Krawalle in London "Ekelhaft und schockierend"

Ausgebrannte Häuser, geplünderte Läden, viele Verletzte - nach den schweren Krawallen ähnelt der Londoner Stadtteil Tottenham stellenweise einem Kriegsgebiet. Ein Jahr vor Olympia fragen sich viele Einwohner: Was ist eigentlich in unserer Stadt los? Und was macht schon Siebenjährige so aggressiv?
Von Sebastian Borger
Krawalle in London: "Ekelhaft und schockierend"

Krawalle in London: "Ekelhaft und schockierend"

Foto: Facundo Arrizabalaga/ dpa

Von "opportunistischer Gewalt" spricht Vize-Premier Nick Clegg, die örtlichen Labour-Abgeordneten verweisen auf Sozialkürzungen gerade für junge Leute. Nach dem Wochenende mit den schwersten Krawallen seit langer Zeit in London versuchen sich Politiker an Erklärungen.

Wie ernst man in Westminster die Lage beurteilt, macht eine Entscheidung von Theresa May deutlich: Die Innenministerin brach an diesem Montag ihren Sommerurlaub ab und will sofort mit der Polizeiführung das weitere Vorgehen beraten. Denn wer kann ausschließen, dass den beiden Krawallnächten nicht weitere folgen?

Londons Vize-Bürgermeister Kit Malthouse macht sich vor allem Sorgen um das Image der Stadt, in der in knapp einem Jahr die Olympischen Spiele steigen: Das "ekelhafte und schockierende Geschehen", sagte der Konservative, "sieht nicht gut aus, das ist ziemlich übel für London".

Die Empörung entzündete sich am Tod des 29-jährigen Mark Duggan, der am Donnerstagabend erschossen wurde. Mitten auf der Ferry Lane, einer belebten Ausfallstraße in Tottenham, stellten ihn bewaffnete Beamte der Spezialeinheit Trident, die zur Bekämpfung der Bandenkriminalität unter jungen Schwarzen eingesetzt wird. Duggan starb durch zwei Schüsse aus der Heckler & Koch MP5 eines Polizisten. Ob es zu einem Schusswechsel kam, wie es zunächst hieß, oder der polizeibekannte Duggan seine mitgeführte Pistole gar nicht einsetzte, blieb am Montag unklar.

Londons Polizei leidet unter massivem Vertrauensverlust

Auch das genaue Obduktionsergebnis hielt die unabhängige Behörde IPCC, die jedem Schusswaffen-Gebrauch durch Polizisten nachgeht, unter Verschluss. Anstatt den Gerüchten Transparenz und Information entgegenzustellen, schwieg die Behörde. Am Sonntag hatte die IPCC-Leiterin Rachel Cerfontyne lediglich der "kategorisch falschen Spekulation" widersprochen, wonach der bereits überwältigte Duggan polizeilich exekutiert worden sei. Doch da war der anfangs friedliche Protest schon längst in Gewalt umgeschlagen.

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Krawalle in London: Flammen, Gewalt, Plünderungen

Foto: Ki Price/ AFP

Der Tod von Duggan fällt in eine Zeit, in der die Londoner Polizei ohnehin unter massivem Vertrauensverlust leidet: Die einst hochangesehene Polizeibehörde Scotland Yard steckt in einer tiefen Krise. Kurz nach den verheerenden Terror-Anschlägen in der Londoner U-Bahn wurde im Juli 2005 tatsächlich ein Unschuldiger erschossen, weil die Beamten ihn für einen weiteren Terroristen hielten. Dem schrecklichen Versehen folgte jahrelange Verschleierung - wie im Fall des Zeitungsverkäufers, der im April 2009 am Rand der G-20-Krawalle von einem Polizisten zu Boden geschubst wurde und starb.

In der Abhöraffäre des Murdoch-Konzerns mussten im vergangenen Monat der Polizeipräsident und sein Abteilungsleiter den Hut nehmen; Ordnungshüter und Berichterstatter waren sich auf gefährliche Weise zu nahe gekommen, von Korruption und Vetternwirtschaft ist die Rede.

