Krankenhaushygiene Klinikärzte warnen Politik vor Aktionismus

Brauchen Deutschlands Kliniken schärfere Standards? Nach dem Tod der drei Babys in Mainz warnt der Marburger Bund die Politik vor einer Einmischung. Statt neuer Bestimmungen fordert die Ärztegewerkschaft mehr Personal für die Krankenhäuser.

Intensivstation für Frühgeborene in der Uniklinik Mainz: Diskussion über Hygieneregeln
dpa

Intensivstation für Frühgeborene in der Uniklinik Mainz: Diskussion über Hygieneregeln


Berlin/Düsseldorf - In der Debatte nach dem Tod von drei Babys an der Uniklinik Mainz hat sich der Marburger Bund gegen neue Hygienevorschriften für Krankenhäuser ausgesprochen. Der Vorsitzende der Ärztegewerkschaft, Rudolf Henke, warnte vor einer politischen Überreaktion. Es gebe keinen Mangel an Hygieneregeln und Standards, sagte Henke den "Ruhr Nachrichten". Ein Bundesgesetz sieht er daher nicht als notwendig an. "Kein Keim wird wegen eines bundesweiten Gesetzestextes sein Verhalten ändern", sagte Henke.

Zum Tod der Babys sagte Henke: "Hier scheint es sich um einen schrecklichen Einzelfall zu handeln." Das Bewusstsein für Hygiene sei beim Krankenhauspersonal in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Den drei Säuglingen, die an schweren Vorerkrankungen litten, war eine mit Bakterien verunreinigte Infusionslösung gegeben worden. Als wahrscheinlich gilt, dass die Erreger beim Zusammenmischen in der Apotheke der Klinik in die Lösung gelangten.

Dennoch forderte auch die Ärztegewerkschaft Konsequenzen aus dem Skandal. "In jedem Krankenhaus sollte es einen Hygieneplan, eine Hygienekommission und einen Hygienebeauftragten geben", sagte Henke der "Rheinischen Post". Die Kliniken müssten dafür Personal aufstocken. In keiner anderen Industrienation sei die Personalausstattung pro Patient so gering wie in Deutschland, sagte Henke.

Auch die Bundesärztekammer forderte mehr Hygiene-Spezialisten an Krankenhäusern. "Es ist richtig, dass die Krankenhäuser Hygiene-Fachkräfte einstellen müssen, die immer Schwachstellen bei der Hygiene auf der Spur sind", erklärte Vizepräsident Frank Ulrich Montgomery der "Thüringer Allgemeinen". "Es gibt ständig neue Analysemethoden, aber auch neue Technik, die unter die Lupe genommen werden muss."

Am Dienstag hatte Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) angekündigt, das Thema Krankenhaushygiene bei einer Konferenz mit seinen Fachkollegen aus den Ländern angehen und zusätzliche Regeln erläutern zu wollen.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte Krankenhäuser und Bundesländer: Es fehle an Hygienestandards. "Offenbar müssen erst Leichen auf der Straße liegen, bis einige Bundesländer aufwachen und ihrer Verantwortung gerecht werden", sagte Lauterbach dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Bisher gebe es in den meisten Ländern keinerlei verbindliche Hygienevorgaben für Kliniken, bemängelte Lauterbach. In zahlreichen Häusern würden einfachste Regeln missachtet. Deshalb fordere die SPD-Bundestagsfraktion eine bundesweit verbindliche Hygieneverordnung für alle Kliniken.

Auch der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn hatte sich am Montag für eine Erweiterung des Infektionsschutz ausgesprochen. Er sei zuversichtlich, dass sich dies trotz der Länderkompetenz für diesen Bereich verfassungskonform umsetzen lasse, sagte Spahn SPIEGEL ONLINE. "Über 600.000 Infektionen pro Jahr in Krankenhäusern sind ein Skandal." Die Menschen dürften nicht kränker aus den Krankenhäusern kommen als sie reingingen.

"Wir müssen prüfen, alle Patienten, die mit Infektionsverdacht ins Krankenhaus kommen, zu isolieren", forderte Spahn. Als Vorbild hat er dabei die Niederlande im Blick. Dort wird bereits derart verfahren. "Die Niederlande haben vorgemacht, dass das wirkt und die Zahlen der Infektionen senkt", sagte er.

