Christian Wulff beim Kirchentag "Ich bin nicht mehr der Alte"

Er musste als Bundespräsident zurücktreten - und durchlebte eine Lebenskrise. Auf dem Kirchentag erzählte Christian Wulff nun, wie die Bibel ihn Gelassenheit lehrte. Und warum ihm australische Manschettenknöpfe Mut machten.

Christian Wulff in Stuttgart: "Hüten wir uns vor Hybris"
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Christian Wulff in Stuttgart: "Hüten wir uns vor Hybris"

Von , Stuttgart


Als Christian Wulff nach gut zwei Stunden die Liederhalle verlässt, sagt er den Satz, der bleiben wird von seinem Auftritt in Stuttgart. "Ich bin viel gelassener geworden." Und er gibt sich Mühe, diesen Eindruck optisch zu vermitteln. Der 55-Jährige lacht viel, das Gesicht hat eine gesunde Bräune, über dem Gürtel wölbt sich wieder ein kleiner Bauchansatz.

Er sah schon einmal anders aus. Dünn, verhärmt, verbittert. "Klug sein angesichts der Unergründlichkeit des Lebens", so heißt das Thema der Bibelarbeit, die Christian Wulff für die Besucher des Kirchentages hält. Was für ein Thema für den Mann, der es bis zum Bundespräsidenten brachte - und dann tief fiel. Rücktritt, Korruptionsprozess, Trennung.

Die Zeiten sind vorbei. Wulff ist freigesprochen worden, er lebt seit Kurzem wieder mit Gattin Bettina zusammen und arbeitet als Anwalt. Ein Elder Statesman möchte er sein. Am Rednerpult des Hegel-Saals erzählt er, was der Bibeltext aus dem Buch der Prediger bei ihm ausgelöst hat. "Ein jegliches hat seine Zeit", heißt es da. Und "dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende".

Durchwachte Nächte

Noch bis zum Sonntag versammeln sich rund 200.000 Gäste zum Evangelischen Kirchentag in Stuttgart. Hunderte Termine stehen auf dem Programm, Podien und Workshops laden zu Diskussionen ein über Flüchtlinge, Homo-Ehe, Wirtschaft und Ethik. Ein Merkmal ist, dass Politiker und Wirtschaftsleute in ungewohnten Rollen auftreten, wenn sie sich vor Publikum mit der Bibel befassen. Für Christian Wulff war es einer seiner eher seltenen öffentlichen Auftritte.

Auf der Bühne erzählt er, dass er in seiner Lebenskrise Nächte durchwachte. Dass er haderte mit der Frage, ob sein ganzer politischer Einsatz umsonst gewesen sei. "Alles" habe er verloren geglaubt. Der Bibeltext habe ihn Demut gelehrt. "Hüten wir uns vor der Hybris, dass es uns gut geht, weil wir alles richtig machen." Ja, auch er habe Fehler gemacht, gesteht er ein.

Zugleich verheiße die Bibel, dass Gott einen Plan hat. Dass es nach Zeiten einer Krise auch bessere Zeiten gibt. "Geholfen hat mir, mich nicht als Opfer zu sehen, sondern als Mitspieler, der auch handeln kann, wenn andere ihn schlecht behandeln."

Vorbild Känguru

Aufgerichtet habe ihn etwa der australische Botschafter, der ihm Manschettenknöpfe schenkte mit eingravierten Kängurus. "Weil Kängurus nur nach vorn laufen können." Genossen habe er es, jüngst über den Jakobsweg zu pilgern. "Erst bei Wanderungen in der Natur stellt man fest, wie wenig man zu einem glücklichen Leben braucht." Die Quelle der Lebensfreude, sagt Wulff, "liegt nicht in Macht, in Reichtum".

Es ist das Bild eines Geläuterten, das Wulff von sich zeichnet. "Ich bin nicht mehr der Alte und hoffe, mich entwickelt zu haben", sagt er. Auch wenn der Groll nicht ganz verschwunden ist. Von den Spitzen der Kirchen habe er sich während seiner Krise im Stich gelassen gefühlt, sagt der Katholik Wulff. Und er hoffe, dass "manche Staatsanwälte und Journalisten künftig selbstkritischer" sein würden.

Nach seinem Vortag diskutiert Wulff in kleinem Kreis mit etwa 50 Teilnehmern. Es meldet sich ein grüner Kommunalpolitiker. Er sagt, er habe damals Häme empfunden, als Wulff strauchelte. "Für diese Häme möchte ich mich entschuldigen." Dann steht eine ältere Dame auf. Als CDU-Mitglied tue es ihr leid, dass sie Wulff nie aufmunternd geschrieben habe. "Ich möchte mich entschuldigen."

Wulff deutet ein Lächeln an. Ein jegliches hat seine Zeit.



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joergalexander 05.06.2015
1. Das verlorene Schäfchen
Ach, hat er nun im Glauben Trost erfahren - das verlorene Schäfchen kehrt zurück!? Warum nur erkenne ich bei Wulff nach wie vor kein Unrechtsbewusstsein? Weil er kein Unrecht (Vorteilsnahme im prozessrechtlich belegbaren Sinn) begangen hat oder weil er kein Unrechtsbewusstsein hat? Gegenüber anderen hatte er sich aber immer als strengster Richter aufgespielt, aber auch dies scheint in seiner Reflektion keine Rolle zu spielen, so dass ich in seiner neuen Frömmigkeit weiterhin fundamentalen Egoismus in neuem Gewand erkenne.
sober 05.06.2015
2.
Ich möchte nicht hämisch sein, nur eine kleine Anmerkung machen: Wer sein Leben lang im materiellen Wohlstand lebte, keine diesbezügliche Not kennt, sollte sich zurückhalten mit klugen Sprüchen darüber, dass Reichtum nicht erfüllend sei und es wenig bedürfe, glücklich zu sein.
rudy532 05.06.2015
3.
Kängurus hüpfen nach vorne!Ist ja irre.Diese fundamentale Erkenntnis zeigt einmal mehr,wie Religion dem menschlichen Hirn auf die Sprünge helfen kann.Bleibt nur zu hoffen,dass der Herr uns vor weiteren profunden Aeusserungen des ehemaligen Bundespräsidenten schützen wird.
bellfleurisse 05.06.2015
4. Unerträglich
"Und er hoffe, dass "manche Staatsanwälte und Journalisten künftig selbstkritischer" sein würden." Selbstkritik hätte Wulff schon als Ministerpräsident gut getan. Zu seiner Zeit dort hat die Staatsanwaltschaft Hannover mehr mit Feigheit als mit guter Ermittlung geglänzt. Selbstkritik könnte er auch üben im Bezug auf seinen Umgang mit den Medien. Der Mann ist juristisch unschuldig, aber jeder weiß, dass Recht und Gerechtigkei t nun mal nicht immer das gleiche ist Er ist nicht mehr der Alte? Seine Äußerungen sprechen die gleiche Sprache wie die früheren.
wernerwenzel 05.06.2015
5. Wulff ist doch das Opferlamm,
das eine durch und durch vom Mammon (oder wie der hieß) verseuchte Gesellschaft wie den Sündenbock als Pfingstochsen gebraten hat. Bravo, da könnt ihr stolz drauf sein, liebe Mitbürger! Nur gut, dass die Kirche diese armen Kreaturen heute leben lässt und ihnen sogar ein Mikro anvertraut. Vielleicht kommt D zur Vernunft und wählt den armen Gebeutelten ein zweites Mal. Diesmal in einer Volksabstimmung. 90% sind ihm gewiß.
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