Auf die Explosion der Gewalt im Nord-Londoner Stadtteil Tottenham in der Nacht auf Sonntag war Scotland Yard nicht ausreichend vorbereitet, so viel räumt Abteilungsleiter Steve Kavanagh ein: "Wir hatten zu wenige Beamte vor Ort", sagt der Polizeiführer der BBC.

Deutlich härter fiel die Reaktion der Ordnungshüter in der darauffolgenden Nacht aus. In Edmonton, Waltham Forest - nur wenige Kilometer vom Brennpunkt Tottenham entfernt - sowie im Südlondoner Stadtteil Brixton lieferten sich einige Hundert junge Leute Straßenschlachten mit der Polizei, schlugen Fensterscheiben ein, plünderten Geschäfte. Unter den Krawallmachern seien Siebenjährige gewesen, berichteten Augenzeugen der "Sun".

Die Polizei nahm in der ersten Krawallnacht 56 Personen fest, in der Nacht zum Montag folgten weitere 100, Insgesamt erlitten 40 Polizisten Verletzungen; Experten schätzen die Schadenssumme auf bis zu 100 Millionen Pfund. Fast beschwörend verweisen Politiker und Experten darauf, es habe sich um "eine verschwindend geringe Minderheit" gehandelt.

"Diesem Viertel ging es ohnehin schon schlecht"

Doch was macht diese Wenigen derart aggressiv? Tottenhams Labour-Abgeordneter David Lammy wies auf das Offensichtliche hin: "Die Unruhen fanden nicht in wohlhabenden Stadtvierteln wie Kensington statt, sondern in den ärmsten Bezirken." Dort, wo die härtesten Sozialkürzungen seit 30 Jahren schon jetzt spürbar sind. Wo junge Leute kein Abitur mehr machen können, weil die Regierung den Zuschuss zum Lebensunterhalt von wöchentlich 30 Pfund gestrichen hat. Wo die Jugendarbeitslosigkeit bei 25 Prozent liegt, Tendenz steigend.

"Diesem Viertel ging es ohnehin schon schlecht", sagt Lammy und wählte dann deutliche Worte, um die Folgen der Krawalle und Plünderungen für die große Mehrheit der Bewohner zu beschreiben: "Jetzt wurde dem Viertel auch noch das Herz herausgerissen."

Viele wollen schnellstmöglich weg aus Tottenham. Andere bleiben erst recht. Hinter der armseligen Fassade herrschen gute Gemeinschaft und funktionierende Nachbarschaft zwischen den unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gruppen.

Das gilt auch und gerade für das Hochhaus-Viertel Broadwater Farm. Hier kam es im Jahr 1985 zu brutalen Krawallen, bei denen ein Polizist vom Mob erstochen und beinahe enthauptet wurde. Hier wuchs der erschossene Duggan auf, seine Familie ist geblieben. 39 unterschiedliche Sprachen werden hier gesprochen. Anders als vor einem Vierteljahrhundert gibt es Läden und vorzügliche Schulen, sogar einen preisgekrönten Kindergarten.

Die Zentralregierung und die Bezirksverwaltung haben im vergangenen Jahrzehnt viel Geld in die Entwicklung des Stadtteils gesteckt. Ein neues Fitness-Zentrum mit Hallenbad ist entstanden, das neue Kulturzentrum wurde nach Lammys Vorgänger Bernie Grant benannt. Doch nun stehen viele Läden und Anlaufstellen in Schutt.

Auf die Investitionen nimmt der Abgeordnete in einem Beitrag für den "Guardian" Bezug, wenn er von Tottenham als einem "hoffnungsvolleren Ort als 1985" spricht. Aber Lammy warnt auch vor der Wiederholung der Fehler von damals, als nach den Krawallen das Viertel schnell in Vergessenheit geriet: "Das dürfen wir nicht wieder zulassen."

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