Kirche 2006 Pannendienst für die Hartz-IV-Gesellschaft

Der Papst-Besuch hat gezeigt, wie weit sich Deutschland von den Zeiten bitterer Kirchenkritik entfernt hat. Die Gesellschaft sehnt sich wieder nach Gemeinsamkeit - und hat Frieden mit den Kirchen geschlossen: Zu wichtig sind sie als sozialer Dienstleister.

Von Franz Walter


Der Papst-Besuch hat bestätigt, was in Deutschland seit einiger Zeit zu beobachten ist: Für gläubige Katholiken und Protestanten scheinen die schwierigen Jahre von sarkastischer Religionskritik und aktivistischer Anti-Kirchlichkeit überstanden. Aggressive Wut schlägt den Kirchen und ihren Repräsentanten kaum mehr entgegen. Nur manchmal kommt noch der übliche, insofern leicht triviale Intellektuellen-Spott auf - oder einfach nur Überdruss, wenn ein Event wie in diesen Tagen etwas zu penetrant und übermächtig die öffentliche Aufmerksamkeit erheischt.

Massenereignis Papst-Besuch: Kaum noch aktivistische Anti-Kirchlichkeit
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Massenereignis Papst-Besuch: Kaum noch aktivistische Anti-Kirchlichkeit

Doch wo stehen die christlichen Großkirchen, die so groß ja gar nicht mehr sind, im Jahr 2006? Wo stehen sie nach 40 Jahren Mitgliederschwund, wucherndem Selbstzweifel und schrumpfendem Einfluss in Politik und Kultur?

Immerhin: Die christlichen Kirchen haben auch in den Krisenjahren ihr jahrhundertealtes Ritenmonopol bemerkenswert souverän und robust verteidigen können, zumindest jenseits der urbanen Zentren. Wenn es grundlegende Zäsuren im Leben gibt, wendet sich nach wie vor ein Großteil der Deutschen an die bewährten Zeremonienexperten der katholischen oder evangelischen Kirche: Sie sollen den Zyklen von Geburt, Paarbildung und Tod Aura, Ewigkeit und Erlösung verleihen. Es ist schon erstaunlich, wie sehr das Bedürfnis nach überlieferten Riten und Ritualen, nach dem Mysterium und Beistand eines "Vertreters Gottes" auch in der Moderne überdauert hat - trotz aller Säkularisierung und Entzauberung.

Christliche Riten-Professionalität statt Schamanenkult

Erstaunlich auch, dass bisher keine neuen Anbieter von Übergangsriten den traditionellen Kirchen Konkurrenz machen konnten. Zumindest ist die New-Age-Welle der achtziger und frühen neunziger Jahre rasch wieder verebbt - ohne markante Spuren in den spirituellen Tiefenschichten der Republik. Der über zwei Jahrtausende akkumulierte Reichtum an Riten-Professionalität des Christentums wog letztlich schwerer als Schamanenkult und Okkultismus.

Auch sonst ist die zähe Beständigkeit des institutionalisierten Christentums beträchtlich. Immerhin besuchen weiter mehr als 4,5 Millionen Gläubige Sonntag für Sonntag in verbindlicher Regelmäßigkeit den Gottesdienst. In den Fußballstadien und auf den deutschen Sportplätzen tummeln sich an den Wochenenden keineswegs mehr Menschen (aktiv wie passiv) - obwohl der Sport ungleich mehr Resonanz in den Medien erfährt.

Die Kirchen sind außerdem als verlässliche soziale Dienstleister hoch angesehen. In der Entwicklungsarbeit und bei Katastrophen genießen die Hilfswerke der beiden Großkirchen einen fraglos besseren Ruf als die staatlichen Äquivalente. Und auch als Träger von Kindergärten, Krankenhäusern und Altenpflegestätten sind die Kirchen in der bundesdeutschen Gesellschaft gern gesehen und viel gefragt.

Die Schattenseiten des Dienstleisters Kirche

Das hat die Kirchen gefestigt - und zugleich ihre religiösen Überzeugungsgemeinschaften geschwächt. In gewissem Maß haben sich die Kirchen in die Rolle als soziale Dienstleister gefügt, die ihnen zugewiesen wurde, und sich damit abgefunden. Als die Kirchen angesichts abnehmender Steuereinnahmen McKinsey und vergleichbare Firmen fragten, wie sich ihre Effizienz steigern ließe, empfahlen ihnen auch diese Berater verstärkte Dienstleistungsorientierung hin zum "zahlenden Kunden".

So hat sich das institutionalisierte Christentum zum Pannendienst entwickelt, zur Serviceeinrichtung in der Hartz-IV-Gesellschaft. Die Mitgliedschaft in der Kirche ist wie eine Versicherungspolice: Wer sie erwirbt, erkauft sich ein Anrecht auf geistlichen Beistand bei Taufe, Eheschließung und Bestattung - vielleicht sogar auf Heil und ein ewiges Leben nach dem Tod. In dem Maß, in dem sich die Kirchen auf die zivilgesellschaftliche Funktion des Dienstleisters und Riten-Begleiters beschränkt haben, schlossen die "Schwerhörigen gegenüber Gott" ihren Frieden mit den Repräsentanten des Christentums.

