Benjamin Maack

Übergriffe in Köln Vorsicht vor der Angst

Nach den Straftaten vor dem Kölner Hauptbahnhof sind viele Menschen beherrscht von Wut und Vorurteilen. Diese Emotionen helfen weder den Opfern noch der Polizei, sie vermehren nur die Angst. Unsere Aufgabe ist jetzt eine andere.

Wenn jemand Opfer einer Straftat wird, ist es nicht wichtig, aus welchem Land der Täter kommt. Wichtig ist, dass die Gesellschaft den Betroffenen hilft. Nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln wird zu viel über die Täter spekuliert und zu wenig an die Opfer gedacht.

Wenn jemand eine Straftat begeht, muss diese Person dafür zur Verantwortung gezogen werden - egal aus welchem Land sie kommt. Damit der Rechtsstaat dafür sorgen kann, müssen diese Menschen so gut es geht beschrieben werden. Dabei können auch Hautfarbe oder Akzent helfen.

Verschiedene Zeugen beschreiben die Täter der Silvesternacht als "keine mitteleuropäischen Leute", als "nordafrikanischer Herkunft". Der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers spricht von Tätern, die "überwiegend aus dem nordafrikanischen beziehungsweise arabischen Raum" stammen.

Diese Informationen sind wichtig für die Polizei. Doch in der Bevölkerung scheinen diese Angaben hauptsächlich Angst, Wut und Vorurteile zu schüren. In E-Mails an SPIEGEL ONLINE fragen Leser, warum nicht offensiver darüber gesprochen wird, wie die Täter aussahen. In sozialen Netzwerken wird sogar von "Flüchtlingstätern" gesprochen. Das hilft keinem. Nicht den Opfern, nicht der Polizei, nicht den Menschen in diesem Land. Niemand, der nicht Zeuge oder Opfer dieser Taten war, kann zur Klärung dieser Vorfälle beitragen. Vorverurteilungen instrumentalisieren lediglich die Erlebnisse der Opfer.

Ein Albtraum für die Betroffenen

In der Silvesternacht auf dem Platz vor dem Kölner Dom wurden etliche Frauen angegangen, beschimpft, sexuell belästigt, bestohlen. Von wem sie angegriffen wurden, ist bis dato nicht klar. "Mir wurde unter mein Kleid und an mein Gesäß gegriffen", berichtete eine 22-Jährige im "Kölner Stadt-Anzeiger". Ein Vater erzählt, dass er in der Menge von seiner Partnerin, seinem kleinen Sohn und seiner 15-jährigen Tochter getrennt wurde: "Die Angreifer hatten ihr und meiner Lebensgefährtin an die Brust und zwischen die Beine gegriffen. Sie hatten versucht, in Jeans und den Slip zu kommen."

Keine Frage: Was sich in dieser Nacht abgespielt hat, ist für die Betroffenen ein Albtraum.

Auf Facebook und in E-Mails bezeichnen Leser uns als "widerliche Beschwichtiger und Realitätsverdreher" oder "linksverseuchtes Gutmenschenpack" und regen sich darüber auf, dass über "mutmaßlich rechtsextreme" Verbrechen geschrieben wird, jetzt aber wieder niemand aufsteht und sagt: "Die Ausländer waren's." Diesen Menschen kann man ganz leicht erklären, warum dies nicht geschieht: weil es Unsinn ist.

Weil Deutschland seit Generationen ein multikultureller Ort ist, weil es nichts über Nationalität oder Herkunft verrät, wenn ein Mensch "nordafrikanisch" aussieht oder "nicht mitteleuropäisch". Es gibt in Deutschland Zehntausende, die nicht aussehen wie das Klischee vom Deutschen und die doch seit Generationen hier leben, hier aufgewachsen sind, unsere Sprache sprechen, hier arbeiten, einen deutschen Pass haben. Ja, es gibt auch Flüchtlinge. Aber wer diese Menschen pauschal verdächtigt, hilft nicht bei der Aufklärung dieser Fälle, er spielt Rechten in die Hände.

Hinweise mit Vorsicht behandeln

Dabei geht es nicht darum, unbequeme Informationen unter den Tisch zu kehren, sondern die wenigen vorhandenen Hinweise mit Vorsicht zu behandeln. Das Vorgehen der Täter etwa, die sexuelle Belästigung und Herabwürdigung der Frauen auf offener Straße, könnte Hinweise auf den kulturellen Hintergrund geben. Diese Form des Übergriffs ist laut einer Studie der Vereinten Nationen in einigen Ländern des arabischen Raums verbreitet. Das Anmachen, Beleidigen oder auch das Grabschen an Hintern, Brust oder in den Schritt gehört dort mitunter zum traurigen Alltag.

Sind jetzt deshalb alle nordafrikanisch aussehenden Männer verdächtig? Rechtfertigt dieser pauschale Verdacht die geifernde Hetze im Netz? Nein. Die einzige Folge dieses Pauschalverdachts ist eine Vermehrung der Angst. Die Angst von Frauen, die an einer Gruppe von "nicht mitteleuropäisch" aussehenden Männern vorbeigehen. Aber auch die Angst von "nicht mitteleuropäisch" aussehenden Menschen in Deutschland, die fürchten, von anderen vorverurteilt und in Sippenhaft genommen, vielleicht angegriffen zu werden.

Aber hier geht es um die Aufklärung geschehener Verbrechen, nicht um fadenscheinige Rechtfertigungen für neue Anschläge.

Deshalb lautet die wichtigste Frage: Wie gelingt es, in einer so schwierigen Situation gemeinsam dafür zu sorgen, dass es etwas weniger Angst gibt?

Vielleicht können wir damit anfangen, aufzuhören, ohne Beweise ganze Menschengruppen zu verurteilen.