Krawall-Opfer "Sie suchten ihr Glück, sie fanden den Tod"

Pakistan trauert: Drei junge Männer mit südasiatischen Wurzeln, darunter zwei Brüder, wurden während der Unruhen in Birmingham getötet. Ihre Familie fordert nun Gerechtigkeit - und hofft, dass der Tod der beiden keine weiteren Unruhen auslöst.

Hasnain Kazim

Aus Guliana in Pakistan berichtet  


Der Anruf kommt am Mittwochmorgen um 7.30 Uhr. Man wundert sich, es ist eine Nummer von den Verwandten in Birmingham. Dort ist es mitten in der Nacht, 3.30 Uhr. Was kann passiert sein, dass sie um diese Zeit anrufen?

Goshi Khan, 29, geht ans Telefon, ein großgewachsener Mann. Sie sind alle schon wach, es ist Ramadan, der islamische Fastenmonat, man isst und trinkt in dieser Zeit nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang. Die Familie hat deshalb schon gegen 4 Uhr gefrühstückt, manche haben sich danach wieder hingelegt.

Es ist ein Onkel. Er berichtet mit brechender Stimme, dass zwei seiner Neffen, Cousins von Goshi Khan, vor zwei Stunden ums Leben gekommen seien. "Jemand hat sie überfahren. Es ist noch ein Junge gestorben", sagt der Onkel.

Die Brüder Mussavir Ali, 31, und Shehzad Hussain, 30, sowie ein gemeinsamer Bekannter, Haroon Jahan, 21, sind tot, gestorben in der Nacht auf Mittwoch, in Winson Green, einem ärmlichen Viertel in Birmingham, in dem drei Viertel der etwa 25.000 Einwohner Einwanderer aus Pakistan, Indien und aus der Karibik stammen. Es war der tragische Höhepunkt der Krawalle in Großbritannien.

Die tragische Nachricht aus 6000 Kilometer Entfernung verbreitet sich schnell in Guliana, einem Ort etwa eine Autostunde von Pakistans Hauptstadt Islamabad entfernt. Mehrere zehntausend Menschen leben hier, für pakistanische Verhältnisse ist es trotzdem ein Dorf.

Ein schwarzer Wagen soll auf die jungen Männer zugerast sein, erzählt man sich, sie mit solcher Wucht umgefahren haben, dass die drei Körper durch die Luft flogen. Zwei Männer starben noch am Unfallort, einer - Shehzad Hussain - später im Krankenhaus. Zeugen berichten, dass die drei zu einer Gruppe von 21 jungen Leuten gehörten, die in Winson Green Wohnungen, Geschäfte und die Moschee vor Plünderern schützen wollten.

Es in Großbritannien zu schaffen, ist der Traum vieler Jugendlicher

Bislang war im Leben der Männer alles gut gelaufen. Mitte der siebziger Jahre wanderte Ghuzalfar Ali, Vater der beiden toten Brüder, gemeinsam mit seiner Frau von Guliana nach England aus. Wie die meisten pakistanischen Immigranten arbeitete er dort in einer Fabrik. In Birmingham wurden seine beiden Söhne geboren, sie waren von Anfang an britische Staatsbürger, besuchten in England die Schule. Sie fanden hier und da Arbeit, betrieben dann eine Autowaschanlage in Birmingham. Es war ein bescheidenes, aber glückliches Leben. Die beiden Jungen blieben der Herkunft ihrer Eltern verbunden. "Sie sind regelmäßig nach Guliana gekommen", erzählt Mohammed Irshad.

Der alte Mann sitzt im Innenhof des Hauses. Die Sonne scheint, ab und zu kommen Gäste vorbei und nehmen wortlos Platz auf Plastikstühlen und auf den hölzernen Bettgestellen, den Charpois. Drinnen, im Haus, liegt die Großmutter der toten Brüder, sie mag im Moment mit niemandem sprechen. Auch ein alter Onkel will nicht reden, er ist blind und ein bisschen verwirrt, er schimpft vor sich hin und legt sich dann schlafen. Manche Besucher murmeln ihr Beileid, umarmen die Angehörigen, einige sprechen leise ein Gebet. Tee und selbst Wasser lehnen sie dankend ab, es ist ja Fastenzeit.

Irshad ist der Bruder des Großvaters der beiden Getöteten. "Aber der lebt schon seit vielen Jahren nicht mehr, für Mussavir und Shehzad war ich der Großvater", sagt er und lächelt. "Fast alle aus meiner Familie sind nach England gegangen, um dort ihr Glück zu suchen. Zwei von ihnen fanden jetzt den Tod."

Nahezu jede Familie in dieser Region hat Verwandte in Großbritannien. Es dorthin zu schaffen, ist der Traum eines jeden Jugendlichen. Die Bäckerei im Ort heißt "Manchester Bakery", die örtlichen Reisebüros haben Billigflüge von Islamabad direkt nach Birmingham und Manchester im Angebot, auf vielen Autos klebt am Heck ein "GB"-Schild. In den Sechzigern und Siebzigern brauchte England billige Arbeitskräfte. Auch danach war es relativ einfach, eine Aufenthaltsgenehmigung und später die britische Staatsbürgerschaft zu bekommen. Dann kam der 11. September 2001, und für Pakistaner wurde es schwierig, auch nur ein Touristenvisum zu bekommen. Seither hoffen die meisten jungen Leute auf einen Ehepartner mit britischem Pass.

Vater eines Getöteten wird zum Symbol der Versöhnung

Mohammed Irshad und Goshi Khan sagen, dass sie nicht nach England wollen. "Ich hatte noch nie vor, dorthin zu reisen. Jetzt will ich es erst recht nicht", sagt Khan. Irshad ergänzt, er sei ohnehin zu alt, um seinen Wohnort zu wechseln.

