436.000 Austritte Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken

Der Mitgliederschwund bei den Kirchen geht weiter. Die Zahl der Katholiken sank auf 23 Millionen, die der Protestanten auf 21 Millionen. Mögliche Gründe: Kirchensteuern und Missbrauchsskandale.

Immer mehr Menschen entscheiden sich dazu, die Kirche zu verlassen
Oliver Berg/DPA

Immer mehr Menschen entscheiden sich dazu, die Kirche zu verlassen


Die Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland ist im vergangenen Jahr gestiegen. 216.000 Menschen hätten 2018 die katholische Kirche verlassen, teilte die Deutsche Bischofskonferenz am Freitag in Bonn mit. Das sind 48.500 Austritte mehr als 2017, als 167.500 Menschen der katholischen Kirche den Rücken kehrten. Insgesamt sank die Zahl der Katholiken in Deutschland im vergangenen Jahr um gut 300.000 auf 23 Millionen.

Bei den Protestanten traten 220.000 Menschen aus der Kirche aus, also noch etwas mehr als bei den Katholiken. Die Zahl der Austritte habe 2018 um 11,6 Prozent über dem Vorjahr gelegen, teilte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover mit. Die Gesamtzahl der Protestanten sank um 1,8 Prozent auf gut 21 Millionen. Das entspricht in etwa dem Rückgang von 2017. (Mehr zu der Entwicklung lesen Sie hier).

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sagte dazu, jeder Austritt schmerze. Allerdings könne man sich heute anders als früher völlig frei entscheiden, ob man in der Kirche bleiben wolle. "Wir sind dankbar für die vielen Menschen, die sich heute aus Überzeugung für die Mitgliedschaft in ihrer Kirche entscheiden."

Auf katholischer Seite bezeichnete der Sekretär der Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, die Entwicklung als "besorgniserregend". Ein Grund für die gestiegene Zahl der Austritte sei sicher auch die im September veröffentlichte Missbrauchsstudie. Dadurch sei eine große Debatte ausgelöst worden. "Viele glauben uns nicht mehr, dass wir konsequent und entschlossen gegen Täter vorgehen", sagte Langendörfer.

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"Kirchenaustritte sind kein Naturphänomen"

Eine Studie des katholischen Bistums Essen hatte 2017 als Hauptgrund für einen Austritt Entfremdung oder fehlende Bindung zur Kirche festgestellt. Auch die Kirchensteuer spiele eine Rolle, sei aber eher Auslöser als Ursache.

Der Kirchenrechtsexperte Thomas Schüller sagte nun: "Kirchenaustritte sind kein Naturphänomen, sondern Ausdruck einer Entfremdung der Gläubigen von der Kirche und einer Glaubwürdigkeitskrise der Kirche selbst."

Der Kriminologe Christian Pfeiffer, selbst evangelischer Christ, regte hingegen eine Diskussion über die Notwendigkeit der Kirchensteuer an. So seien die Kirchen in den USA - wo es keine Kirchensteuer gebe - viel lebendiger, sagte Pfeiffer. "Ein Grund dafür ist mit Sicherheit, dass sie es sich dort nicht auf dem Ruhekissen der Kirchensteuer bequem machen können." Sie müssten etwas unternehmen. "In Deutschland dagegen verlangweilen sich die Kirchen immer mehr. Die Pfarrer sind quasi verbeamtet. Vielleicht wäre es ein Befreiungsschlag, wenn sie sich von der Kirchensteuer befreien würden."

Kirchenexperte Schüller sagte zu der schon länger schwelenden Debatte, die Kirchensteuer sei meist nur der letzte Baustein einer Entfremdung von der Kirche. "Zudem treten sehr viele Katholiken aus, die gar keine oder nur eine vergleichsweise geringe Kirchensteuer zahlen."

bbr/dpa



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