Kostüm-Debakel Australischer Mini-Hitler verstört jüdische Schüler

Ein Schüler in Australien hatte eine - seiner Meinung nach - sehr witzige Idee: Er verkleidete sich als Adolf Hitler. Und bekam sogar eine Auszeichnung dafür.

St Philips College in Alice Springs im australischen Northern Territory
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St Philips College in Alice Springs im australischen Northern Territory


Kostümdebakel in einer australischen Privatschule: Das St Philip's College in Alice Springs hatte zur Verkleidungssause anlässlich der beliebten "Buchwoche" aufgerufen. Ein Schüler wollte sich offenbar besonders hervortun und entschied sich, als Adolf Hitler zu gehen.

Bevor er jedoch das schwarze Schnauzbärtchen anklebte und die Haare zünftig scheitelte, ging der brave Junge zu seiner Lehrerein und bat um Erlaubnis für seinen geplanten, doch eher unkonventionellen Auftritt. Die Pädagogin hatte nichts gegen das Nazi-Outfit einzuwenden.

Der Mini-Hitler ging also zur Buchwoche - und wurde dort auch noch als einer der bestangezogenen Teilnehmer gelobt, berichtete ABC Australia. Und es kam noch schlimmer: Im Publikum saßen ausgerechnet Schüler einer jüdischen Austauschschule, dem Melbourne's Bialik College. Sie reagierten mit Ungläubigkeit und Entsetzen auf den kleinen NS-Diktator.

Dem Schuldirektor Roger Herbert gelang es laut eigener Aussage, die Wogen zu glätten. Er rief alle Gäste zusammen und entschuldigte sich. "Sie waren fantastisch", sagte er später über die offenbar sehr toleranten jüdischen Besucher. Der Schulleiter des Bialik Colleges, Jeremy Stowe-Lindner, sagte dem Sender ABC: "Ich glaube, das war nicht böse gemeint." Dass zufällig jüdische Schüler vor Ort waren, gebe der ganzen Gemeinde die Möglichkeit, aus dem Vorfall zu lernen.

"Er ist ein wunderbares Kind"

In einem offenen Brief betonte die Leitung der Privatschule, dass es sich um einen bedauerlichen Einzelfall handele. Der Direktor übernahm die volle Verantwortung: "Ich entschuldige mich vorbehaltlos bei Schülern, Lehrern und Gemeindemitgliedern, die dadurch beleidigt wurden", so Herbert. Man werde Sorge dafür tragen, dass sich Ähnliches nicht wiederhole.

Der Vorsitzende der australischen Anti-Diffamierungs-Kommission, Dvir Abramovich, sagte dem "Sydney Morning Herald", er sei schockiert angesichts des Ausmaßes der Ignoranz, die er in dem Fall beobachte. Er forderte eine obligatorische Holocaust-Fortbildung an allen Schulen Australiens.

Der Schüler, der die Aufregung verursachte, muss wohl keine Konsequenzen fürchten. Schließlich hatte er ja um Erlaubnis gefragt. "Er ist ein wunderbares Kind", sagte ein Elternteil der britischen "Daily Mail" zufolge. Demnach könne man dem Jungen keine bösen Absichten unterstellen. "Er ist leidenschaftlich an Geschichte und Politik interessiert. Es war Buchwoche, also hatte er all diese Geschichtsbücher gelesen. Kinder sehen die Dinge nicht so wie die Erwachsenen."

Die Lehrerin, die ihre Erlaubnis für das Kostüm gegeben hatte, soll derart am Boden zerstört sein, dass sich ihr Vorgesetzter ernsthaft Sorgen um sie macht: "Ich fürchte um ihr Wohlergehen."

ala



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