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12. April 2010, 19:30 Uhr

Kloster Ettal

180-Seiten-Protokoll über Prügel, Missbrauch und Sadismus

Hundert Schüler wurden an der Eliteschule Ettal offenbar missbraucht und misshandelt, 15 Geistliche stehen als Täter im Verdacht: Der Abschlussbericht des Sonderermittlers ist ein Protokoll des Unfassbaren. Der Vatikan macht indessen auf strenge Regeln aufmerksam, die schon seit 2003 gelten.

Ettal/Rom - Die Internatsschule des Klosters Ettal gilt als eine der besten in Bayern, der exzellente Ruf, den die Einrichtung über Jahrzehnte hinweg genoss, machte sie auch weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Seit vor knapp zwei Monaten bekannt wurde, dass auch in Ettal Schüler von Geistlichen und Lehrern brutal misshandelt und missbraucht wurden, kämpft das Institut um seine Reputation. Der Kurs heißt: schnelle, kompromisslose Aufklärung.

Wie groß das Ausmaß des Skandals in Ettal tatsächlich ist, zeigt der 180 Seiten lange Abschlussbericht des Sonderermittlers, der heute vorgelegt wurde: Rund 15 Mönche sollen sich demnach an mehr als hundert Klosterschülern vergangen haben.

Ende Februar hatte die Leitung des Klosters eingeräumt, dass es an der Schule über Jahrzehnte zu Übergriffen an Internatszöglingen gekommen war. Der Skandal weitete sich schnell aus. Rund hundert mutmaßliche Opfer meldeten sich bei dem Münchner Rechtsanwalt Thomas Pfister, der im März als Sonderermittler eingesetzt worden war. Sie berichteten von körperlicher Gewalt und sexuellem Missbrauch.

Prügelstrafen, sadistische Strafaktionen, unsittliche Annäherungsversuche: Die Liste der Anschuldigungen ist lang. Der Sonderermittler nannte die Berichte der ehemaligen Schüler glaubhaft und sprach von einer "systematisch praktizierten Kultur des Wegschauens und Verschweigens".

Die meisten der Vorfälle datieren aus den sechziger, siebziger und achtziger Jahren, Schläge seien jedoch bis in die neunziger Jahre im Kloster an der Tagesordnung.

"Schüler musste lebendige Nacktschnecke essen"

In den Blickpunkt der kircheninternen Ermittlungen sei ein langjähriger Abt des Klosters gerückt, der noch bis vor fünf Jahren dort tätig war.

Er soll Kinder geschlagen und seelisch gequält haben. "Noch am Sonntagabend berichtete mir ein früherer Schüler, dass er eine lebendige Nacktschnecke essen musste", sagte Sonderermittler Pfister. Der damalige Abt - er leitete das Kloster von 1973 bis 2005 - habe den Jugendlichen bei einer Bergwanderung zum Essen der Schnecke gezwungen, schilderte Pfister. Der langjährige Leiter des Klosters habe auch wiederholt die Köpfe von Schülern auf die Pulte geschlagen.

Pfister arbeitet im Auftrag des Erzbistums München-Freising. Sein Bericht wurde dem Erzbischöflichen Ordinariat in München und der Benediktinerabtei in Ettal übergeben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt zudem wegen sexuellen Missbrauchs von Patres an Schülern. Die meisten Misshandlungen sind verjährt und können daher nicht mehr vom Gericht bestraft werden.

Vatikan: Bei Missbrauchsfällen Polizei einschalten

Ein in seiner Deutlichkeit seltenes Zeichen kam in Sachen Missbrauch aus Rom: Auf einer Web-Seite des Vatikan wurde erstmals explizit die Zuständigkeit der Strafverfolgungsbehörden bei Fällen von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche betont.

"Die zivilen Rechtsvorschriften betreffend die Anzeige von Verbrechen bei den zuständigen Behörden sollten immer befolgt werden", heißt es in einer dort veröffentlichten Richtlinie.

Die Regeln sind nicht neu: Sie stammten aus dem Jahr 2003, erklärte Sprecher Ciro Benedettini. Der Vatikan hatte in den vergangenen Wochen stets betont, die katholische Kirche verfahre schon lange nach diesen Richtlinien. Dennoch erscheint es Beobachtern als bemerkenswert, dass man von kirchlicher Seite nun so deutlich darauf hinweist. Unter den katholischen Bischöfen in Deutschland beispielsweise war zuletzt noch kontrovers diskutiert worden, ob bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch durch Geistliche eine Anzeigepflicht bestehe.

Die Richtlinien sehen zudem vor, dass der Papst in sehr schweren Missbrauchsfällen einen schuldigen Priester auch ohne kirchenrechtlichen Prozess direkt in den Laienstand zurückversetzen kann.

Drei Kinder in Norddeutschland von Kaplan missbraucht

Ein neuer Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche Deutschlands wurde indes aus dem Erzbistum Hamburg bekannt. Ein heute 67-jähriger katholischer Geistlicher soll in den siebziger und achtziger Jahren als Kaplan in Bremen und Lingen Kinder missbraucht haben. Die Behörden prüfen nun, ob die Taten verjährt sind.

In Lingen sollen zwischen 1976 und 1983 zwei Mädchen betroffen gewesen sein, in Bremen 1972 oder 1973 ein Junge. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Bremen teilte mit, dass die Taten vermutlich verjährt sind. "Aber wir wollen uns das in Ruhe ansehen."

Der mutmaßliche sexuelle Missbrauch an dem Jungen soll dem Erzbistum bereits 2004 bekannt gewesen sein. Damals seien Unterlagen "in Bearbeitung gekommen", teilte das Erzbistum in seiner Anzeige mit.

Der Junge aus schwierigen Familienverhältnissen sei von seiner Tante mit nach Bremen genommen und bei dem Kaplan untergebracht worden. Dort habe er mindestens eine Nacht übernachtet. Der Kaplan soll die Situation ausgenutzt und das Kind sexuell belästigt haben.

Der Sprecher des Erzbistums Hamburg sagte, man sei dem Vorfall schon 2004 nachgegangen, habe damals aber die Staatsanwaltschaft noch nicht informiert. "Da haben wir hinzugelernt", sagte Sprecher Manfred Nielen. Bis 1995 sei der Priester in einer Gemeinde in Albanien tätig gewesen. Er habe eine Therapieauflage bekommen. Im März sei er in Ruhestand versetzt worden.

ada/dpa/apn

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