Kirchentag in Stuttgart "Schwule in die Ecke, Trans in die Mitte"

Der Kirchentag lädt ein zur Kontroverse über große Themen der Zeit, Prominente debattieren in Stuttgart. Abseits der Podien finden sich einfallsreiche Theologen und muntere Rollenspiele zur Sexualität. Vier Eindrücke aus Stuttgart.

Der Beethovensaal in Stuttgart: Hier sprach Wolfgang Schäuble
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Der Beethovensaal in Stuttgart: Hier sprach Wolfgang Schäuble

Von , Stuttgart


An Tag zwei des Evangelischen Kirchentages in Stuttgart drückt die Hitze den Schweiß in die Poren, und Gemeinschaft entsteht schon auf dem Weg zum Festgelände. Dicht an dicht drängen sich die Gäste in der U-Bahn, leicht zu erkennen an den roten Motto-Schals, die viele um den Hals oder an den Rucksack geknotet haben.

"Damit wir klug werden" lautet die Losung, rund 2500 Termine stehen auf dem Programm, das zu weiten Teilen eine Einladung zur Kontroverse ist: Es geht um Flüchtlinge, um die Homo-Ehe, um Ethik und Freiheit. Am Donnerstag legte die Ex-Bischöfin Margot Käßmann los, kritisierte die Profitgier, rief dazu auf, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die "sich bereichern, handeln und entscheiden, was nicht der Zukunft dient".

Und lag mit Wolfgang Schäuble über Kreuz, als sie mit Blick auf Griechenland den Erlass von Schulden als "biblisches Gebot" bezeichnete, während der Finanzminister warnte, ein solcher Schritt enteigne Sparer.

Der Kirchentag besteht aber nicht nur aus Podien; im Bad Cannstatter Neckarpark herrscht Volksfest-Stimmung. Gitarrenklänge mischen sich da mit Posaunentönen, der Duft von Falafel und Pommes durchzieht die Luft. Vier Eindrücke vom zweiten Tag.

Gauck dankt Gott für die Katholiken

Joachim Gauck: Freut euch, Katholiken!
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Joachim Gauck: Freut euch, Katholiken!

Fünf Minuten bevor es losgeht, tritt Joachim Gauck aus dem Schatten der Bühne in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Tausende erwarten ihn, der Eingang ist längst geschlossen. Gauck winkt kurz und setzt sich. Scheinwerfer tauchen die Bühne in rotes Licht. Gauck soll streiten, mit dem Soziologen Hartmut Rosa, es geht um das Thema "Gutes Leben. Kluges Leben".

Rosa findet, die Gesellschaft habe sich der Wirtschaft unterworfen, es herrsche ein "Grundmodus der Angst", die Menschen seien Sklaven des Wachstums. Er fordert weniger Wettbewerb und ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle.

Der Bundespräsident hält dagegen, warnt vor den Folgen für die Menschen, wenn es kein Wachstum mehr gibt. "Ich möchte mal die Mehrheit sehen, die in Deutschland bereit wäre, solche Einschränkungen zu akzeptieren." Und dann sagt Gauck, das Gejammer über die Zukunft sei eher protestantisch. "Ich preise manchmal meinen Schöpfer dafür, dass er die Katholiken erschaffen hat." Die könnten sich auch mal freuen.

Der einsame Missionar

Johannes Buhl: Viele Themen, zu wenig Botschaft?
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Johannes Buhl: Viele Themen, zu wenig Botschaft?

Johannes Buhl ist 30, er trägt Jeans und ein dunkel kariertes Hemd, in den Händen hält er einen Stapel Flyer. Mit der rechten Armbeuge reckt er ein Schild in die Höhe, auf dem der Satz steht: "Jesus rettet". Seit dem frühen Morgen streift Buhl, ein promovierter Ingenieur aus dem Westerwald, über das Festgelände und verteilt die Handzettel.

"Ich denke, dass die Kirche heute nicht mehr so die Botschaft von Jesus Christus nahebringt", sagt er. Buhl will die Leute zur Umkehr anleiten. "Wenn wir zu Gott wollen, brauchen wir die Vergebung der Sünden." Beim Kirchentag gehe es um Umwelt, um Politik, "um tausend Sachen". Dass Christus der Retter sei, diese Botschaft komme kaum vor. Auf den Zetteln, die Buhl verteilt, steht: "Ohne Worte."

Leo liebt Johannes

Hat Buhl etwa recht? "90 Minuten für sexuelle Vielfalt" heißt der Workshop, den die Evangelische Jugend Berlin anbietet. Etwa 60 Teenager haben sich in einem großen Stuhlkreis versammelt, vier von ihnen führen ein Rollenspiel auf. Sie mimen Kati und Lisa, Leo und Johannes. Lisa vermutet, dass die 16-jährige Kati sich zur erheblich älteren Pastorin hingezogen fühlt. Es kommt heraus, dass Leo schwul ist und sich in Johannes verliebt hat.

Danach darf diskutiert werden. Ein Mädchen bittet die Runde um Handzeichen: "Wer glaubt, dass Liebe einfach da ist und man sich nicht entscheiden kann?" Die meisten Finger schnellen hoch. Ein älterer Herr sagt: "Gefühle kann man nicht steuern, man kann sie nur sortieren." Dann sollen sich die Teilnehmer in fünf Gruppen aufteilen - und sich vorstellen, eine bestimmte sexuelle Vorliebe zu haben. "Schwule in die Ecke, Trans in die Mitte", sagt die Leiterin der Runde.

Klugscheißer gesucht

Daniel Schumacher und Katrin Weber auf ihren Klo-Attrappen
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Daniel Schumacher und Katrin Weber auf ihren Klo-Attrappen

Am Stand der "Jugendinitiative der Nachhaltigkeitsstrategie Baden-Württemberg" haben sie das Motto des Kirchentags verjuxt. Unter einem Zelt stehen vier Klositze, daneben drei Attrappen eines Plumpsklos. "Klugscheißer-Ecke" steht darüber. Wer vorbei flaniert, darf sich auf ein stilles Örtchen setzen und darüber nachdenken, wie man die Umwelt schonen kann.

Wer einen Vorschlag macht, darf ihn an eine Pinnwand pappen. "Man könnte, wenn es hell ist, nicht das Licht im Wohnzimmer anmachen", hat einer geschrieben. Die Theologie-Studenten Daniel Schumacher und Katrin Weber stehen als Standbetreuer daneben. "Wir fanden die Idee witzig", sagt Weber. Viele Leute, sagt sie, blieben stehen. "Und viele machen Selfies."



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