Rückzieher Kölner Karneval stoppt "Charlie Hebdo"-Wagen

Ein Jeck stopft einem Terroristen einen Buntstift in den Waffenlauf - das Motiv sollte beim Kölner Rosenmontagszug für Meinungsfreiheit werben. Jetzt entschied das Festkomitee: Der Wagen wird nicht gebaut.
Rückzieher: Kölner Karneval stoppt "Charlie Hebdo"-Wagen

Rückzieher: Kölner Karneval stoppt "Charlie Hebdo"-Wagen

Foto: DPA/ Festkomitee Kölner Karneval

Köln - Mehr Motiv wagen - dieses Motto gilt offensichtlich nicht für den Karneval in Köln. Dort verzichtet man beim Rosenmontagszug auf einen umstrittenen Wagen, der den Anschlag auf das französische Magazin "Charlie Hebdo" satirisch aufgreifen sollte.

Das geplante Motiv: Ein Jeck stopft einem Terroristen einen Buntstift in den Waffenlauf. So wollte der Kölner Karneval eigentlich für den Schutz der Meinungsfreiheit werben. Der Entwurf hatte sich bei einer Abstimmung auf Facebook durchgesetzt. Er erhielt fast 2500 der mehr als 7000 Stimmen, die für insgesamt 14 Vorschläge abgegeben worden waren.

Das Festkomitee wies Berichte zurück, wonach Gruppen oder Karnevalsgesellschaften Ängste geäußert hätten, vor oder hinter dem geplanten "Charlie Hebdo"-Wagen zu gehen. Im Gegenteil hätten sich viele Gesellschaften für die Mitfahrt auf diesem Wagen beworben, um damit ein Zeichen für die Meinungsfreiheit zu setzen.

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Kölner Rosenmontagszug: Verzicht auf "Charlie Hebdo"-Wagen

Foto: DPA/ Festkomitee Kölner Karneval

Man stehe zur Botschaft des Motivwagens, allerdings habe es auch Rückmeldungen von besorgten Bürgern gegeben, teilte das Festkomitee mit . Im Karneval sei es wichtig, dass jeder ohne Sorgen fröhlich feiern könne. "Einen Persiflagewagen, der die Freiheit und leichte Art des Karnevals einschränkt, möchten wir nicht", schrieb das Komitee zur Begründung. Deshalb habe man entschieden, den Bau des Wagens zu stoppen und ihn nicht im Rosenmontagszug mitfahren zu lassen.

Abschreckendes Beispiel

Vor wenigen Tagen hatte das noch völlig anders geklungen: Es habe zwar auch Kommentare gegeben, ob die Morde von Paris überhaupt Thema im Karnevalszug sein sollten, sagte Zugleiter Christoph Kuckelkorn. "Dazu sagen wir ganz klar Ja, denn die Angriffe waren ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit - im Karneval auch bekannt als Narrenfreiheit." Nun kam der Rückzieher.

Die Lokalzeitung "Kölner Stadt-Anzeiger"  bewertete dies in einem Kommentar als richtigen Schritt. "Das Höchstmaß an Angst und Schrecken Anfang Januar und der Gipfel des karnevalistischen Frohsinns - das passt einfach nicht zusammen."

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE hatte Kuckelkorn bereits im vergangenen Jahr von Tabuthemen bei der Wagengestaltung gesprochen. "Wir achten darauf, keine religiösen Gefühle zu verletzen und im Bereich des guten Geschmacks zu bleiben."

Der Kölner Kabarettist Jürgen Becker mahnte damals an, brisante Themen im Karneval nicht auszuklammern - und pries ausgerechnet den Düsseldorfer Rosenmontagszug mit seinen gewagten Motiven als Vorbild.

"Wenn da so ein Wagen drin ist, dann wird der auch weltweit abgebildet, das ist der eigentliche Effekt", sagte Becker. Abschreckendes Gegenbeispiel sei der kreuzbrave Zug der Kölner.

Kritik am Vorgehen des Kölner Festkomitees im aktuellen Fall übte der nordrhein-westfälische Grünen-Chef Sven Lehmann. "Ich habe selber für das Motiv gestimmt und habe keinerlei Verständnis für die Entscheidung", sagte Lehmann. "Wie kann man einen so breiten Beteiligungsprozess machen und dann das Ergebnis einfach zurückziehen? Wenn Angst den Karneval überkommt, hat der Terror gewonnen."

wit/dpa/AFP