Von den Unruhen in Großbritannien hatten sie zuerst in der Zeitung gelesen, es war kein großes Thema in Pakistan. Erst mit dem Tod der drei ist es eine pakistanische Angelegenheit geworden, alle Zeitungen und Fernsehsender berichten an prominenter Stelle darüber. Sie haben gehört, dass der Vater von Haroon Jahan, dem dritten Opfer, in Birmingham vor die Kameras getreten ist und sich dem Ruf nach Rache entgegengestellt hat.

"Ich will kein weiteres Leiden sehen, keine weiteren Verletzten. Mein Sohn ist gestorben, weil er versucht hat, die Gemeinschaft zu verteidigen, in der er lebte. Wir sind alle Teil dieser Gemeinschaft. Also, geht jetzt nach Hause", rief er einer aufgebrachten Menge zu. Mit diesen Worten tat er mehr für den Frieden auf den Straßen als mancher Politiker. Jahan gilt seither als Symbol der Versöhnung.

Die Angehörigen von Mussavir Ali und Shehzad Hussain sind stolz auf diesen Mann. Stolz auch auf den pakistanischen Botschafter in London, der ebenfalls zur Ruhe aufgefordert hat. "Wir wollen doch nur in Frieden leben, hier in Pakistan wie in England. Wir wollen niemand Leid zufügen. Es ist gut, wenn die Unruhen ein Ende haben", sagt Irshad.

Am Donnerstagnachmittag erfahren sie von der Festnahme der mutmaßlichen Täter, drei junge Kerle zwischen 16 und 26. Jemand aus Birmingham hat die Familie angerufen, überhaupt klingelt das Telefon alle zehn Minuten, die Verwandten in England unterrichten die Familie in Pakistan über den Lauf der Dinge, auch über den Gesundheitszustand der Eltern der toten Brüder. Die Mutter ist mit einem Schock zusammengebrochen, der Vater erlitt schon früher drei Herzinfarkte, außerdem hat er Diabetes, auch er muss jetzt medizinisch versorgt werden. Man spricht über alte Zeiten, weint zusammen, lacht auch ab und zu.

Zwei Dinge seien ihnen jetzt wichtig, sagen Mohammed Irshad und Goshi Khan, der Ersatzgroßvater und der Cousin: dass die Täter verurteilt und bestraft und dass die Leichen von Mussavir Ali und Shehzad Hussain möglichst bald der Familie übergeben werden. "Dann können wir sie begraben und beginnen, die Sache zu verarbeiten", sagt Irshad. Noch befänden sich die Körper der Toten in der Gerichtsmedizin. Die Familie habe sich auch noch nicht geeinigt, ob die Männer in England oder in Pakistan beerdigt würden.

Zuletzt waren die beiden Brüder im vergangenen Jahr in Guliana. Die ganze Familie war im Innenhof versammelt, wo jetzt die Trauernden sitzen. Damals haben sie gelacht und getanzt und gefeiert, es war die Hochzeit von Shehzad Hussain. Die junge Witwe lebt nun in Birmingham. Sie erwartet in einigen Wochen ein Kind.

insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Koana 12.08.2011
1. Die Wut - wo bleibt man von ihr verschont?
Zitat von sysopPakistan trauert: Drei junge Männer, darunter zwei Brüder mit südasiatischen Wurzeln, wurden während der Unruhen in Birmingham getötet.*Ihre Familie fordert nun*Gerechtigkeit - und hofft, dass der Tod der beiden*keine weiteren Unruhen auslöst. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,779860,00.html
Ich finde das Wort Empörung trifft ein angemessenes Gefühl, Wut führt nie zu einem guten Ziel.http://oberham.wordpress.com/2011/08/12/wenn-die-tonne-brennt/
captain_ahab 12.08.2011
2. journalismus...
Zitat von sysopPakistan trauert: Drei junge Männer, darunter zwei Brüder mit südasiatischen Wurzeln, wurden während der Unruhen in Birmingham getötet.*Ihre Familie fordert nun*Gerechtigkeit - und hofft, dass der Tod der beiden*keine weiteren Unruhen auslöst. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,779860,00.html
pakistan trauert? hängen die fahnen da tatsächlich auf halbmast? ganz pakistan? alle 132 millionen? wer ist das bloß, pakistan?
rhodensteiner 12.08.2011
3. Keine wichtigeren Probleme in Pakistan?
Zitat von sysopPakistan trauert: Drei junge Männer, darunter zwei Brüder mit südasiatischen Wurzeln, wurden während der Unruhen in Birmingham getötet.*Ihre Familie fordert nun*Gerechtigkeit - und hofft, dass der Tod der beiden*keine weiteren Unruhen auslöst. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,779860,00.html
Na, die haben wohl keine Probleme in Pakistan, oder wie? Die sollen mal lieber öffentlichwirksam über: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,779596,00.html und die dabei gemordeten 385 Zivilisten trauern. Dann würde der Terror aus der Luft vielleicht irgendwann mal aufhören.
KurtFolkert 12.08.2011
4. ...
ja und jetzt?
tamtamm 12.08.2011
5. da hat der Vater des
toten Haroon Jahan wirklich sehr weise gehandelt. Und entspricht auch den islamischen Glaubensansätzen. Denn es hat sogar schon 2005 rassistische Unruhen zwischen Pakistanern und Schwarzen gegeben. Die Ursache war ein Gerücht. Und wohin Gewalt führt müsste ja mittlerweile hinreichend bei jedem angekommen sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.