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07. April 2010, 10:17 Uhr

Kosmetische Operationen

Wie man eine chirurgische Marktlücke entdeckt

Von Gunda Trepp

Brustvergrößerungen sind out - was Frauen in den USA dagegen zunehmend bei Schönheitschirurgen nachfragen, ist die sogenannte Vaginalverjüngung. Ein Eingriff, dessen Sinnhaftigkeit fraglich erscheint - und dessen Risiken die Ärzte herunterspielen.

San Francisco - Was seinen Beruf anbelangt, ist David Matlock mit Inbrunst bei der Sache. Der Gynäkologe und Schönheitschirurg geht jeden Montag, Mittwoch und Donnerstag in den Operationssaal, um in der - wie es in den USA so schön heißt - "intimsten Zone" seiner Patientinnen ein wenig Ordnung zu schaffen.

Matlock stutzt mittels Laserstrahl Schamlippen, näht Vaginas bis auf kleine Schlitze zusammen, oft strafft er auch die Haut um die Klitoris - immer, wie er sagt, den "eindringlichen Bitten" seiner Kundschaft folgend.

Unter Matlocks Patientinnen sind Teenager, die mit 15 Jahren von ihren Müttern in die Praxis gebracht werden, 40-Jährige, die finden, ihre Vagina sei nach den Geburten ihrer Kinder "ausgeleiert", und 30-Jährige, die mit einem "Playboy" in der Hand zu dem Arzt kommen, um ihm zu zeigen, wie sie nach dem Eingriff aussehen wollen.

Keine kosmetische Operation liegt in den Vereinigten Staaten derzeit so im Trend wie die sogenannte Vaginalverjüngung - die jährliche Zuwachsrate liegt bei mehr als 30 Prozent. 2008 wurden rund 3500 Patientinnen gezählt, 2010 werden es nach bisherigen Berechnungen um die 7000 werden.

David Matlock redet über die einzelnen Eingriffe wie ein Mentor über seine Schützlinge. Er ist der Guru des Marktes. Sein Erfinder. Dabei, sagt er, hatte er bei der ersten Operation vor 14 Jahren keine Ahnung, wie sehr er den Frauen "einmal helfen würde".

Damals, erzählt er, habe er die Vagina seiner 34-jährigen Patientin Susie nur verengt, weil sie nach vier Geburten beim Sport den Harndrang nicht kontrollieren konnte. "Es war eine rein medizinische Indikation", sagt Matlock, "die Muskeln können halt erschlaffen". Doch nach dem Eingriff rief Susie an und schwärmte, wie viel besser es nun im Bett laufe. Es folgte ein riesiger Blumenstrauß von Susies Ehemann und sein überschwängliches Dankeschön: "Ich habe meine Partnerin behalten und zugleich eine neue Frau bekommen." Matlock hatte eine Marktlücke entdeckt: die "Laser-Vaginalverjüngung zur Steigerung der sexuellen Befriedigung".

Bald weitete Matlock das Geschäftsfeld auf die Gestaltung der Schamlippen und der Klitoris aus und nannte das fertige Gesamtprodukt "Designervagina".

Natürlich blieb Matlock, der außer Medizin auch Wirtschaftswissenschaften studiert hat, nicht lange ohne Konkurrenz. Mittlerweile tummeln sich Hunderte Ärzte auf dem Markt, unter ihnen viele Schönheitschirurgen, die Zusatzgeschäfte brauchen. Schließlich ist die Nachfrage nach Facelifting und Brustimplantaten im rezessionsgeschüttelten Nordamerika 2009 um 18 Prozent zurückgegangen. Niemand prüft diese selbsternannten Experten, niemand gibt ihnen Richtlinien an die Hand.

"Chirurgen springen sie in diese Marktlücke"

Matlocks Kollegen Red Alinsod wäre es ohnehin am liebsten, wenn das ganze Geschäft im Zuständigkeitsbereich der Gynäkologen und Uro-Gynäkologen verbliebe - zumal der 51-Jährige mit 5000 bis 8000 Dollar pro Vaginaloperation nicht schlecht an diesem Geschäft verdient. Er selbst betont, ihm gehe es in erster Linie um die Sicherheit der Patientinnen. "Chirurgen sehen die weiblichen Geschlechtsteile einige Male während ihres Studiums oder wenn sie während der Praxisausbildung bei einer Geburt dabei sind", sagt er, "und trotzdem springen sie nun in diese Marktlücke. Was ihnen ermöglicht wird, weil sich die meisten meiner Kollegen zu fein sind, Vaginalverjüngungen durchzuführen".

Alinsod sagt, er führe um die 150 Operationen im Jahr durch und rühmt sich einer gewissen Kunstfertigkeit - wenn man ihm als Frau zuhört, möchte man instinktiv die Oberschenkel aneinanderpressen. "Wenn ich die äußeren Lippen mache", sagt Alinsod, "dann muss ich die inneren auch beschneiden, sonst sieht es nicht aus, und dann muss oft auch die Haut um die Klitoris herum weg, weil es sonst asymmetrisch wirken würde."

Die meisten seiner Patientinnen, die diese Prozedur über sich ergehen lassen, seien 20 bis 30 Jahre alt, sie wollten "schön sein" für ihre Berufe als Tänzerinnen, Schauspielerinnen oder Models, sagt er, oder einfach für ihre Partner.

Doch auch Vertreterinnen der Babyboomer-Generation, die heute 50 bis 60 Jahre alt sind, kommen in seine Praxis. Frauen, die sich schon Busen, Oberschenkel und Gesicht mehrmals generalüberholen ließen und nun auch den intimsten Winkel ihres Körpers vor der Natur retten wollen. Oder Teenager, deren Mütter die Qualen schildern, die ihre Töchter erleiden, wenn andere durch den Badeanzug die Konturen ihrer Schamlippen sehen können. Weg damit, lautet die Lösung der Erwachsenen.

