Kopten in Ägypten "Es ist kein Geheimnis, dass wir Angst haben"

Die Kopten sind in Ägypten eine Glaubensminderheit. Jahrhundertelang wurden die orthodoxen Christen diskriminiert, verfolgt. Viele haben aufgegeben und das Land Richtung Europa verlassen - doch es gibt auch Ansätze zur friedlichen Verständigung.

Von Christiane Zander, Kairo


Kairo - Keine Feier ohne Ajat. Das ist für Marina so sicher wie das Amen in der Kirche, schließlich ist Ajat ihre beste Freundin. Marina, koptische Christin, und die Muslimin Ajat sind 16 Jahre alt und leben in Kairo. Ägyptische Köstlichkeiten dampfen an diesem Sonntag auf der Festtafel in Marinas Elternhaus: Hackfleisch im Reisbett, gefüllte Weinblätter, kross gebackene Nudeln mit Honig und Nüssen zum Nachtisch.

Marinas Familie feiert an diesem Wochenende Pfingsten mit einem Freudenmahl, wie es Brauch ist bei den orthodoxen Christen; sie richten sich nach dem jüdischen Passah-Fest. Ajat ist herzlich eingeladen, denn in Marinas Familie spielt es keine Rolle, dass Ajats Gott Allah heißt und Jesus für sie ein Prophet von vielen ist. "Unser Glaube ist im Prinzip der gleiche", sagt Ajat. "Wir unterscheiden uns ja nur bei den Propheten."

Die beiden Teenager sind sich in ihrer Schule erst vor vier Jahren begegnet, doch mit ihrer Freundschaft haben sie Welten überbrückt. Denn für Marina und Ajat ist selbstverständlich, was in ihrem Land nicht gelingen will: dass Menschen unterschiedlicher Religionen tolerant und friedlich zusammenleben.

In der Arabischen Republik Ägypten mit dem Islam als Staatsreligion und 75 Millionen Einwohnern leben mehr als zehn Millionen Christen, vor allem Kopten, orthodoxe Christen, die lange vor den Muslimen in Ägypten siedelten.

"Wir sind besorgt um die Lage der Kopten in Ägypten", heißt es in einem Bericht der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Göttingen. "In der Vergangenheit wurden sie immer wieder von muslimischen Ägyptern schikaniert." Kopten würden bei der Job- und Wohnungssuche benachteiligt, seien praktisch chancenlos, wenn sie sich um ein öffentliches Amt oder gar einen Regierungsposten bewerben oder auch nur eine Kirche renovieren wollten.

1,5 Millionen Christen haben das Land verlassen

Die Zahlen, die die GfbV vorlegt, basieren auf den Forschungen des Kairoer Ibn Khaldoun Centers, das Menschenrechtsverletzungen religiöser Minderheiten in der arabischen Welt dokumentiert. Demnach kam es in den vergangenen vier Jahrzehnten zu mehr als 120 größeren Übergriffen auf Kopten und ihre Kirchen, Häuser und Geschäfte. Mehr als 4000 Kopten seien ermordet oder schwer verletzt worden.

Präsident Mubarak, der laut GfbV öffentlich bestritten hat, dass Kopten bedrängt würden, hat dennoch Zeichen gesetzt: Er machte 2003 den 7. Januar, an dem Kopten das Weihnachtsfest feiern, zum nationalen Feiertag und ernannte 2006 erstmals einen Kopten zum Gouverneur. "Doch diese Gesten werden nicht ausreichen, um den Kopten die Angst zu nehmen", sagt Ulrich Delius. Der GfbV-Afrika-Referent befürchtet einen Massenexodus, wenn die Kopten weiterhin bedroht und diskriminiert würden. 1,5 Millionen Christen haben ihr Ursprungsland im Lauf der Jahrzehnte bereits verlassen, die meisten in Richtung USA und Europa.

Marina und Ajat können diese Feindschaft zwischen den Religionen nicht verstehen. "Wir sind doch alle gleich", sagt Marina. "An unserer Schule gibt es sogar einen gemeinsamen Unterricht in christlicher und muslimischer Lehre." Die beiden besuchen allerdings eine besondere Schule: die Deutsche Schule der Borromäerinnen, die vor gut hundert Jahren durch Schwestern dieses katholischen Ordens im Zentrum von Kairo gegründet wurde. Knapp 800 Mächen lernen hier bis zum Abitur, ihre Eltern sind meist Akademiker und glauben an Allah. Marina und rund ein Drittel ihrer Mitschülerinnen gehören zur ägyptischen orthodoxen Christengemeinde der Kopten.

Mönche mit langen Bärten, Handys und Computern

"Unsere Kultur ist 7000 Jahre alt", bemerkt Pater Cedrack in perfektem Deutsch noch vor der Pforte seines Wüsten-Klosters St. Bishoi, das mit seinen Reliquien und Bilderwänden als schönste Kirche im ganzen Wadi an-Natrun gilt.

