorstellung, eine neurotische oder psychotische Reaktion der Mutter. Sie täte gut daran, sich in psychologische Behandlung zu begeben." Frau L. sei garantiert befragt worden, was mit den Leichen passieren solle, und sie habe auch eine Erklärung unterschreiben müssen - "ohne die ging kein Leichnam aus der Pathologie raus", so der Rentner.

Allein, keiner weiß, wo die Zwillinge begraben sind. Die Schweriner Firma Hennig, ehemals VEB Grünanlagen, hatte einen Vertretungsvertrag für die Leichen aus der Pathologie Schwerin. Auf Anfrage teilte das Unternehmen mit, es seien keine Unterlagen zu den Zwillingen im komplett erhaltenden Archiv gefunden worden, auch nicht im Krematorium. Dieselbe Antwort kam von der Friedhofsverwaltung Wismar. Wurden die Kinder anonym auf der sogenannten "grünen Wiese" bestattet? Selbst wenn es so war - auch darüber müsste es Unterlagen geben.

"Ich dachte, irgendwann stehen sie vor der Tür und alles stellt sich als ein großes Missverständnis, eine Verwechslung heraus", sagt Ute L. "Dann wieder denke ich, das ist unmöglich, so etwas tun Menschen nicht. Aber sie tun es eben doch."

* Name ist der Redaktion bekannt

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