Köln am Tag danach »Jeder wusste, dass es zu einem Ausnahmezustand kommen wird«

Nach dem Karnevalsauftakt ist die gute Stimmung dahin. Die einen finden die Feierei verantwortungslos, die anderen alternativlos – ein Verbot hätte ihrer Meinung nach alles nur schlimmer gemacht.
Aus Köln berichtet Christian Parth
Jecken beim Karnevalsauftakt auf dem Kölner Heumarkt: »Das Bedürfnis war groß«

Jecken beim Karnevalsauftakt auf dem Kölner Heumarkt: »Das Bedürfnis war groß«

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

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Kurz bevor am Donnerstagvormittag in der Kölner Altstadt mit einem Donnerschlag die Konfettikanone knallt, kommt Oberbürgermeisterin Henriette Reker auf die Bühne. Ihr Auftritt zur Eröffnung der Kölner Karnevalssession vor etwa 10.000 Jecken dauert nur wenige Augenblicke. »Bleibt so weit wie möglich an der frischen Luft«, mahnt das Stadtoberhaupt. »Wir wollen alle nicht erleben, dass wir kritisiert werden.«

Schon wenige Stunden später passiert genau das. Bilder und Videos von einer völlig überlaufenen Kölner Amüsiermeile machen die Runde. Von Security-Mitarbeitern, die die Feiernden an den Eingängen zu den 2G-Zonen ohne jede Kontrolle einfach durchwinken. Von Tausenden Menschen, die draußen ohne Maske dicht gequetscht den 11.11. feiern.

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Geschminkt, geschunkelt – und geimpft

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Die Bilder lösen in ganz Deutschland Fassungslosigkeit aus. Eine Massenparty in einer Phase der Pandemie, in der Deutschland täglich neue Inzidenzrekorde aufstellt und Bundesländer wie Sachsen bereits wieder laut über einen Lockdown nachdenken. Auch Mediziner reagieren bestürzt auf das Gedränge. »Mich hat das gegraust«, sagte Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery in einem RTL-Interview. Seine Prognose: »Es werden nicht nur die Jecken darunter leiden, sondern auch die, die sich von ihnen anstecken.«

»Als ›sexy Intubierte‹ in der Uniklinik«

Der Kölner Satiriker Jan Böhmermann spottete auf Twitter: »Alaaf! Heute als ›sexy Krankenschwester‹ auf der Zülpicher Straße, an Weihnachten als ›sexy Intubierte‹ in der Uniklinik!« Das RKI schickte sogar eine Warnung raus: Größere Veranstaltungen sollten möglichst abgesagt oder gemieden werden. Zumindest in Köln sorgte die Meldung der Berliner Virusexperten für Verwirrung. Sie wurde erst am Donnerstagabend versendet.

Da war das Treiben in Kölns Partyzonen längst aus dem Ruder gelaufen. Schon am Nachmittag sah sich Reker zu einer Stellungnahme genötigt. »Eine Vielzahl an Menschen ist geimpft, und genau die lassen wir auf die Veranstaltungsflächen«, sagte sie. Der 11.11. gehöre zum Kölner Brauchtum. »Man kann den Menschen nicht verbieten, in Angemessenheit und mit größter Verantwortung den 11.11. zu genießen. Etwas anderes werden sich die Menschen nicht mehr gefallen lassen.«

Ausdrücklich lobte sie die Kontrollen an den 2G-Zonen. Sie selbst, sagte Reker, sei am Morgen noch an einem Einlasspunkt abgewiesen worden, weil sie keinen Personalausweis bei sich gehabt habe.

Doch von der von Reker beschworenen Verantwortung will hier kaum einer noch sprechen. Die Bilder von den feiernden Massen hallen nach. In Köln herrscht am Freitag Katerstimmung. Kehrmaschinen fahren durch die Feierzonen, Männer in neonorangefarbenen Overalls pusten mit Laubbläsern den Partydreck von den Straßen und Gehwegen.