"Ich behandle nur, wenn die Frauen es wirklich wollen"

David Matlock weiß ebenfalls Geschichten zu erzählen über junge Frauen, die er mit ein paar Schnitten zu "befreien" vermochte. Da war zum Beispiel das Mädchen, das sich schon minderwertig fühlte, als es gerade mal dem Sandkasten entwachsen war. Laut Matlocks Erzählung befand die junge Frau schon als Kind: "Da stimmt doch etwas nicht." Dr. Matlock half.

Er sagt, in seiner Praxis drehe sich alles um die Frau, um ihre Lust, ihr Selbstbewusstsein, ihre sexuelle Befriedigung. "Und ich behandle nur, wenn die Frauen es wirklich wollen", fügt er hinzu. "Sobald ich merke, dass ein Partner sie in etwas hineinzwingen will, sage ich nein." Es scheint kaum erfolgversprechend, mit einem Schönheitschirurgen, der auf dem Sunset Boulevard in Los Angeles residiert und sich auf seiner Homepage dem Kampf gegen das Altern verschreibt, eine Diskussion darüber zu führen, wie gesellschaftlicher Druck auf Frauen funktioniert, die - mit neuen Gesichtern und Brüsten ausgestattet - mutmaßen, dass sie für die Männerwelt immer noch nicht perfekt sind.

Auch auf fachliche Fragen - immerhin ist nichts von dem, was er tut, medizinisch gesichert - reagiert Matlock abwehrend.

Warum zum Beispiel soll es die sexuelle Lust von älteren Frauen steigern, ihre Vagina halb zuzunähen, wenn die Scheide ohnehin trockener wird und schon deshalb manchmal Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs auftreten? Entsteht Lust zudem nicht auch durch die Reizung der Klitoris und vor allem im Bewusstsein?

"Keine wissenschaftlichen Belege, dass diese Eingriffe Lust verstärken"

Die Vagina, behauptet Matlock, sei dabei mindestens ebenso wichtig. Sein Kollege Alinsod sagt das Gegenteil: "Ich verenge Vaginas, um meinen Patientinnen mehr Intimität mit ihren Partnern zu verschaffen. Der Orgasmus entsteht natürlich über die Klitoris." Doch wie kann er dann wiederum riskieren, an diesem hochempfindlichen Nerv Schnitte zu setzen?

"Frauen müssen verstehen, dass es keinerlei wissenschaftliche Belege dafür gibt, dass diese Eingriffe ihre Lust oder ihr sexuelles Empfinden verstärken", sagt Abbey Berenson, Ärztin und Mitglied der Amerikanischen Gesellschaft der Geburtshelfer und Gynäkologen. David Matlock dagegen verweist auf eine neue Studie, die er gemeinsam mit elf Kollegen durchgeführt hat und die zeige, dass mehr als 91 Prozent der 258 befragten Patientinnen mit den Resultaten der Eingriffe zufrieden seien. Mehr als die Hälfte der 258 behandelten Frauen habe nach der Vaginalverengung eine "signifikante Steigerung des Lustgefühls" verspürt.

"Es ist nicht auszuschließen", sagt dagegen seine Kollegin Berenson, "dass diese Frauen sich nun schöner finden und deshalb mehr Lust empfinden. Doch das ist Psychologie und hat mit Selbstwertgefühl zu tun."

Das Verkleinern der Vagina scheint der Umfrage zufolge das riskanteste Unterfangen zu sein. Während die Ärzte schildern, dass es bei einer Schamlippenbeschneidung in sieben Prozent der Fälle zu Komplikationen während und nach der Operation gekommen sei, berichten sie bei Vaginalverengungen in mehr als einem Viertel der Behandlungen von Problemen.

"Jetzt ist sie happy, und ich bin happy"

Schon 2007 hat die amerikanische Gesellschaft der Geburtshelfer und Gynäkologen gewarnt, dass Frauen dringend über Risiken wie Infektionen, ein völlig verändertes Gefühl im Genitalbereich oder anhaltende Schmerzen als Folgen der Eingriffe aufgeklärt werden müssten. Über eine zentrale Frage schweigt sich die Studie zudem völlig aus: Was, wenn die Frau nach einer der Operationen noch ein Kind bekommt? Das sei ein Thema, dem man sich "in Zukunft" widmen werde, schreiben die Autoren.

David Matlock muss das Gespräch beenden. Er tritt eine Reise nach Las Vegas an. Er ist müde, gestern stand er lange im OP. Im Moment, sagt er, sei die Vaginalverengung der am meisten nachgefragte Eingriff. Eine Prozedur, nach der laut seiner eigenen Studie mehr als 18 Prozent der Frauen über Spätfolgen klagen.

Matlock spricht lieber über die Zukunft. Er wolle kürzertreten, sagt der 48-Jährige, schließlich habe er sein Soll erfüllt, Patientinnen aus 50 Bundesstaaten und 30 Ländern behandelt und weit mehr als 200 Kollegen ausgebildet. "Nun können die Jüngeren mal ran, meine Frau und ich wollen viel reisen." Seine Partnerin ist 35, und nach zwei Geburten hat Matlock auch bei ihr seinen Spezialeingriff ausgeführt: "Jetzt ist sie happy, und ich bin happy."

Vor kurzem habe er neun Ärzte in Dubai ausgebildet. Endlich also können auch die Bürgerinnen des arabischen Emirats, nachdem sie bereits in manchen Hotels allein übernachten und ab und zu Taxi fahren dürfen, auch ihr Recht auf eine perfekte Vagina durchsetzen.

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