Kleinkrieg ums Chelsea-Hotel Abgehackter Fischkopf in der Post

Jeder New-York-Fan kennt das Chelsea Hotel, die legendäre Billigabsteige für Künstler und Touristen in Manhattan. Seitdem ein neues Management begann, das Kult-Haus in eine Nobelherberge zu verwandeln, tobt ein skurriler Psycho-Krieg.

New York - Ach, die Geschichten. Ed Hamilton kann sie stundenlang erzählen. Etwa die von Hiroya, dem verrückten Maler aus Japan, mit dem er sich das Flurklo teilte: Der magerte durch seine Heroinsucht zum Skelett ab und nahm sich dann das Leben. Oder die von Dee Dee Ramone, dem Leadsänger der Kultband "Ramones", der in Unterhose an Hamiltons Tür klopfte, um sich, in seiner ganzen tätowierten Punkerpracht, über den Lärm zu beschweren.

Oder die von Sean Penn, der zwei Tage nach seinem Oscar-Gewinn im Fahrstuhl stand, in vollem Make-up für seinen nächsten Film: "Glückwunsch!", rief ihm jemand zu, doch Penn schwieg eiskalt. Oder natürlich - besonders beliebt - die vom Rocker Sid Vicious, dessen Freundin eines Morgens erstochen im Bad von Zimmer 100 lag. Vicious wurde der Mord nie nachgewiesen, da er kurz vor dem Prozess 1979 an einer Überdosis starb.

"Es gibt auf der ganzen Welt keinen Ort wie diesen", sagt Hamilton. Der Schriftsteller hockt auf seinem Bett in Zimmer 819 des Chelsea Hotels, in der Hand eine Tasse Tee. Seine Freundin Debbie Martin sitzt daneben auf einem wackligen Stuhl. Der kleine Raum ist ein rappelvolles Museum, in dem sich Alltagsgegenstände und Kunstobjekte mischen: senfgrüner Teppichboden, in der Mitte ein Kickertisch, an der Wand ein paar grelle Bilder besagten Japaners Hiroya.

Hamilton, 46, und Martin, 47, sind zwei der rund 220 Dauermieter dieser weltberühmten Billig-Künstlerabsteige in Manhattan. 90 der 250 Zimmer werden an Touristen vermietet. Seit 1995 leben die beiden hier. Hamilton ist der inoffizielle Chronist des Chelsea: Sein Buch "Legends of the Chelsea Hotel"* kommt im Herbst auf den Markt, sein Blog "Living With Legends"  ist Pflichtlektüre für alle Chelsea-Fans. Vor allem jetzt, bei dem ganzen Drama.

Verrat und Ausverkauf

Denn den tollen Bohème-Schmankerln von damals haben sich neuerdings ganz andere Geschichten hinzugesellt. Und die jagen den Bewohnern hier eher Angst ein: Geschichten von einem neuen, mysteriösen Management, von Mafia-Methoden, Räumungsbescheiden, kryptischen Drohungen, unangekündigten Bauarbeiten und einem gefeuerten Hotelchef, der trotzdem weiter zum Dienst erscheint.

Und so überschlagen sich in dem 124-jährigen Mammut-Gemäuer an der West 23rd Street, in dem die Zeit immer still stand, plötzlich die Ereignisse. Ein Gerücht jagt das nächste. Von einem hausinternen Coup ist die Rede, von Verrat und Ausverkauf. "Wer weiß", sagt Hamilton, "wie lange wir noch bleiben können."

Das ganze Theater begann Mitte Juni. Da fanden die Bewohner plötzlich einen Zettel am Concierge-Tresen: "Stanley Bard ist nicht länger der Manager des Chelsea Hotels." Das war ein Schock: Bard, 73, ist ja einer der drei Besitzer und managte das Chelsea seit über 50 Jahren. Seine knorrige Gestalt gehörte zum Mobiliar wie die abgewetzten Plüschsessel in der Lobby. Stattdessen, so wurden die Gäste informiert, werde das Chelsea fortan von Profis geführt - und zwar einem Luxushotelkonzern.

Profis? Luxus? Konzern? Furchterregende Fremdwörter! 1883 als Apartmenthaus erbaut, dient der zwölfstöckige Backstein-Koloss seit 1905 als Unterkunft für Kurz- und vor allem Dauergäste. Und von jeher waren das Künstler, Aussteiger und andere schräge Vögel gewesen, die sonst auf der Straße gesessen hätten. Zum Beispiel Mark Twain und Tennessee Williams.


*Ed Hamilton: "Legends of the Chelsea Hotel", Thunder's Mouth Press, 352 Seiten, USA, September 2007

Heim der Stars, Hort der Kunst

Ein Jahrhundert lang war das Chelsea Hort und Muse für oft brotlose Kunst; Lobby und Treppenhaus sind bis heute eine Gratis-Galerie. Arthur Miller, der hier nach seiner Ehe mit Marilyn Monroe lebte, schrieb im Chelsea "Nach dem Sündenfall". Bob Dylan schrieb hier "Sad Eyed Lady of The Lowlands". Leonard Cohen hatte hier Sex mit Janis Joplin und verewigte das in dem Song "Chelsea Hotel No. 2". Joni Mitchell schrieb "Chelsea Morning". Was wiederum Bill und Hillary Clinton inspirierte, ihre Tochter Chelsea zu taufen.

