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25. August 2010, 07:22 Uhr

Krankenhaushygiene

Klinikärzte warnen Politik vor Aktionismus

Brauchen Deutschlands Kliniken schärfere Standards? Nach dem Tod der drei Babys in Mainz warnt der Marburger Bund die Politik vor einer Einmischung. Statt neuer Bestimmungen fordert die Ärztegewerkschaft mehr Personal für die Krankenhäuser.

Berlin/Düsseldorf - In der Debatte nach dem Tod von drei Babys an der Uniklinik Mainz hat sich der Marburger Bund gegen neue Hygienevorschriften für Krankenhäuser ausgesprochen. Der Vorsitzende der Ärztegewerkschaft, Rudolf Henke, warnte vor einer politischen Überreaktion. Es gebe keinen Mangel an Hygieneregeln und Standards, sagte Henke den "Ruhr Nachrichten". Ein Bundesgesetz sieht er daher nicht als notwendig an. "Kein Keim wird wegen eines bundesweiten Gesetzestextes sein Verhalten ändern", sagte Henke.

Zum Tod der Babys sagte Henke: "Hier scheint es sich um einen schrecklichen Einzelfall zu handeln." Das Bewusstsein für Hygiene sei beim Krankenhauspersonal in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Den drei Säuglingen, die an schweren Vorerkrankungen litten, war eine mit Bakterien verunreinigte Infusionslösung gegeben worden. Als wahrscheinlich gilt, dass die Erreger beim Zusammenmischen in der Apotheke der Klinik in die Lösung gelangten.

Dennoch forderte auch die Ärztegewerkschaft Konsequenzen aus dem Skandal. "In jedem Krankenhaus sollte es einen Hygieneplan, eine Hygienekommission und einen Hygienebeauftragten geben", sagte Henke der "Rheinischen Post". Die Kliniken müssten dafür Personal aufstocken. In keiner anderen Industrienation sei die Personalausstattung pro Patient so gering wie in Deutschland, sagte Henke.

Auch die Bundesärztekammer forderte mehr Hygiene-Spezialisten an Krankenhäusern. "Es ist richtig, dass die Krankenhäuser Hygiene-Fachkräfte einstellen müssen, die immer Schwachstellen bei der Hygiene auf der Spur sind", erklärte Vizepräsident Frank Ulrich Montgomery der "Thüringer Allgemeinen". "Es gibt ständig neue Analysemethoden, aber auch neue Technik, die unter die Lupe genommen werden muss."

Am Dienstag hatte Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) angekündigt, das Thema Krankenhaushygiene bei einer Konferenz mit seinen Fachkollegen aus den Ländern angehen und zusätzliche Regeln erläutern zu wollen.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte Krankenhäuser und Bundesländer: Es fehle an Hygienestandards. "Offenbar müssen erst Leichen auf der Straße liegen, bis einige Bundesländer aufwachen und ihrer Verantwortung gerecht werden", sagte Lauterbach dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Bisher gebe es in den meisten Ländern keinerlei verbindliche Hygienevorgaben für Kliniken, bemängelte Lauterbach. In zahlreichen Häusern würden einfachste Regeln missachtet. Deshalb fordere die SPD-Bundestagsfraktion eine bundesweit verbindliche Hygieneverordnung für alle Kliniken.

Auch der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn hatte sich am Montag für eine Erweiterung des Infektionsschutz ausgesprochen. Er sei zuversichtlich, dass sich dies trotz der Länderkompetenz für diesen Bereich verfassungskonform umsetzen lasse, sagte Spahn SPIEGEL ONLINE. "Über 600.000 Infektionen pro Jahr in Krankenhäusern sind ein Skandal." Die Menschen dürften nicht kränker aus den Krankenhäusern kommen als sie reingingen.

"Wir müssen prüfen, alle Patienten, die mit Infektionsverdacht ins Krankenhaus kommen, zu isolieren", forderte Spahn. Als Vorbild hat er dabei die Niederlande im Blick. Dort wird bereits derart verfahren. "Die Niederlande haben vorgemacht, dass das wirkt und die Zahlen der Infektionen senkt", sagte er.

phw/dpa/ddp/Reuters

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