Das Kloster St. Bishoi wurde zu Beginn des 4. Jahrhunderts im Natrun-Tal gegründet, ein heiliges Tal zwischen Kairo und Alexandria. Denn schon im Altertum wurde aus seinen Salzseen Natron gewonnen für die Einbalsamierung der Gottkönige. Die heilige Familie soll auf der Flucht nach Ägypten durch dieses Tal gezogen sein; zu frühchristlicher Zeit entstanden hier zahlreiche Klöster und Einsiedeleien. "Wir sind direkte Nachfahren der Pharaonen - Kopte ist einfach die alte griechische Bezeichnung für Ägypter", erklärt Pater Cedrack.

Der Apostel Markus gründete in Alexandria die erste christliche Kirche, der Glaube breitete sich schnell über ganz Ägypten aus - bis im 7. Jahrhundert die Araber kamen. Die Christen, die nicht wie die Mehrheit der Bevölkerung zum Islam konvertierten, nannten sich weiterhin Kopten, Ägypter.

Nur vier Anlagen haben Beduinen-Angriffen und der Zeit getrotzt, St. Bishoi ist das größte von ihnen, eingebettet in blühende, bewässerte Wüstenlandschaft.

Die Mönche von heute gehen durchaus mit der Zeit, auch wenn sie mit ihren langen Mänteln, Bärten und Kapuzen nicht so aussehen. Sie haben Handys und Computer, sind Agrarexperten, Ärzte, Apotheker, Tischler, Bäcker - St. Bishoi lebt rund um die alten Klostermauern wie eine erfolgreiche autonome Stadt, mit 175 Mönchen.

"Wir respektieren eure Religion"

Pater Cedrack, ein 55-jähriger Tierarzt, spricht mehrere Sprachen und bereiste die Welt, bevor er sich für das Klosterleben entschied. Wenn er Pilger durch die uralten Räume führt, lenkt der Mönch das Gespräch auch auf die Lage seiner Glaubensbrüder. "Wir respektieren eure Religion, es gibt doch auch Freundschaften zwischen Moslems und Kopten", sagt Ahmed, muslimischer Reiseleiter einer deutschen Pilgergruppe. "Und sitzt nicht sogar ein Kopte als Finanzminister in der Regierung?"

"Ja, einer von 30 Ministern, ein Feigenblatt", entgegnet Cedrack. Hinter Klostermauern spricht der Pater aus, was sich sonst nur die emigrierten Kopten trauen. Selten wird man in Ägypten offiziell hören, dass die Kopten benachteiligt oder verfolgt werden. "Wir verstehen, uns anzupassen", sagt Cedrack und wirbt trotz allem für Toleranz. "Ich bin zuerst Ägypter und dann Christ. So wie jeder für mich zuerst Mensch ist. Die Muslime sind meine Brüder."

Tausende Kilometer weiter nördlich, in einem Barockkloster bei Höxter, sagt ein Mann genau dasselbe - Anba Damian, Mediziner, vor 53 Jahren in Kairo geboren.

Auch Anba Damian spricht perfekt Deutsch, auch er hat sich für das Klosterleben entschieden. In St. Bishoi ließ er sich Anba Damian zum Priester weihen, zusammen mit Pater Cedrack. 1995 schickte ihn Kirchenoberhaupt Shenouda nach Deutschland und machte ihn hier zum Generalbischof der koptischen Kirche.

6000 Mitglieder hat seine Gemeinde in der Bundesrepublik - mit besten Kontakten zu heimischen Christen. "Bis auf das Amt des Papstes unterscheiden sich Kopten und Katholiken kaum", sagt der Bischof. "Unser Patriarch Shenouda III. ist Nachfolger des Evangelisten Markus, Benedikt XVI. Nachfolger des Heiligen Petrus."

"Seit 1300 Jahren leben Kopten mit Muslimen zusammen"

In den fünfziger Jahren kamen die ersten Kopten nach Deutschland, sie verließen ihr Land, weil Präsident Nasser nach seiner Revolution die Landbesitzer enteignete - viele von ihnen waren Kopten.

Nicht wenige Christen würden auch heute auswandern, wenn sie Mittel und Möglichkeiten hätten, meint Bischof Damian. "Es ist kein Geheimnis, dass wir Angst haben." Gegen diese Angst setzt der Bischof auf den Dialog zwischen Moslems und Christen. "Seit 1300 Jahren leben die Kopten in Ägypten mit den Muslimen zusammen. Wir kennen ihre Mentalität, ihre Sprache, ihren Glauben", sagt der Bischof. "Deshalb können wir vermitteln und Verständigung schaffen. Wir können eine Brücke des Friedens bauen zwischen Christentum und Islam."

Damit eines Tages im Großen gelingt, was im Kleinen sogar in Ägypten möglich ist - eine Freundschaft wie die von Marina und Ajat.

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