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18. März 2009, 16:34 Uhr

Kondom-Debatte

Vatikan rechtfertigt Äußerung des Papstes

Der Papst lehnt Präservative als Mittel im Kampf gegen Aids ab: Das machte Benedikt XVI. zu Beginn seiner Afrika-Reise deutlich und stieß weltweit auf Unverständnis. Nun hat sein Sprecher versucht, die Äußerungen zu erklären - und geißelt die "Ideologie des Vertrauens in das Kondom".

Yaoundé - "Kondome verschlimmern das Aids-Problem" - die lebensferne Botschaft des Papstes auf seinem Flug nach Afrika sorgt für Verwunderung und Entrüstung. Nun hat sein Sprecher versucht, die Äußerungen zu erklären. Der Papst habe das Augenmerk auf die "Erziehung zur Verantwortung" legen wollen, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi am heutigen Mittwoch vor Journalisten in Kameruns Hauptstadt Jaunde.

Nach Ansicht der Kirche sei es nicht richtig, eine "Ideologie des Vertrauens in das Kondom" zu entwickeln. Hinsichtlich des Aids-Problems sei während der Afrika-Reise des Papstes keine Änderung der Position des Vatikans zu erwarten, sagte Lombardi. "Benedikt hat die Linie wiedergegeben, die schon Johannes Paul II. bestätigt hat."

Die Kirche verfolge im Kampf gegen Aids drei Richtungen, sagte der Vatikan-Sprecher. Dazu zählten Erziehung zur sexuellen Verantwortung und die Kräftigung der familiären Werte, wirksame Behandlungsmethoden und die Pflege der Betroffenen. "Sich auf Kondome zu konzentrieren, das ist nicht der richtige Weg", sagte Lombardi. Das Vertrauen auf Präservative im Kampf gegen die Aids-Verbreitung sei fragwürdig. Es sei nicht so, dass man die Epidemie mit Kondomen stoppen könne.

Vor seiner Ankunft in Kamerun hatte der Papst gesagt, das Aids-Problem lasse sich nicht "durch die Verteilung von Kondomen regeln. Ihre Benutzung verschlimmert vielmehr das Problem." Die Lösung liege vielmehr in einem "spirituellen und menschlichen Erwachen", sagte der Papst bei seinem Flug nach Afrika.

Auf seine umstrittenen Äußerungen ging das katholische Kirchenoberhaupt am Mittwoch nicht mehr ein.

International haben die Äußerungen heftige Kritik ausgelöst. Frankreich sei "sehr stark beunruhigt" über die Folgen der Papst-Äußerungen, sagte ein Sprecher des Außenministeriums am Mittwoch in Paris.

Die französische Regierung kritisierte deutlich die Äußerung des Papstes, der Gebrauch von Kondomen verschlimmere das Aids-Problem. "Auch wenn es uns nicht zukommt, über die Kirchendoktrin zu urteilen, sind wir der Meinung, dass solche Äußerungen die öffentliche Gesundheitspolitik und das Gebot des Schutzes des menschlichen Lebens in Gefahr bringen", sagte der Sprecher des französischen Außenministeriums.

Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul und Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt erklärten gemeinsam in Berlin, Aids gehöre "nach wie vor zu den großen Bedrohungen der Menschheit". Bei der Bekämpfung "spielen Kondome eine entscheidende Rolle". Moderne Entwicklungszusammenarbeit müsse den Ärmsten der Armen Zugang zu Mitteln der Familienplanung wie Kondomen geben, hieß es in der Erklärung. "Alles andere wäre unverantwortlich."

Die belgische Gesundheitsministerin Laurette Onkelix erklärte, die Papst-Äußerungen mit "Sprachlosigkeit" zur Kenntnis genommen zu haben. Die Aussagen spiegelten eine "gefährliche" Ideologie wider.

Die Deutsche Aids-Hilfe kritisierte die Äußerungen "auf das Schärfste". "Angesichts des millionenfachen Leids durch HIV und Aids auf dem afrikanischen Kontinent ist die kategorische Ablehnung des Kondoms durch den Vatikan zynisch und menschenverachtend", erklärte die Organisation in Berlin. Der Papst müsse seine kompromisslose Haltung gegen das Kondom aufgeben, um "die HIV-Prävention nicht länger zu behindern".

Auch in der Kirche stießen die Äußerungen auf Widerspruch. "Wer Aids hat und sexuell aktiv ist, wer wechselnde Partnerschaften sucht, muss andere und sich selber schützen", schrieb der katholische Weihbischof Hans-Jochen Jaschke in einem Beitrag für die neue Ausgabe der Wochenzeitung "Die Zeit". "Also: kein Tabu beim Thema Kondom, aber auch keine Mythen und Verharmlosungen, als sei damit die Welt in Ordnung."

Die Theologin Uta Ranke-Heinemann warf Benedikt XVI. ein "Verbrechen in Form von tödlicher Irreführung der Menschheit" vor, wie sie SPIEGEL ONLINE schriftlich mitteilte. "Ich klage ihn an, an Krankheit und Tod vieler Menschen die Schuld zu tragen", schrieb die Kirchenkritikerin. Sie verlange vom Vatikan, "allen betroffenen Ehefrauen (...) medizinische Versorgung zu finanzieren und ihnen und ihren Familien Schadenersatz zu leisten".

Auch das Weltkinderhilfswerk Unicef reagierte mit Unverständnis auf die Äußerungen des Papstes. Erwachsene und Jugendliche müssten wissen, wie man sich vor Aids schützen könne, sagte die deutsche Geschäftsführerin Regine Stachelhaus dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Und Kondome seien nun einmal Teil der weltweiten Aufklärungskampagnen. Auch Politiker äußerten sich kritisch. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte der "Hamburger Morgenpost": "Bei allem Respekt vor dem Papst, und ich bin selbst Katholik, aber diese Position halte ich für absurd." Als "höchst unverantwortlich" bezeichnete die Grünen-Chefin Claudia Roth die Haltung Benedikts. "Der Papst setzt damit eine kontraproduktive, destruktive, lebensfremde und liebesfeindliche Politik fort, die jeglichen vernünftigen Ansatz bei der Bekämpfung der HIV- und Aids-Epidemie zunichte macht", sagte sie dem Blatt.

In seinen vier Jahren im Amt hatte Benedikt die öffentliche Diskussion der Kondom-Frage bisher stets ausgespart. Seine konservative Haltung dazu ist jedoch hinlänglich bekannt. Sein Vorgänger Johannes Paul II. hatte stets erklärt, nicht Kondome, sondern sexuelle Abstinenz seien der beste Weg, die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern.

Der im vergangenen Jahr verstorbene Kardinal Alfonso Lopez Trujillo hatte im Jahr 2003 für Schlagzeilen gesorgt, als er erklärte, der Gebrauch von Kondomen könne die Verbreitung von Aids fördern, weil sich die Menschen dadurch in falscher Sicherheit wiegen würden.

Afrika ist fruchtbares Terrain für die katholische Kirche. Ihre Anhängerschaft wächst dort so stark wie kaum irgendwo sonst; fast 20 Prozent der Bevölkerung sind Katholiken.

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