Weitere prominente Mieter: Jack Kerouac, Simone de Beauvoir, Jean- Paul Sartre, Edith Piaf, Stanley Kubrick, Iggy Pop, Patti Smith, Robert Mapplethorpe, Gore Vidal, Jane Fonda, Jimi Hendrix, Dennis Hopper. Und Madonna, die hier in den Achtzigern lebte und später ihr "Sex"-Buch fotografierte, in Zimmer 822. Zur jüngeren Chelsea-Generation gehörten die Filmstars Ethan Hawke und Uma Thurman.

Klar, dass der Schreck im Juni also groß war. Ein Luxushotelkonzern? Schnell fanden die Mieter heraus, wer sich dahinter hinter verbarg: BD Hotels, die Firma der Mogule Richard Born und Ira Drukier, die mehrere schicke Design-Hotels in Manhattan besitzen.

Eigentlich war es ja abzusehen. In Manhattan, wo der Immobilienmarkt bis heute boomt und jedes morsche Lagerhaus in geklonte Millionen-Dollar-Lofts umgewandelt wird, ist das Chelsea ein einsamer Anachronismus. Trotzdem: ein Design-Hotel? Da kam den Fans das Grausen.

"Ein magisches Gebäude"

Allein, ganz einfach war die Schlüsselübergabe nicht. Das Chelsea gehörte seit 1945 drei Familien, deren Erben es heute noch besitzen. Einer dieser Erben ist eben Stanley Bard, der seit 1957 an der Rezeption stand und den Laden nach Gutdünken schmiss, zuletzt mit Sohn David. Die beiden anderen Erben, David Elder und Marlene Krauss, waren stille Partner.

Offenbar gab es einen internen Machtkampf, den die Bards verloren. Stanley Bard wurde von seinen Tagesaufgaben an der Rezeption entbunden und zum "Hotelbotschafter" degradiert, also zu einer Art Grußonkel.

Marlene Krauss, die sonst eine Investment-Firma leitet, warf Bard "Missmanagement" vor. Das Haus sei "peinlich" heruntergekommen und letztes Jahr nur zu 65 Prozent belegt gewesen. Es gebe zu viele Langzeitmieter. Man werde deshalb nun "jeden Fall einzeln klären". Drukier erklärte, er wolle das Chelsea zu einem "Kronjuwel von New York City" machen - was die Angst der Bewohner nur noch verstärkte.

"Dies ist ein magisches Gebäude", sagt der Musiker Tim Sullivan, der seit 1982 im Chelsea lebt. "Es ist magisch wegen der Leute, die hier gelebt haben und leben. Es ist der einzige Grund, aus dem andere Gäste herkommen."

Fischkopf in der Post

An den Balkons zur 23rd Street hinaus tauchten Protestbekundungen auf. "Bring Back the Bards", schrieben Widerständler auf Bettlaken, die sie an die Geländer hängten. Das Künstlerpärchen Joe und Casebeer Myers aus Arizona checkte mit T-Shirts ein, auf denen sie ebenfalls die Wiedereinsetzung Stanley Bards forderten.

Bard selbst tat derweil, als sei nichts geschehen. Jeden Morgen kreuzte er weiter mit seinem Kaffeebecher an der Rezeption auf.

Misstrauisch beäugten die Bewohner, wie plötzlich der Grand Ball Room renoviert wurde. Aus der alten "Star Lounge", der Kellerbar, so munkelte man ferner, solle ein Spa werden.

Dann rückte eines Tages ein Bombenteam der Polizei an. Jemand hatte, ganz im Stil des Mafia-"Paten", dem verhassten Mitbesitzer David Elder ein verdächtiges Päckchen ins Postfach gesteckt. Darin: ein abgehackter Fischkopf.

"Sie checken am Montag aus"

Elders Privatleben kam ans Licht. Etwa, dass er mit seinem Stiefvater, dem Schriftsteller Piri Thomas, in einem bitteren Erbstreit steht. Dabei geht es auch um 1,2 Millionen Dollar Einkünfte aus dem Hotel, die er Thomas vorenthalte. "Die Treuhänder haben uns übers Ohr gehauen", sagte Thomas der "Village Voice" über Elder und Krauss. "Sie haben das Geld ausgegeben, damit wir nichts kriegen."

Prominente Ex-Bewohner begannen sich zu melden. Zum Beispiel der Verpackungskünstler Cristo und seine Frau Jeanne-Claude, die in den sechziger Jahren hier lebten. "Eine Katastrophe", erklärten sie. "Das neue Management wird mit den hilfsbedürftigen Künstlern sicher nicht mehr so großzügig sein."

Die Schauspielerin Marisa Tomei, deren Foto lange an Bards Schreibtisch steckte, schickte ihm eine Notiz mit zwei Worten: "This sucks."

Einige Bewohner wollen nun versuchen, wertvolle Souvenirs aus den glorreichen Tagen zu versteigern und das Chelsea so zu retten. Der Filmemacher Sam Bassett arbeitet an einer Dokumentation: "Dies ist der letzte Ort auf dieser Insel, der sich noch einen fröhlichen, individualistischen Lebensstil bewahrt hat."

Ed Hamilton hat beim Wohnungsamt einen Antrag auf Mieterschutz eingereicht. Einige seiner Nachbarn, die noch nicht so lange hier wohnen, haben bereits Mahnungen des neuen Managements bekommen. "Wir sind entzückt, Sie als Gast zu haben", schrieb der neue Rezeptionschef Glendon Travis darin. "Unseren Akten zufolge checken Sie am Montag aus."

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