Parallel verlor dadurch allerdings das Christentum die Substanz als öffentlich bekennende und missionarisch aktive, sendungsbewusste Religionsgemeinschaft. Jetzt könnten wir vor einer Zäsur stehen. Zahlreiche Erhebungen der Sozialpsychologie zeigen: Die Entbindung aus Weltanschauungen, Religionen, Gemeinschaften und Institutionen über die vergangenen 40 Jahre hat zu elementaren Erschöpfungen geführt, zu Rat- und Orientierungslosigkeit.

Wie Säkularisierung wieder Interesse am Glauben weckt

Der entbettete Einzelne der individualisierten Gesellschaft muss sich ständig selbst entscheiden - ohne noch über die Orientierungssicherheit eines stabilen Wertfundaments zu verfügen. Psychologen berichten von einem dramatischen Anstieg neuer "Grübelkrankheiten": Von ihnen wird man befallen, wenn man sich unaufhörlich eigenverantwortlich festlegen muss, normierende Kriterien und richtungsweisende Maßstäbe allerdings fehlen. Der individualisierte Mensch empfindet es allmählich nicht mehr bloß als Chance, kreativ, authentisch und originär sein zu dürfen - sondern oft genug als Zwang, all dies jederzeit sein zu müssen.

Lebenslanges Lernen in der Wissensgesellschaft ist nicht nur ein verlockendes Versprechen. Es ist auch ein bedrohlicher Imperativ, der den Individuen ihre chronische biographische Unfertigkeit bescheinigt - und der auch Menschen jenseits der 30 zur dauerhaften Adoleszenz verurteilt. Kurz: Emanzipation ist nicht nur befreiend. Sie ist auch mühselig. Der Imperativ, einzigartig sein zu müssen, die Last der eigenverantwortlich zu tragenden Irrtümer, Fehlentscheidungen, Schicksalsschläge: All dies hat etliche Menschen in die Depression geführt, in den Burn-out. Und so produzieren Säkularisierung und Individualisierung, was sie zuvor selbst verschlissen haben: einen Bedarf an meditativer Spiritualität und Geborgenheit.

Es mag deshalb tatsächlich zur Renaissance von Sinn- und Bindungswerten kommen. Außerdem hat der überraschende Papst-Kult der vergangenen Jahre unzweifelhaft etwas mit dem Bedürfnis nach personaler Autorität und Glaubwürdigkeit zu tun. Medienstars kommen und gehen. Politiker versprechen heute dies, machen morgen etwas ganz anderes. So wird der Konservatismus der katholischen Oberhäupter - bis in die neunziger Jahre noch heftig attackiert - inzwischen als positive Beständigkeit wahrgenommen, als Tugend der Wahrhaftigkeit: wo sonst doch alles changiert und die übrigen Eliten hurtig, pragmatisch, opportunistisch die Positionen wechseln.

Vielleicht stehen wir also wirklich vor einem Gezeitenwechsel in der Kultur der modernen Gesellschaften. Es könnte gerade das Finale einer leeren Individualisierung eingeläutet worden sein. Allerdings: In welche Wärmestuben es die Menschen dann in Zukunft drängen mag - das ist nicht recht erkennbar.

Die Massen-Events faszinieren - aber halten nicht nach

Der Zauber der politischen Großideologen ist bekanntlich perdu. Und es spricht auch wenig dafür, dass sich für Künder weltlicher Paradiese die Marktplätze wieder füllen werden.

Schwer vorstellbar ist jedoch auch, dass die beiden christlichen Amtskirchen Herz und Motor eines neuen spirituellen, gemeinschaftsbezogenen Verlangens werden. Dafür ist das institutionalisierte Christentum in Deutschland doch zu weit selbstsäkularisiert - und zu binnenzentriert, mit den eigenen großorganisatorischen Bestandsproblemen beschäftigt.

Die Großorganisationen sind zur perfekten Ausrichtung von Massen-Events in der Lage, und das in durchaus erstaunlichem, singulärem Maße. Doch die emotionalen Schwingen dieser institutionalisierten, inszenierten Kollektiv-Akklamation wirken kaum nach. Sie lassen sich kaum in den Alltag des praktizierten Christentums transferieren. Sollte sich wirklich eine neue Sinnbewegung zu transzendentalen Höhen aufmachen, dann werden die christlichen Großkirchen wohl nicht ganz vorne die Fahnen und den Weihrauch schwenken.

Auch die Beharrungskraft der Institution Kirche wird die Phantasie der Menschen nicht in Taumel versetzen. Aber: Wir leben in einer Zeit, in der verlässliche Großorganisationen an Bedeutung verlieren - beziehungsweise aus monetären, fiskalischen oder Rentabilitätserwägungen bewusst abgebaut werden. In einer solchen Zeit hat die zähe Kontinuität kirchlicher Dienstleistungs-Administrationen einigen Wert. Gerade auch für jene, die nicht über eigene Selbständigkeit, weit gespannte Kontaktnetze und großartige Chancen verfügen.



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