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Jugendgewalt in London: Der Alptraum der Mare Street

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Krawalle in London "Ich bin so ratlos, dass ich lachen muss"

Die Buchhändlerin ist guter Dinge, der Fernsehverkäufer kämpft ums Überleben, eine Anwohnerin schwankt zwischen Angst und Ekstase: Im Londoner Stadtteil Hackney setzten Jugendliche Autos in Brand, plünderten und randalierten. Auch hier entscheidet sich nun, ob London zur Ruhe kommen wird. Ein Besuch.
Von Jochen Brenner

Als sich die ersten Jugendlichen auf der Clarence Street zusammenrotten, zieht Eleonore Loewenthal das Sicherheitsgitter ihres kleinen Ladens nach oben und dreht das Schild auf "Open". "Alle in meiner Nachbarschaft verbarrikadierten sich", sagt sie, "aber ich hatte keine Angst." Sie schiebt ihren kleinen Holzhocker unter dem Tresen vor, nimmt "Tiere essen" von Jonathan Safran Foer zur Hand und liest, während draußen die Sirenen durch Hackney lärmen. "Ganz ehrlich", sagt Loewenthal, 29 Jahre alt, seit neun Monaten Mutter, "die Jungs da draußen sahen nicht so aus, als hätten sie es auf die Shakespeare-Gesamtausgabe abgesehen." Loewenthal gehört der kleine Buchladen in der Lower Clapton Road im Osten Londons.

Es ist der dritte Tag, an dem in London abends und nachts Krawalle ausbrechen, und ein wenig haben sich die Londoner daran gewöhnt, dass ihre Stadt im Fieber liegt. Warum es nun ausgerechnet Hackney erwischte, können die Menschen auf der Straße nicht erklären. Ihr Viertel ist weder Problembezirk noch Villengegend, am Clapton Square stehen millionenteure Stadthäuser unter Denkmalschutz, eine Straße weiter bröckelt Putz von den viktorianischen Fassaden.

Plötzlich flogen die ersten Steine

Es kursiert aber eine Theorie in Hackney darüber, wie alles anfing. Am Montagnachmittag wurden zwei Schwarze auf der Mare Street in der Nähe des pittoresken Rathauses von Polizisten kontrolliert. Sie fuhren mit einem Einsatzwagen vor, sprangen heraus und legten den beiden Handschellen an. So erzählen es Augenzeugen. Um sie herum bildete sich eine Menschentraube, die immer weiter wuchs. Einen der Männer ließ die Polizei dann frei, der andere blieb in Gewahrsam, als plötzlich die ersten Steine flogen. Die Polizisten stürmten vor, die Passanten versuchten sich zu retten und die, die jetzt noch nicht genug hatten, legten richtig los. Sie setzten zwei Polizeiautos in Brand, plünderten die Filialen der Supermärkte Tesco und Spar, und irgendwann entdeckten sie den Eckladen von John Harris.


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Harris ist 66 Jahre alt, ein kleiner Mann mit tiefen Falten und einem Marlboro-Lachen, an dem er seit 44 Jahren mit zwei Schachteln pro Tag arbeitet. Er sagt nicht viel, kommt hinter seinem Tresen vor und zeigt auf eine Urkunde an der Wand. "Wenn dieser schreckliche Krieg vorüber ist, werden Sie Ihren Laden weiterführen können", verspricht der Bürgermeister von Hackney darin, mit Unterschrift und Siegel.

"Verdammt aktuell", sagt Harris. Der Brief stammt von 1917, und er erreichte Harris' Großvater im Ersten Weltkrieg an der Front irgendwo in Frankreich.

Der Krieg draußen auf den Straßen Londons hat Harris nun, fast hundert Jahre später, schon wieder fast alles genommen. "Harris Eletrical Ltd." ist seit drei Generationen im Familienbesitz, und der Enkel muss verteidigen, was der Großvater erkämpfte. Harris junior hat den Laden vergrößert, das Sortiment erweitert und ist der Euronics-Kette beigetreten. Auf den rund hundert Quadratmetern lagerte bislang, wonach sich die Jugendlichen von Hackney so sehr sehnen: Flachbildfernseher, Handys, Computer.

Das meiste ist jetzt weg. Sieben junge Männer schlugen mit Steinen so lange auf die Schaufenster von Harris' Laden ein, bis der Weg frei war. So haben es Passanten beobachtet. Eine Überwachungskamera zeichnete auf, wie die Jugendlichen Fernseher um Fernseher aus dem Laden schleppten.

"Wir haben gezittert wie die Hühner"

Harris hat die Bilder ausgedruckt und trägt sie nun ständig mit sich herum, jeder soll die Gesichter sehen. "Ich bin so ratlos, dass ich den ganzen Tag schon lachen muss", sagt er und berät nebenbei eine alte Dame beim Waschmaschinenkauf. Er hat den Laden am Morgen nach dem Überfall wie seit 40 Jahren geöffnet, immerhin sind ihm die Dinge geblieben, die niemand schnell wegtragen kann. Die Dame hat von der Attacke nichts bemerkt und wundert sich nur ein wenig, warum es bei Harris im Laden plötzlich so dunkel ist.

Er hat seine Angestellten gleich morgens, als er den Schlamassel entdeckte, in den Baumarkt geschickt. Sie vernageln nun die Schaufenster mit Spanplatten, hämmern, sägen, und mit jedem Stück Holz, das sie anbringen, wird es bei "Harris Electrical Ltd." ein bisschen dunkler. Mit der letzten Platte wird Harris in wenigen Stunden die noch offene Lücke von innen schließen und eingemauert wie ein Gefangener auf den Einbruch der Nacht warten.

"Wenn sie wiederkommen, bin ich vorbereitet", sagt er. Wie er sich schützt? "Kein Kommentar."

In der Parallelstraße patrouillieren inzwischen die Deeskalationsteams der Metropolitan Police. Die Bobbys tragen neongelbe Jacken zu ihren hohen Hüten und sprechen jeden an, der so aussieht, als interessiere er sich für günstige Flachbildfernseher. Sie ahnen, dass sich bald entscheidet, ob London der Terror erhalten bleibt - oder wie ein Gespenst nach Mitternacht verschwindet.

Yvonne Walker hat trotz ihrer 62 Jahre in der Nacht eine Matratze in den ersten Stock des kleinen Hauses an der Clarence Street gezerrt und eine Freundin eingeladen. Sie verriegelten die Tür, schlossen zweimal ab, legten sich im ersten Stock ein Kissen auf den Fenstersims und sahen hinab. "Das war wie im Krieg", sagt sie. "Meine Freundin und ich, wir haben gezittert wie die Hühner." Sie erzählt von den vielen jungen Männern, die sich am Flaschencontainer gegenüber nur bedienen brauchten. "Bisschen Benzin rein und - wums machte es", sagt sie und errötet ein bisschen, weil das Wums möglicherweise ein wenig zu begeistert klang.

Und wer waren die jungen Männer? "Ich will jetzt nicht rassistisch klingen", sagt sie, "aber die waren alle schwarz, Gott ist mein Zeuge."

Für die Nacht hat Walker ihre Freundin wieder eingeladen. Die beiden haben nun auch ein Fernglas zur Hand. "Nur für den Fall, dass es wieder losgehen sollte."

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