phw/dpa/ddp/Reuters

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mischamai 25.08.2010
1. es gibt noch viel zu tun
Jedes Jahr sterben in deutschen Krankenhäusern etwa 20 mal mehr Menschen an Krankenhauskeimen als bei Verkehrsunfällen.Da fragt man sich schon warum man das doch sehr erfolgreiche Modell der Niederlande nicht übernimmt?
Hilfskraft 25.08.2010
2. Personalmangel
" ... fordert die Ärztegewerkschaft mehr Personal für die Krankenhäuser." Keime durch Personalmangel kann sein, muß aber nicht. Sicher, wenn es schnell, schnell gehen muß und ständig das selbe Personal vor Ort sein muß, bleibt keine Zeit für SOLCHE Dinge. Das ist nicht umbedingt dem Personal anzulasten. Es geht allerdings um ganz winzige Lebewesen und meist um ganz winzige Dinge, wie zum Beispiel das ständige Wechseln von Handschuhen. Latex an den Händen mag reinlich aussehen, muß es aber nicht sein, wenn das Personal mit den selben Handschuhen bereits sonstwo war. Mangelnde Vorstellungskraft, wo und wie Keime übertragen werden. Also mangelhafte Ausbildung spielt wohl auch eine große Rolle. Wer sich als Patient nicht mit Noro-Viren infiziert, war nicht im Krankenhaus. In den Niederlanden werden alle Neuzugänge erstmal als ansteckend angesehen und gesondert behandelt. übrigens: Deutsche besonders! Sie gelten als besonders kontaminiert mit Keimen. Wenn das nicht der Fall ist, kommen sie in den üblichen Betrieb hinein. Deutsche Krankenhäuser sind nicht nur beim Patienten seit langem als Keimschleudern verschrien, sondern allgemein auch im Ausland. Da sollten sich die Ärztegewerkschaft mal ganz schön geschlossen halten. H.
Peletua 25.08.2010
3. Das war schon immer so...
Das war schon immer so, das war noch nie so, und da könnte ja jeder kommen. Diesen drei heiligen deutschen Prinzipien folgt offenbar der Marburger Bund. So, so, es gibt also keinen Mangel an Hygieneregeln und Standards in deutschen Kliniken. Wie kommt es denn dann, dass mittlerweile in den Niederlanden Patienten, die aus deutschen Krankenhäusern kommen, erst einmal unter Quarantäne gestellt werden müssen? Man hat dort keine Lust auf multiresistente Keime, die sich bei uns offenbar trotz der großartigen Standards fröhlich ausbreiten dürfen. Dass deutsche Krankenhäuser unterbesetzt sind, wissen wir längst. Das niederländische Gesundheitssystem aber ist nach meiner Information noch ärger kaputtgespart worden als das deutsche; trotzdem hat man das Problem dort im Griff. Ich kenne allein zwei Fälle schwerwiegender, lang anhaltender Infektionen nach chirurgischen Eingriffen in deutschen Kliniken. Eine der beiden, eine ältere Dame, der vor sieben Jahren ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt wurde, hat seitdem eine große, permanent offene Wunde, die täglich versorgt werden muss. Die ehemals kraftvolle Frau sitzt heute, entsetzlich abgemagert und entkräftet, als schwerer Pflegefall im Rollstuhl, wenn sie es denn überhaupt dahin schafft. Die Klinik streitet jede Verantwortung ab.
hr_schmeiss 25.08.2010
4. ...nein, Gesetze müssen her!
Personal, wozu denn das? Personal hindert doch nur, wie übrigens die Patienten ja auch. Wir brauchen dringend mehr Gesetze, die das alles Regeln. Und alles muss noch viel besser dokumentiert werden. Heute geht vielleicht nur ein Drittel der Arbeitszeit für Dokumentation drauf. Sicher, das ist wichtig, aber ein gut Teil davon ist nicht mehr relevante Information über den Fall, sondern dient dazu, sich den A..., Rücken, frei zu halten. Wenn wir die ganze Arbeitszeit für lückenlose Dokumentation aufwenden würden, dann könnten weniger Fehler am Patienten passieren. Meine alte Chefin pflegte zu sagen: wenn etwas nicht dokumententiert ist, dann wurde es auch nicht gemacht. Der logische Umkehrschluss: Wenn es dokumentiert ist, dann wurde es gemacht. Oder?
ADie 25.08.2010
5. Deutschlands Krankenhäuser sind die gefährlichsten in Europa
Zitat von sysopBrauchen Deutschlands Kliniken schärfere Standards? Nach dem Tod der drei Babys in Mainz warnt der Marburger Bund die Politik vor einer Einmischung. Statt neuer Bestimmungen fordert die Ärztegewerkschaft mehr Personal für die Krankenhäuser. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,713609,00.html
Vor Kurzem wurde auf 3Sat über die dramatische Situation bezüglich des Infektionsrisikos für Patienten berichtet. Da äußerte ein Mediziner "Wenn ich operiert werden muss, gehe ich dafür in die Niederlande. In Deutschland ist das Risiko [sich mit multiresistenten Bakterien zu infizieren] einfach zu hoch". Da allerdings das deutsche Krankheitssystem zu den teuersten in Europa gehört, kann es ja wohl kaum an mangelndem Geld liegen. Wohl eher an Ärzten, die die Schuld überall, nur nicht in ihrem antiquierten Selbstbild.
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