Manche Gastronomen sind noch immer fassungslos. Claudia Wecker ist Mitglied der Interessengemeinschaft Gastro Lateng und seit 1996 Inhaberin der Diskothek Das Ding, eines stadtbekannten Studentenklubs am Rande jener Partymeile, die gestern Schlagzeilen gemacht hat. Auch ihr Laden war am Donnerstag geöffnet. Auf die Kontrollen der Stadt wollte sich die 53-Jährige indes nicht verlassen, jeder Gast sei am Eingang erneut auf 2G gecheckt worden. »Ich bin entsetzt«, sagt sie. »Jeder bei der Stadt Köln wusste genau, dass es zu einem Ausnahmezustand kommen wird. Entsprechend gehandelt hat man aber nicht.«

Martin Schlüter, Wirt des Reissdorf am Hahnentor in der Innenstadt, ist ebenfalls schockiert. »Die Stadt hat es zugelassen, dass solche Bilder von Köln in die Welt geschickt werden. Das ist fahrlässig und imageschädigend.«

»Entscheidende Fragen nicht beantwortet«

Offenbar hätten sich Wecker, Schlüter und die anderen Wirte bei den Vorbereitungen zum 11.11. gern konkreter mit der Stadt abgestimmt. Doch die letzte geplante Sitzung des gemeinsamen runden Tischs vor dem Karnevalsauftakt ließ die Verwaltung platzen. »Aus überwiegend terminlichen Gründen«, wie die Stadt auf Nachfrage des SPIEGEL schreibt. Es habe ohnehin keinen Gesprächsbedarf mehr gegeben. Die Konzepte für den 11.11. seien bereits in der Septembersitzung besprochen worden, lässt die Stadt wissen.

Wecker und andere Wirte widersprechen und erheben im Gespräch mit dem SPIEGEL schwere Vorwürfe. Die Absage sei überraschend gekommen. »Entscheidende Fragen zum Sicherheitskonzept waren eben noch nicht beantwortet«, sagt Wecker. »Die Sitzung hätte zwingend stattfinden müssen. Die Stadt hat sich scheinbar weggeduckt, um sich mit möglichen Problemen nicht beschäftigen zu müssen.«

Allerdings will Wecker nicht der Stadt allein die Schuld geben. Es sei eine politische wie rechtliche Gemengelage. Eine Absage, das glauben auch viele Wirte hier, wäre trotzdem die falsche Entscheidung gewesen. »Die Leute wären trotzdem gekommen, das Feiern war nicht verbietbar«, sagt Wecker. »Also ist es besser, das kontrolliert zu tun. Auch wenn sich das heute vielleicht komisch anhören mag.«

Die Stadt und der organisierte Karneval aber wollen sich die Stimmung trotz massiver Kritik nicht vermiesen lassen und verteidigen das Vorgehen. Es sei alles weitgehend gut gelaufen, beteuert Christoph Kuckelkorn, Chef des mächtigen Kölner Festkomitees. »Für die Kölner gehört der Karneval fest zum Leben, und das Bedürfnis danach war groß«, sagt er. »Deshalb müssen wir einen Tag wie den 11.11. so gut wie möglich organisieren, weil sonst Eskalationen drohen.«

Auch das NRW-Gesundheitsministerium glaubt, dass ein kurzfristiges Verbot zu einer »kaum beherrschbaren unorganisierten Situation« geführt hätte, schreibt ein Sprecher auf Anfrage des SPIEGEL. Eine Absage der kommenden Session schließt die Behörde bislang aus. Es sei »rechtlich nicht vertretbar, Geimpfte, die durch die Impfung auch einen solidarischen Beitrag zum Gesundheitsschutz und zur Ermöglichung einer Normalisierung des gesellschaftlichen Lebens erbracht haben, weiter von bestimmten Angeboten durch Verbote auszuschließen«. Im Gegenteil: Aufgrund des aktuellen Infektionsgeschehens seien weitere Maßnahmen gegen Ungeimpfte denkbar.

»Im Frühjahr dasselbe Desaster«

Die Stadt Köln fürchtet, dass ein Verbot sogar negative Auswirkungen auf die Impfkampagne haben könnte. Mit anderen Worten: Wer nicht Karneval feiern darf, wird sich auch nicht impfen lassen. Doch es gibt auch einen Hauch von Selbstkritik. Am Montag, schreibt die Stadt auf Anfrage, werde der Krisenstab zusammenkommen und gemeinsam mit der Polizei die Geschehnisse des 11.11. aufarbeiten. Es soll besprochen werden, »was gut funktioniert und was weniger gut funktioniert hat, um dann gegebenenfalls für den Straßenkarneval im Frühjahr 2022 nachsteuern zu können«.

Das ist laut Discobesitzerin Wecker auch dringend nötig. »Wenn jetzt nichts passiert, wird es im Frühjahr dasselbe Desaster geben.«

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