Christentum Mehr als 440.000 Menschen aus der Kirche ausgetreten

2020 haben deutlich weniger Menschen die Kirche verlassen als 2019. Experten glauben jedoch nicht an eine Trendwende.
Rechtsantragsstelle im Oberlandesgericht Köln

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Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Mehr als 440.000 Menschen christlichen Glaubens sind im vergangenen Jahr in Deutschland aus der Kirche ausgetreten. Das geht aus den Statistiken der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Bonn und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover hervor. Demnach blieb die Zahl der Kirchenaustritte sowohl bei den Katholiken als auch bei den Protestanten auf hohem Niveau, ging aber im Vergleich zu 2019 zurück.

Den Statistiken zufolge verzeichneten Katholiken und Protestanten jeweils rund 221.000 beziehungsweise 220.000 Austritte. Gemeinsam machten die Anhänger beider Kirchen noch immer 51 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

»Mit dem Kirchenaustritt ein Zeichen setzen«

Nach DBK-Angaben sank die Zahl der Austritte im Vergleich zum Vorjahr um 18,8 Prozent. Damals hatten fast 273.000 Katholiken ihrer Kirche den Rücken gekehrt. Der Anteil der Gottesdienstbesucher sei coronabedingt von 9,1 Prozent der Katholiken auf 5,9 Prozent zurückgegangen.

Der DBK-Vorsitzende Georg Bätzing bezeichnete die Kirchenstatistik als »ein Spiegelbild dessen, wie sich die Coronapandemie auf das Leben in unseren Gemeinden auswirkt«. Taufen, Kommunionsfeiern und Hochzeiten seien verschoben worden. Gleichzeitig erlebe die Kirche eine »tief greifende Erschütterung«: »Viele haben das Vertrauen verloren und möchten mit dem Kirchenaustritt ein Zeichen setzen«, sagte Bätzing.

In den evangelischen Landeskirchen ging die Zahl der Kirchenaustritte um 18 Prozent zurück. Im Vergleich zum Vorjahr registrierten die Protestanten zudem nur noch halb so viele Taufen. Die Kirchensteuereinnahmen sanken laut EKD um 5,4 Prozent auf 5,63 Milliarden Euro.

Stockende Aufarbeitung von Missbrauchsfällen

»Jeder Kirchenaustritt bekümmert mich und lässt mich fragen, was wir als Kirche tun können, um Menschen vom guten Sinn der Mitgliedschaft in unserer Kirche zu überzeugen«, erklärte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. Eine Onlineumfrage zu den Beweggründen für Austritte soll im Herbst vorgestellt werden.

Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack glaubt nicht, dass die rückläufigen Austrittszahlen auf eine Renaissance der Kirchen hindeuten. Studien zeigten, dass für religiöse Menschen die Bindung an die Kirche in Krisenzeiten wichtiger werde, sagte Pollack. Für Menschen, die sich bereits vom Glauben und von der Kirche entfernt hätten, gelte das aber nicht. Im Gegenteil, für sie nehme die Bedeutung in der Krise sogar tendenziell noch ab. »Wenn man weit weg ist, kann einen die Krise auch nicht mehr zum Glauben zurückbringen«, sagt Pollack.

Im Übrigen sei es so, dass Menschen im Krisenfall persönliche Lebensentscheidungen – und dazu gehöre im Prinzip auch der Kirchenaustritt – oft erst einmal zurückstellten. »Man schiebt es auf, weil man sich sagt: ›Das kann ich auch später noch machen, jetzt hab ich erst mal Wichtigeres zu tun.‹« Im vergangenen Jahr habe der Schutz der eigenen Gesundheit, die Sicherung des Arbeitsplatzes, die Begleitung der Kinder im Distanzunterricht erst einmal Priorität gehabt.

»Trügerische Atempause«

Ebenso äußerte sich der katholische Kirchenrechtler Thomas Schüller. »2020 hatten die Leute schlicht andere Sorgen, als sich mit ihrer Kirche und einem möglichen Kirchenaustritt zu beschäftigen«, sagte Schüller der Nachrichtenagentur dpa. »Es ging sprichwörtlich in der Pandemie ums Überleben, und da spielten die Kirchen keine Rolle.« Sie hätten so eine »trügerische Atempause« bekommen.

Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche standen im vergangenen Jahr wegen der stockenden Aufarbeitung von Missbrauchsskandalen in der Kritik. Etwa im Erzbistum Köln führte der Umgang mit Missbrauchsfällen zu einer Welle von Kirchenaustritten. Die Vertrauenskrise um Kardinal Rainer Maria Woelki hatte sich jedoch erst Ende 2020 entfaltet und dürfte vor allem im laufenden Jahr zu Buche schlagen.

bbr/AFP/dpa
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